Der Rezensionstitel hat auch damit zu tun, dass ich ein uneingeschränkter Stefan-Zweig-Verehrer bin. Aber auch ohne diese Voreingenommenheit verdient dieses Buch, verdienen diese Analysen dreier Schriftsteller des 19.Jahrhunderts, ihres Lebens und ihres Schaffens meine Bewunderung und Empfehlung. Die Gewichte sind recht ungleich verteilt, denn Balzac und Dickens erhalten zusammen weniger als die Hälfte des Buches, worin deutlich einerseits Zweigs Begeisterung für Dostojewski, andererseits allerdings auch die objektive Bedeutung des "Russen aller Russen" hinsichtlich seines literarischen und psychologischen Schaffens begründet liegt.Im Nachwort wird deutlich, wie viel Stefan Zweig an dieser Arbeit lag und wie schwer er sich zeitweise auch damit getan hatte.Zu seiner sprachlichen Brillanz, die er hier und in allen seinen Schriften zeigt, gehören auch die typischen Wiederholungen und Intensivierungen (meistens in Dreiergruppen), die ein anderer Leser verzeilich findet, die mir aber ganz besonders gefallen, sind sie doch ein Spiel mit der Sprache und zeigen ganz besonders, wie vielfältig und schön unsere deutsche Sprache ist.
Der Autor Zweig bietet in diesem Buch mehr eine Mischung zwischen Biografien und Essays. Eines kann Stefan Zweig gewiss besser als die drei Protagonisten, Balzac, Dickens und Dostojewski, er schreibt verständlicher und flüssiger und nicht so ums Eck. Seine Sätze und Formulierungen schweifen zwar auch ganz gerne aus, das Wesentliche bleibt aber im Focus und man verzettelt sich nicht in Nebensächlichkeiten oder an Nebenschauplätzen. Chapeau!
Balzac, Dickens, Dostojewski - Repräsentanten der hervorstechenden Länder des 19. Jahrhunderts, Frankreich, England, Russland. So wie die Länder in den Umbrüchen waren, so haben deren Dichter dieses repräsentiert.Frankreich in der Phase der erstarkten Gesellschaft und der Einzelnen musste sich in seinem Kampf ums Dasein einbringen zur Stärkung oder zur Kritik. Balzac bemüht sich, in Klarheit, intensiven Hinsehen, den Mensch in der Gesellschaft darzustellen und zwar so, dass am Ende das Gute, das Glückliche für beide herauskam, für den Menschen und seine Gesellschaft.England, die industrielle Revolution im vollen Gange, die ersten sozialpolitischen Schriften Adam Smith kamen auf den Markt, der Mensch als Mitglied einer Familie wurde gestärkt, um in der Veränderung der Gesellschaft keinen Schaden zu erleiden. Dickens, ein Verfechter von Tradition und Familie brachte Wärme in die englischen Häuser und ein Stück dieses Englands auf das europäische Festland.Russland, ganz anders, weit entfernt von irgendwelchen Verbesserungen der Gesellschaft. Wie das Land, war die Gesellschaft zerklüftet und der einzelne Mensch in ihr. Dostojewski weiß seine Protagonisten in dieser Zerrissenheit zu zeigen, weil er selbst geboren in armen Verhältnissen, gelitten unter wechselnden politischen Verhältnisse am Ende und doch nur sehr kurz sein Leben im Besseren sah. Seine Romane und Erzählungen sind voll von Leiden, jedoch nie mit dem Ziel, mit dem Glück zufrieden zu sein. Sein Bestreben geht immer darüber hinaus und das macht seine Stücke lesenwert, weil sie tief gehen in die menschliche Seele.In Deutschland ist er vergleichbar mit Nietzsche, Kleist und vielleicht Hölderlin, das Dämonische umfasst alle vier. (vgl. auch Stefan Zweig, Der Kampf mit dem Dämon).Stefan Zweig ist ein Meister der Beobachtung, ein Meister des Erkennens und ein Meister der Sprache, die das Erkannte zu beschreiben in jeder Phase vollendend genügt.