Frühmorgens um drei Uhr mit der Arbeit beginnen, im Zuckerstaub die Zähne ruinieren, Maschinen durch Muskelkraft ersetzen und wenig verdienen. Diese verhängnisvolle Mischung führte dazu, dass mein Vater seinen geliebten Beruf als Bäcker und Konditor irgendwann aufgab und Dorfpolizist wurde. Als solcher wirkte er zuhause nur noch in seinem alten Beruf, wenn es um den geheiligten Sonntagszopf ging. Der Rezensent ist also wie Jürgen Klinsmann ein Bäckerssohn. Und als solcher liebt er bis auf den heutigen Tag gutes Brot. Aber weil „gut“ in seiner Wohngegend nicht vorkommt oder auf unverschämte Weise relativiert wird, fährt er gelegentlich meilenweit, um ein wirklich schmackhaftes, nicht aufgebackenes Brot zu erhalten. Seine Frau würde dem ganzen Elend gerne ein Ende bereiten, hat jedoch genügend damit zu tun, die eigenen Brotgelüste zu befriedigen. Denn weil sie an Zöliakie leidet und verführerisches glutenfreies Brot noch seltener ist, schaut sie verständlicherweise zuerst für sich.Mit diesen Vorgeschichten machte ich mich an die Lektüre. Entgegen meiner Gewohnheiten nahm ich das Vorwort erst später zur Kenntnis. Und zwar ohne schlechtes Gewissen. Denn Sasa Noël und Heike Grein sind so begnadete Grafikdesignerinnen und Foodfotografinnen, dass ich vor lauter Staunen das Buchstabenentziffern vergessen hatte. Bessere visuelle Werbung für das Brothandwerk kann ich mir schlecht vorstellen.Zu Beginn werden die Leserinnen und Leser in die Backschule von Sara Witwer gebeten. Dort lernen sie die notwendige Ausrüstung und die wichtigsten Zutaten kennen. Natürlich war ich etwas enttäuscht, dass dem Thema „Brot ohne Gluten“ nicht einmal zehn Zeilen gewidmet werden. Aber vielleicht führt dieses Buch dazu, dass in unserem Haushalt bald zwei Brotlinien verfolgt werden. Das hieße allerdings auch, zwei Sorten Sauerteig anzusetzen und zu pflegen. Wie aufwendig dies ist, wird in der Backschule ebenfalls vermittelt. Von meinem Vater weiss ich noch, dass gute Bäcker dem Hauptteig die verdiente Ruhe gönnen. Und beim Kapitel „Formen“ erinnerte ich mich an die Geschwindigkeit, mit der mein Vater einen Zopf auf den Tisch zauberte.Nach den Ausführungen zum Backen folgen ab Seite 50 die Brotrezepte und Bäckergeschichten. Das ist gleichzeitig der Startschuss für den fulminanten Auftritt von Daniel Mattes, der die Bäckerporträts verfasste. Mattes gelingt es, die Leidenschaft zu vermitteln, mit der sich eine meist jüngere Generation von Brothandwerkern gegen die Vertreter der Industriebrotwelt durchsetzen konnte. Bezeichnenderweise entsprechen die Lebensläufe dieser Vorkämpferinnen beiderlei Geschlechts nur selten dem, was in HR-Abteilungen gern gesehen wird.Mein Fazit: Nicht nur Bäckerinnen und Bäcker sollten auf die besten Zutaten achten, sondern auch die Verlagsverantwortlichen. Und weil das bei diesem Buch ganz offensichtlich der Fall war, sind lediglich fünf Sterne schon beinahe eine Beleidigung. Auch wenn ich nicht alle Rezepte der mitmachenden Backstuben persönlich überprüft habe, gehe ich davon aus, dass sie ebenso hohe Qualitätskriterien erfüllen, wie dies bei der Grafik, den Bildern und den Texten der Fall ist. Ein Hoch auf Sturköpfe, Pioniere, Suchende und Genussmenschen.
Klappentext:„Ein Stück frisches Brot, und die Welt ist in Ordnung. So einfach die Zutaten sind, so gross ist die Kunst, daraus knuspriges und aromatisches Brot zu backen. »Brothandwerk« ist eine Hommage an einen der ältesten Berufe: Es porträtiert 16 Bäckerinnen und Bäcker, die aus ganz unterschiedlichen Richtungen in die Backstube gefunden haben, die Tradition pflegen und das Handwerk weiterentwickeln. Sie haben den Autorinnen auch die Rezepte ihrer Charakterbrote verraten: Früchtebrot, Dinkel Seelen, Safranbrot – bald strömt der Duft dieser Spezialitäten aus dem heimischen Ofen. Damit das gelingt, vermittelt dieses Buch in einer Backschule grundlegendes Wissen zu Getreide, Ausrüstung und Verarbeitungsschritten. Es begleitet auf dem faszinierenden Weg vom Quellstück, Vorteig oder Sauerteig bis zum fertigen Laib, und macht deutlich, dass es eben nicht nur Mehl, Wasser und Salz braucht, sondern auch Zuwendung und Zeit.“„Unser täglich Brot…“ naja, Sie wissen schon. Ohne diesen Laib geht in keinem Haushalt irgendwas. Brot gehört zum leben dazu. Dieses wunderschöne und fast Coffeetable-Book-artige Buch ist wie eine liebevolle Hommage. Brot-backen ist eine Kunst, denn der Teig macht es nicht nur allein aus, sondern auch die Geduld, die richtigen Zutaten, der Ofen….und ein wenig Liebe des Bäckers oden drauf. Wir dürfen in diesem Buch 16 Bäcker:innen kennenlernen und uns ihre Leidenschaft erlesen. Jeder pflegte diese Zunft auf seine Weise und hat somit auch seine eigenen Rezepte. Ein paar davon sind der Autorin des Buches anvertraut worden und wir dürfen in den Genuss kommen, diese nachzubacken. Bei diesem Buch bleibt es nicht aus, dass einem das Wasser im Mund zusammenläuft. Man bekommt unglaublich Lust auf eine Scheibe Brot - am besten pur. Ein weiteres Highlight in diesem Buch sind aber nicht nur die Rezepte und die Porträts sondern die Erklärungen und Beschreibungen der richtigen Zutaten und Hilfsmittel. Der Leser wird hier Schritt für Schritt an die Kunst des Brot-backens herangeführt - da kann nichts schief gehen!Alles in allem ein wunderschönes, faszinierendes und gar liebevolles Buch zum Thema Brot: 5 von 5 Sterne.