Richard Dawkins ist ein geduldiger Mensch. Wieder und wieder versucht er, das Selbstverständliche so verständlich zu präsentieren, dass es auch die verständnislosesten Unverständigen verstehen können. Oder könnten...?Sein Einstieg ist simpel: Man stelle sich einen Geschichtslehrer vor, der sich tagein, tagaus gegen die Behauptung wehren müsste, die alten Römer hätten nie existiert, alle romanischen Sprachen hätten sich nicht aus dem Lateinischen entwickelt, sondern wären vor kurzem gleichzeitig entstanden. Außerdem wären sämtliche archäologischen Funde raffinierte Fälschungen böswilliger Wissenschaftler. Und einflussreiche Lobbyisten würden dafür sorgen, dass diese Ideen in die Lehrpläne der Schulen aufgenommen werden.Verrückt, oder? Aber das ist die Situation, in der sich die Biologie heute befindet. An die 40% der Bevölkerung (in Deutschland weniger, in den USA oder Polen dafür mehr) glauben, dass sich das Alter der Erde in Tausenden und nicht in Milliarden von Jahren misst, und dass Menschen und Dinosaurier gleichzeitig die Erde bevölkert haben. Weitere 40% glauben, dass es vielleicht früher losging, aber dass auf jeden Fall irgendein höheres Wesen die Hand im Spiel gehabt hat.Dawkins nennt diese Spezies Geschichtsleugner. Sie sind genau die Leserschaft, an die sich das Buch eigentlich wendet. Und das ist leider auch genau die Leserschaft, die das Buch nicht gelesen hat und nicht lesen wird, außer vielleicht um es als Blasphemie zu verdammen. Der Rest verschließt die Augen vor der Wahrheit, wie ein Kind, das auf diese Weise die unliebsame Wirklichkeit verschwinden lässt.Dawkins gibt sich wirklich Mühe. Selbst die hanebüchensten Argumente der Kreationisten werden widerlegt, wie zum Beispiel der Hinweis auf fehlende Funde von Fossilien evolutionärer Zwischenstufen, als wären die Fossilien, die entdeckt wurden, nicht schon ein Luxus und Beweis genug für die genialste und schlüssigste Theorie aller Zeiten.Dabei kommt den Geschichtsleugnern zugute, dass der Begriff „Theorie“ zweideutig ist: Für einen Wissenschaftler ist sie ein Gedankengebäude, das in der Lage ist, beobachtete oder gemessene Fakten schlüssig zu erklären, das aber geändert werden kann (und muss!), wenn neue Fakten der bestehenden Theorie widersprechen. Ganz anders verstanden wird die Theorie als Gegensatz zur Praxis, also als unrealistisches, hypothetisches und nicht bewiesenes Konstrukt. Nur so ist es zu verstehen, dass Kreationisten von der Evolutionstheorie als „nur einer Theorie“ sprechen und sie damit auf das Niveau einer Glaubenslehre herabzuziehen versuchen.The Greatest Show on Earth ist eine reich bebilderte und äußerst vergnügliche Lektüre, zumindest für Anhänger des freien und rationalen Denkens. Ich fand es um einiges leichter zugänglich als The Selfish Gene oder The Extended Phenotype, die tiefer in die Genetik eintauchen und deshalb streckenweise etwas unverdaulich daherkommen. Biologen werden nicht mehr viel dazulernen, aber es bietet allen anderen die Chance, ihr Verständnis für diese elegante und einfach schöne Theorie noch zu vertiefen.