Der dritte Roman der Tetralogie hat wie alle anderen sieben Hauptstücke oder Großkapitel – auch das ein Beispiel des hochentwickelten Formbewusstseins des Autors. Es musste schon eine heilige Zahl sein. Überhaupt sind die Verweis- und Beziehungstechnik, die Rahmungen, Vor- und Nachbereitungen wichtiger Ereignisse, die Leitmotivhandhabung stupend. Von den wiederholten Bezügen auf das Neue Testament und dem Bezug auf die meisten in der Philosophiegeschichte behandelten Grundfragen und eingenommenen Perspektiven ganz zu schweigen. Thomas Mann erweist sich als rechter Kulturbold. Da kann man manches überlesen, wenn man mag, besonders auch die ägyptisch-ethnologischen Feinheiten und das name-dropping ihrer vexierenden Gottheiten. Die meisten Leser aber wird am ehesten die Psychologisierung der handelnden Personen und ihrer Beziehungen begeistern. Trotz mehrtausendjährigem Abstand zu ihnen und obwohl uns Opferriten, Prachtentfaltung, Sklavenwirtschaft und sakraler Staatskult fremd anmuten, sind es doch Menschen aus unserem Fleisch und Blut, die uns unter vielen Perspektiven zum Verwechseln ähnlich sind. Die paar Tausend Jahre kommen da gar nicht weiter in Betracht wie der Erzähler z.b. in der Höllenfahrt auch selber feststellt. Beispiele subtilster Psychologisierung sind etwas Mut-em-Enets Liebesverrücktheit, ein Liebesrasen und eine Liebesblödigkeit. Ein anderes ist Potiphars hohle Würde, sein wunder Punkt. Auch da spart der Autor nicht mit ironischen Anzüglichkeiten, Petepre ist wie er und alle wissen eben kein rechter Truppenoberst, sondern nur ein Titeloberst, aber letzten Endes ist seine Person mit großem Zartgefühl behandelt, weit entfernt von dem schrillen, karnevalesken Schabernack, der mit Dudu, dem Ehezwerg getrieben wird. Petepre hat keine „wirklichen“ wichtigen Funktionen, außer dem Repräsentieren. Das gibt ihm in den Augen seines Schöpfers ( des Autors ) schon einen großen Sympathievorschub, denn damit kannte sich Thomas Mann ja aus. Auf der anderen Seite ist er natürlich nicht blind für die Probleme und Empfindlichkeiten, die sich daraus ergeben. Und im übrigen macht Potiphar das Beste daraus. Er lässt sich pflegen, genießt kulinarisch und ist bildungsbeflissen. Er lässt sich gern vorlesen.Auch Gericht und Urteil am Ende des Romans setzen ihn als weisen und maßvollen „ersten Freund Pharaos“ in Szene. Wie schon in den ersten beiden Romanen des Zyklus arten Begegnungen und Dialoge zwischen den Protagonisten regelmäßig aus. Das ist einfach so. Davon muss man ausgehen. Wen das stört, der ist selber schuld. Es ist auch irgendwie Geschmackssache. Auch gegen Opern wird ja gelegentlich von unfreundlichen Zuhörern vorgebracht, dass dort bisweilen tödliche Verletzte noch einmal gegen jede Plausibilität aus voller Brust ihr Leben erzählen und ihr „Verseufzen“ bedauern. Opernfreunde stört das nicht. Thomas-Mann-Liebhaber empfinden da ähnlich. Wenn sich da bei einer Zufallsbegegnung im Garten zwischen Josef und Potiphar gleich beim ersten Mal eine Argumentationshöhe ergibt, bei der jedem professoralen Leiter eines Oberseminars die Tränen in die Augen kommen würden, nun ja – und ? was ist dabei ?. Also worum geht es ? Der Roman beginnt mit Josefs Reise nach Ägypten. Reise ist gut – er ist verkaufter Sklave und wird dorthin geschleppt. Über die Feste Zel gelangen sie ins äffische Ägypterland. Josef wäre nicht Josef, wenn er dabei nicht eine Fülle von Eindrücken aufnähme und sich sein Teil dächte. Er ist offen und neugierig und trotz Sklavenstatus selbstbewusst. Im dritten Kapitel kommt die Karawane vor Potiphars Haus, welches Josef erwirbt wie der alte Kaufmann es beabsichtigt hat. Dieses dritte Kapitel, in dem um Josef gefeilscht wird und bereits die Zwerge und Mont-kaw eingeführt werden, ist ein komödiantischer Höhepunkt des Romans. Gerd Westphal liest dieses Kapitel in der Audio-Version umwerfend. Im vierten Kapitel rückt Josef schon zum stummen Diener für die Eltern Potiphars auf und gewinnt tiefe Einblicke. Im fünften etabliert er sich weiter und rückt mit dem Tod Mont-kaws zum Hausmeier auf. Er ist durch sein charmantes Wesen, durch seine sagenhafte Beschlagenheit und Diplomatie in religiös-kulturellen Dingen und die psychologische Stützung, die er dem eigentlich aufgabenlosen und obendrein kastrierten Dienstherrn erweist, diesem ans Herz gewachsen und eigentlich unersetzlich. Im vorletzten und letzten Kapitel kann diese Idylle keinen Bestand haben. Missgunst und Neid bei Dudu, dem phallischen Däumling, sind dem vorausgegangen. Josef wird zum erotischen Notfall für Mut-em-Enet, die Mondnonne, Potiphars Weib. Bevor sie sich völlig vergisst, richtet sie noch eine halbherzige Bitte an ihren Gatten, Josef, den Asiatenjungen, aus dem Hause zu entfernen. Auch in diesem Dialog der Gatten geht es wieder – nicht mehr überraschend – echt oberseminarmäßig endlos um kulturelle Schicklichkeiten und Unschicklichkeiten. Josef bleibt und das bekannte Verhängnis nimmt seinen Lauf. Die scharfe Mondnonne drängt sich Josef auf. Der widersteht immer noch, versucht ihre Glut mit einem Schwall beruhigender Worte zu löschen. Indessen „steht sein Fleisch gegen seinen Geist auf“. Es ist höchste Zeit. Er nimmt Reißaus und sucht „in wenig meierlicher Verfassung das Weite“. Die plötzlich geistesgegenwärtige Amunskebse schreit das Haus zusammen und bezichtigt Josef. Er kommt nicht weit. Potiphar macht Schnellgericht. Verurteilt Josef zu Kerkerhaft und Dudu, den Giftzwerg, zum Herausschneiden der Zunge, wenn auch nur der halben. Kastraten, Giftzwerge, spinnwebdünne Gazekleider, Hexensabbat und scharfe Mondnonnen - man ist begeistert und darf es sein, denn es ist ja Hochkultur. Der Gegenstand und die Ausführung.