Der Schriftsteller Kogito Choko, das alter ego Oes, beschreibt sich selbst im Buch als Deprikloß, armseligen Alten und lebensmürben King Lear. Oe zitiert seinen Freund Edward Said, wenn er sinniert, dass „wahre Künstler im Alter keinesfalls gereift oder versöhnt sind, sondern umgekehrt, in ihrem Spätwerk den Dingen erst auf den Grund gehen. Und manchmal werden sie dabei von wahren Katastrophen heimgesucht.“ Manchmal kommen die Katastrophen in verspäteten alten roten Koffern ... und manchmal nicht.Oes Spätwerk ist zutiefst persönlich, menschlich, intim zugleich aber auch politisch. Das ungewöhnliche Aufeinandertreffen großer Bescheidenheit und gleichzeitig maximalem Anspruch auf Wahrhaftigkeit, schaffen diesen Oe typischen Stil, in dem größte Komplexität in fast schon verstörend wirkender Schlichtheit daher kommt, und Hubert Spiegel bringt es in der FAZ auf den Punkt:Oe hat immer schon Dialoge geschrieben, die so spröde sind, dass man beim Umblättern der Seiten befürchtet, sie würden zerbröseln wie welkes Laub.Trotzdem, oder gerade wegen diesen Schreibstils, bin ich seit Jahren ein großer Bewunderer des Autors.Trotzdem, oder gerade deshalb, erhielt Oe vor langer Zeit den Literaturnobelpreis.Schön, dass der Meister nochmal nachgelegt hat, von mir natürlich 5 Sterne!Leute: LESEN!!!
Zuallererst: Das Buch ist keinesfalls schlecht. ABER:Ich hatte erwartet, eine Geschichte über den Tod eines Vaters und die Verarbeitung dieses Verlusts durch den Hauptprotagonisten zu lesen, so wie es im Titel und auf verschiedenen Internetseiten beworben wurde. Dies wurde tatsächlich auf eine sehr einfühlsame Weise umgesetzt, jedoch viel zu kurz. Wenn man das Hauptthema des Buches auf seinen Kern reduzieren würde, käme man gerade einmal auf 200 Seiten. Die Geschichte über den Sohn des Hauptcharakters und die Herausforderungen, ein Vater zu sein, fand ich zwar sinnvoll und konnte einige wichtige Lehren daraus ziehen, aber das ist nicht das, was mich am meisten gestört hat.Für mich war die überwiegende Nebengeschichte der Caveman-Gruppe inakzeptabel und sogar langweilig. Ja, ich verstehe, dass diese Gruppe ebenfalls die Vater-Sohn-Beziehung behandelt, aber allzu oft wiederholte sie, was in den vorherigen 5-10 Seiten passiert war, und wandte sich dann völlig anderen Themen zu, die nichts mit dem Kern des Buches zu tun hatten. Ich musste auch etwa 30 Seiten überspringen, die sich ausschließlich mit einem ablenkenden Theaterstück beschäftigten, das nicht zum Buch passte. Meiner Meinung nach war das eine Art Füllmaterial.Außerdem, wie bereits in früheren Rezensionen erwähnt wurde, sollte man andere Bücher von Oè gelesen haben, bevor man sich an dieses Buch wagt. Ich hätte das gerne im Voraus gewusst, da oft auf diese Bücher verwiesen wird.
Alterswerke bei Schriftstellern, die einen gewissen Rang erlangt haben, sind meist etwas ganz Besonders. Entweder lesen sie sich als eine meist brillante Zusammenfassung all dessen, was das literarische Werk des Autors über die Jahrzehnte seines Schaffens ausgemacht hat, andernfalls aber auch als eine geniale Neuerfindung eines Schreibenden, der auch in hohem Alter noch Zuflucht, Erfüllung und Ausdrucksmöglichkeit in der Literatur sieht.Der Roman Der Nasse Tod des japanischen Schriftstellers Kenzaburo Oe ist eines jener Alterswerke, das man als eine Erscheinung beschreiben kann, die beide eben aufgeführten Phänomene zusammenführt. Der Literaturnobelpreisträger, der gemeinsam mit Yasunari Kawabata bis heute nur der zweite ist, der diese höchste Auszeichnung für sein Land erreichen konnte, fasst in Der nasse Tod sowohl sein literarisches Schaffen bis zum damaligen Zeitpunkt zusammen, eröffnet aber zeitgleich auch eine neue Dimension in seinem Oeuvre, an die er sich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewagt hat. Und das ist eben die Geschichte, die man gewissermaßen als die Urerfahrung des literarischen Werkes jenes 1935 in Ose geborenen Weltautors nennen kann: der mysteriöse Tod seines Vaters. Oe war zehn, als sein Vater im Sommer 1945 während eines mächtigen Sturms in ein kleines Boot stieg und auf dem Fluss umkam, ohne dass jemand die genaueren Umstände genauer benennen könnte. Der junge Oe meint, sich aus zwei Perspektiven an diesen Tod erinnern zu können: einmal möchte er als kindlicher Beobachter am Ufer gestehen haben, gleichzeitig allerdings aus einer vermeintlich neutralen Perspektive über dem Handlungsgeschehen geschwebt und alles mit angesehen haben.Kenzaburo Oe ist geschickt genug, sein eigenes Ich in ein anderes Ich abzuwandeln und somit in diesem „Roman über meinen Vater“ den Schriftsteller Kogito Choko in sein Heimatdorf zurückkehren lässt, der dort einen roten Lederkoffer abholt, in dem Dokumente lagern, die ihm bei seinem lebenslangen Vorhaben, einen Roman über eben diesen mysteriösen Tod des Vaters zu schreiben, unterstützen könnten. Abgesehen vom anderen Namen sind allerdings zwischen Kenzaburo Oe und Kogito Choko nahezu keine Differenzen festzustellen. Die Titel von Chokos erfolgreichen Romanen und Theaterstücken sind dieselben wie die, auf die auch Oe selbst zurückblicken kann; nicht zuletzt sein in Deutschland erst viele Jahre nach seinem Erscheinen herausgekommener Roman Der Tag, an dem er selbst mir die Tränen abgewischt (1971).Auch Der nasse Tod erschien in Deutschland erst einige Jahre nach seinem erstmaligen Erscheinen in Japan, nämlich erst 2018 (statt 2009) in einer Übersetzung von Nora Bierich bei S. Fischer. Es ist bereits der sechste Band, in dem sich Oe in seiner literarischen Parallelfigur des Kogito Choko verkapselt und somit in gewisser Weise eine literarische Fortführung seiner vorangegangenen Erfolgsbücher. Doch man muss festhalten, dass dieser Roman auch in vielerlei Hinsicht anders ist, als man möglicherweise erwarten könnte, wenn man den Untertitel und die Kurzusammenfassung des Fischer Verlags liest. Denn so ist Der nasse Tod zwar durchaus eine Beschreibung dessen, was Kenzaburo Oe alias Kogito Choko über seinen Vater erzählen möchte, doch in großen Teilen auch noch viel mehr und etwas vollkommen anderes als das. Während Oe bereits seit jungen Jahren mit dem Gedanken gespielt hat, diesen Roman über seinen Vater zu schreiben, kam es dazu nie. Er hatte bereits einen Prolog verfasst und an seine Mutter geschickt, die noch gemeinsam mit der Schwester in demselben Dorf lebte, in dem auch Choko aufgewachsen ist. Die Mutter reagierte nicht auf den Anfang des Manuskripts, schickte es auch nicht an ihren Sohn, den Urheber, zurück, sondern tat ihn – wie Choko viele Jahre später erfuhr – in den roten Koffer mit weiteren Materialen über den Vater. Erst zehn Jahre nach dem Tod der Mutter erhält Choko einen Brief von seiner Schwester, die sich bereit erklärt, ihm die Utensilien zu überreichen Diese allerdings enttäuschen, nachdem er sie gesichtet hat; neben dem Wiederfinden eben jenes Prologs, den er damals an seine Mutter geschickt hatte, finden sich im Koffer nur ein paar alte Besitztümer des Vaters wie Bücher und Hefte, die nichts über sein Wesen und schon gar nichts über seinen Tod auszusagen vermögen.Choko scheitert an seinem Vorhaben, die Geschichte zu erzählen, nicht zuletzt deshalb, weil es ihm an belastbarem Material und dem Willen seiner Verwandtschaft fehlt, ihn bei seinem Vorhaben zu unterstützen. Der nasse Tod ist also von Anfang an nicht der Roman, den Choko bzw. Oe ein Leben lang schreiben wollte, sondern vielmehr das Buch, das die Geschichte erzählt, warum dieser Roman niemals zu Papier gebracht wurde.Man muss als Leser dieses Romans zweifellos interessiert am Beruf des Schriftstellers, an Gedanken und am Philosophieren über das Schreiben sein, um Gefallen an diesem Buch zu finden. Denn Oe erzählt keine Geschichte im klassischen Sinne, die von Beschreibungen, Anekdoten, farbigen Bildern und lebendigen Menschen lebt, sondern vielmehr einen Roman, der einen Strich unter das setzen soll, was er ein Leben lang gemacht hat. Die Figuren und Geschichten der Personen, die ihn ein Schriftstellerleben lang begleitet haben, tauchen wieder auf; darunter eben vor allem seine Mutter und auch sein Vater, die er bereits satirisch – sich selbst nicht ausgenommen – im Roman Der Tag, an dem er selbst … beschrieben hat. Oe leitet diesen Rückblick auf sein literarisches Schaffen ein mit einer Begegnung mit dem Theaterintendanten Masao Anai und der Dramaturgin Unaico, die eben dieses Werk von Oe bzw. Choko auf der Theaterbühne inszenieren wollen. Die Romane und die wichtigen erzählerischen Werke seines Lebens werden also noch einmal erwähnt, bekommen ihre Namen und ihre Geschichten zurück und werden aus der Perspektive der neuen Zeit inszeniert. Große Teile des Romans werden eingenommen von Dialogen zwischen dem Ich-Erzähler und diesen beiden Personen; die Suche nach der Geschichte des Vaters gerät bei mindestens 80 Prozent des Umfangs dieses Romans ins Hintertreffen. Bedauerlicherweise.Denn so nachvollziehbar der innere Kampf von Kenzaburo Oe und sein Ringen mit der Thematik, die ihn von Kindheit an beschäftigt, sein mag: in literarischer Form umgesetzt erscheint dieses Experiment im Alterswerk an vielen Stellen problematisch. Es muss zu Beginn festgehalten werden, dass Oe über ein hervorragendes erzählerisches Talent verfügt. Immer, wenn man zu diesem mehr als 400 Seiten starken Roman greift, hat man das Gefühl, in gewisser Weise neu einzutauchen in das Geschehen und den Plot; auch wenn der Roman an vielen Stellen Längen aufweist, verliert man nicht den Mut, dass man am Ende doch noch in gewisser Weise die Geschichte erzählt bekommt, die man haben möchte: die Geschichte des Vaters. Doch anstelle über das Verschwinden des Vaters zu philosophieren, sich in Erinnerungsversuche zu verlieren oder gar ein bisschen zu fantasieren, ist dies ein Roman, der sich handwerklich dann mehr und mehr auf relativ eingefahrene Muster des literarischen Schreibens beruft. Während der Brief der Schwester an ihren Bruder beim ersten Mal noch als eine attraktive Abwechslung erscheint, ist er nach der dreißigsten, vierzigsten Seite, die die Monologe einnehmen, eher ein aufgebrauchter erzählerischer Fang. Auch, dass sich Oe nahezu nur auf Titel und Namen beruft, aber sich nicht dazu verleiten lässt, beim gesamten Geschehen im Zentrum der Theaterinszenierung auch ein wenig zu beschreiben, lässt den Roman auf Dauer trocken und eindimensional werden. Die Stärke, mit der Oe in die Thematik einsteigt, die Überzeugungskraft, mit der er am Anfang seines Romans darzulegen vermag, warum ihm an diesem Thema liegt und warum er so lange daran gescheitert ist, verliert sich nach der vierten, fünften, sechsten Wiederholung und man hat das Gefühl, dass sich dieser Roman nur noch zieht.Man hätte sich zudem an der ein oder anderen Stelle einen erzählerischen Kniff gewünscht, der das Gefühl des Versagens, von dem der Ich-Erzähler ja beschlichen wird beim Schreiben von Der nasse Tod, noch etwas mehr auf den Punkt bringt. Wir lesen noch nicht einmal den Ansatz eines Versuchs, die Geschichte des Vaters in irgendeiner Form literarisch zu verarbeiten; da ist noch nicht einmal ein Abdruck jenes Prologs, der einst an die Mutter ging, und von dem man sehr gerne gewusst hätte, wie er ausgesehen hat. Die Perspektiven des außenstehenden Kindes und die des über-allem-schwebenden Betrachters werden zwar erwähnt, aber nicht auserzählt. All das lässt einen verblüfften Leser auf ein Arsenal der Möglichkeiten blicken, die Kenzaburo Oe allesamt nicht ausgekostet hat und die diesen Roman doch an vielen Stellen lebendig und gefühlvoll hätten werden lassen können.Wenn man das Projekt von Kenzaburo Oe, in diesem, seinem – wie er selbst behauptet – letzten Roman, schlussendlich als gescheitert ansieht, weil man mit dem Roman letztlich nicht viel anfangen kann und an vielen Stellen Lücken und Längen sieht, muss man dennoch eines beachten: möglicherweise war es eben nie das Ziel von Oe, in diesem, seinem vielleicht letzten Werk so etwas wie einen Höhepunkt zu schaffen. Es ist gewissermaßen die Vollendung seines Werkes für ihn selbst; denn er muss, wenn er sich entscheidet, nicht mehr zum Stift zu greifen und eine Geschichte niederzuschreiben, letztlich an allererster Stelle selbst derjenige sein, der mit sich und seinem Schaffen über die Jahrzehnte hinweg zufrieden ist. Dass wir als die außenstehenden Leser lieber einen spannenden aber dadurch eben auch gefälligen Roman über die Beziehung von Vater und Sohn gelesen hätten, kann Oe nicht beeindrucken. Auch, wenn er den Roman über seinen Vater gewissermaßen auch nach Der nasse Tod noch schuldig bleibt, so hat man als Leser doch Einblick bekommen, in die komplexe Gedankenwelt eines Autors, der abschließt: abschließt mit dem, was ihn ein Leben lang umgetrieben hat und erfolgreich gemacht hat. Ein Autor, der schreibend vom Schreiben Abschied nimmt.