Analysen über die Krise des Westens im allgemeinen und die Krise der USA im besonderen gibt es wie Sand am Meer. Sollte man Zeit und Geld investieren, sich mit einer weiteren auseinanderzusetzen? Definitiv ja! George Packers "Last Best Hope: America in Crisis and Renewal" gehört zu den ergiebigsten Bestandsaufnahmen unserer Gegenwart, die zur Zeit erhältlich sind. Dabei gibt er freimütig zu, daß er aus keiner neutralen Position heraus argumentiert. Trump ist für ihn der Satan, der alles Schlechte dieser Welt in seiner Person verkörpert. Im Gegensatz zu vielen anderen Analysten gibt Packer jedoch zu, daß der Haß, der seinem (liberalen) Milieu und seiner (urban-akademischen) Person entgegenschlägt, genauso verständlich-nachvollziehbar-gerechtfertigt ist wie sein Haß gegenüber Trump-Amerika. Er sieht sein Land in vier Milieus eingeteilt, die einen unerbittlichen Kampf um die Seele der Nation führen, wobei eines gerade dabei ist, den Sieg zu erringen.Free America, Smart America, Real America, Just America – wer die Fronten des gegenwärtigen Kulturkampfes verstehen will, so Packer, müsse diese vier Idealvorstellungen der Nation verstehen. "Free America" ist das Amerika von Deregulierung und Steuersenkungen, für welches die Reagan-Zeit die goldene Ära darstellt. "Smart America" ist das Amerika der Kosmopoliten und Leistungsorientierten. "Real America" ist das Amerika der weißen Arbeiterklasse, deren Lebensstil (Glaube, Waffen, Patriotismus) von den liberalen Küsteneliten mit Verachtung betrachtet wird. "Just America" ist das Amerika der akademischen Diversity-Krieger, für die Amerika ein auf Rassismus und Unterdrückung aufgebautes System darstellt, welches Sühne zu leisten habe. Parteipolitische seien "Free America" und "Real America" den Republikanern, die anderen beiden den Demokraten zuzuordnen. Trumps Wahlsieg 2016 und sein respektables Abschneiden 2020 sei Ergebnis seiner Allianz mit "Real America", welches von allen anderen als primitiv und minderwertig mißachtet und somit mißverstanden werde: "But he [Trump] had a reptilian genius for intuiting the emotions of Real America – terra incognita to elites on the right and left." (109)Seit einigen Jahren, so Packers, erringe "Just America" einen Sieg nach dem anderen. Universitäten und Medien seien längst unter Kontrolle dessen Repräsentanten. Bei ihnen drehe sich alles um Rasse, wobei den Weißen die Errichtung einer Unterdrückungsmatrix vorgeworfen wird, die es nun zu brechen gelte. Mittel hierzu seien ethnisch-rassisch ausgerichtete Quotierungen nahezu sämtlicher Lebensbereiche, Sprachregelungen, das Phänomen der "Cancel Culture" und die Säuberung des Medien- und Kulturbereichs von Menschen, die sich den Idealen von "Just America" widersetzen. Der Trumpismus kann nur als eine Gegenbewegung hierzu verstanden werden.George Packer fühlt sich abgestoßen von Trumps "Real America", aber genauso graut es ihm vor der totalitären Selbstgerechtigkeit von "Just America". Im Juni 2020 veröffentlichte die linksliberale New York Times einen Kommentar des Republikaners Tom Cotton, in dem dieser gewaltsame Maßnahmen gegen die im Rahmen der George-Floyd-Proteste ausgeübten Gewaltexzesse befürwortete. Dies mißfiel vielen Mitarbeitern und Lesern der Zeitung, woraufhin der für die Kommentare verantwortliche Redakteur gefeuert wurde. Diese Machtdemonstration von "Just America" hat Maßstäbe gesetzt: "This professional execution sent an unmistakable message, not just to the paper but to the world of journalism: the rules in Just America are different. The parameters of publishable opinion are a lot narrower than they used to be. A written thought can be a form of violence. The loudest public voices in a controversy will prevail. Offending them can cost your career. Justice is power. These new rules are not based on liberal values; they are post-liberal." (134)Im abschließenden Kapitel "Make America Again" unterbreitet Packer Vorschläge zur Überwindung der gegenwärtigen Spaltung. Dazu gehören unter anderem gigantische steuerfinanzierte Infrastruktur-, Bildungs- und Sozialprojekte, die just in diesen Tagen die Biden-Administration durchs Parlament zu boxen versucht. Zum anderen wirbt er dafür, die sozialen Netzwerke zu verlassen und sich wieder der physischen Welt zuzuwenden, um dort ins Gespräch zu kommen. Hierzu empfiehlt er auch ein militärisches oder soziales Pflichtjahr für junge Leute, wie es auch gerade wieder in Deutschland diskutiert wird."Last Best Hope" ist ein Buch eines Amerikaners über sein Land. Dennoch ist es auch für Europäer und Deutsche überaus lesenswert. Die Kulturrevolution von "Just America" entfaltet etwas zeitverzögert seine destruktive Kraft mittlerweile auch bei uns. Ständiges Moralisieren, Sprachregeln und die Säuberung ganzer Lebens- und Berufsbereich von Vertretern abweichender Meinungen gehören auch in Deutschland mittlerweile zur Tagesordnung und werden vom etablierten polit-medialen Komplex selbst praktiziert und somit beworben. Dies wird die Spaltung unseres Landes in den kommenden Jahren massiv vertiefen. Eine Gegenbewegung – das zeigt der Blick in die USA – ist nur eine Frage der Zeit.