Wie in seinen anderen Büchern, erhebt Édouard Louis, der “Forensiker der sozialen Ungerechtigkeit”, in "Im Herzen der Gewalt", den Anspruch, die eigenen Lebensumstände originalgetreu wiederzugeben, die die Grenze zwischen Fiktion und Autobiographie verwischen. Édouard Louis ist wie sein Freund und Mentor, der Soziologe Didier Eribon, ein Klassenflüchtling. Als Eddy Bellegueule in der engstirnigen Provinz Nordfrankreichs geboren, kann er sich in Paris intellektuell und sexuell emanzipieren. Er durchläuft eine soziale Metamorphose und ändert seinen Habitus, um einen Begriff von Pierre Bourdieu zu verwenden: Nicht nur der proletarische Name muss ausgewechselt werden, sondern es müssen auch die rohen plebejischen Umgangsformen korrigiert werden. Bei seiner Ankunft in Paris kaufte er sich einen Krawattenschal um einen richtigen Bourgeois abzugeben, “im Versuch deiner ärmlichen Herkunft aus der Provinz zu entfliehen”, nur war sein “Bild von der Bourgeoisie seit hundert Jahren veraltet, eben dank deiner Weltfremdheit, du hattest diesen Krawattenschal und einen dreiteiligen Anzug gekauft, den du bei jeder sich bietenden Gelegenheit trugst, oft mit einer Krawatte, sogar zum Einkaufen im Supermarkt oder in der Uni. Allmorgendlich zogst du diese anachronistischen Stücke an und betontest durch dieses ängstliche Unterfangen die Herkunft, die du eigentlich unbedingt begraben wolltest; dir war nicht bewusst, dass die Pariser und die Bürgerkinder diese Art Kleidung nicht trugen, und auch keine Krawattenschals, sondern Polos oder Hemd und Jeans, aber schon gar keinen Krawattenschal, und du niemanden täuschen konntest.”Im autofiktionalen Text “Im Herzen der Gewalt” steht ein anderes Ereignis im Vordergrund. Édouard Louis erzählt hier, wie er am Heiligabend, nach einem Weihnachtsessen bei seinen intellektuell gleichgesinnten Freunden, Didier Eribon und Geoffrey de Lagasnerie, auf dem Weg zu seiner Wohnung auf der Straße einen jungen Mann trifft, der ihn anspricht und in seine Wohnung mitkommen will, um mit ihm zu schlafen. Édouard Louis lässt sich auf das Angebot ein und nimmt den jungen Mann, der Reda heißt, mit, ein Immigrantensohn mit algerischen, kablyischen Wurzeln, wie er im Gespräch mit ihm erfährt. Es kommt zum einvernehmlichen Sex zwischen den beiden, doch im Verlauf der Nacht kippt die Situation und schlägt um in tödliche Bedrohung, wo Édouard Louis um sein Leben fürchten muss. Am Ende wird Édouard Louis das Opfer einer Vergewaltigung. Edouard Louis will verstehen was da passiert ist, warum eine anfänglich starke Leidenschaft in etwas so Zerstörerisches ausarteten konnte, in Gewalt umschlägt. Seine Freunde, seine Schwester Clara und die Polizeibeamten, denen er Rapport von dieser Nacht mehr oder weniger freiwillig erstattet, wundern sich über die Passivität und Naivität von Louis, und fragen sich warum er nicht einfach wegrannte, als die Lage sich zuspitzte.In William Faulkners Roman "Die Freistatt" fand Édouard Louis später, als er die Ereignisse der verhängnisvollen Nacht verarbeitete und durchdachte, eine Parallele und “einen vergleichbaren Fall für die Unfähigkeit zum Weglaufen.” Trotz einer bedrohlichen Situation in einem Raum mit betrunkenen und kriminellen Männern zu sein, wo die Gefahr der Vergewaltigung schwebt, wird die weibliche Hauptfigur von einer Handlungsunfähigkeit gebannt. Das Problem für die Frauenfigur “und also für mich”, besteht “zunächst nicht darin, in der Interaktion zu einem bestimmten Verhalten gezwungen zu sein, sondern im Zwang dazu, im Rahmen dieser Interaktion zu bleiben, in der von der Situation geschaffenen Szene, also innerhalb des Brachgeländes, auf dem sich das Haus der Schnapshändler befindet. Als wäre die Gewalt des Einsperrens, die Gewalt der Geographie zunächst da, und die anderen Formen der Gewalt entsprängen daraus, wären ihre Folgen und Auswüchse, als wäre die Geographie eine Geschichte, die sich ohne uns, außerhalb von uns abspielt.”Nach dem Mordversuch und der Vergewaltigung, die in allen brutalen und blutigen Details geschildert wird, überreden ihn seine Freunde Anzeige zu erstatten, damit beginnt eine Odyssee durch die juristische und rechtsmedizinische Maschinerie. Unter dem Druck seiner Freunde unterzieht sich Edouard Louis der rechtsmedizinischen Untersuchung, die “die Spuren des Erlittenen” festhalten und “die an meinem Körper vorhandenen Erinnerungen dokumentieren sollte(n).” Das Prozedere ist mit Scham verbunden und mit der Frage wohin das letztendlich führen wird. Kann das Geschehene durch diesen juristischen und rechtsmedizinischen Prozess wieder gut gemacht werden? Édouard Louis gelangt in einen Prozess, wo er dabei Gefahr läuft dass seine eigene Geschichte ihm entgleitet und zu einem objektiven juristischen Fall wird. Als er aber der Polizei erzählte was er erlebt hat, realisiert er plötzlich, dass diese eine rassistische Sichtweise ins Spiel brachten. Auf der Kopie der Anzeige heißt es über den Täter, den Édouard Louis auf der Polizeistation beschreiben musste, “im Polizeijargon: Maghrebinischer Typus. Jedes Mal, wenn ich mir das Blatt anschaute, ärgerte ich mich über dieses Wort, denn ich kann daraus den Rassismus der Beamten während der Befragung heraushören, die später am 25. Dezember erfolgte, dieser reflexhafte Rassismus, der alles in allem das Einzige war, was sie in ihrer zu engen Uniform verband, auf dem ihre Einigkeit an jenem Abend beruhte, denn für sie implizierte maghrebinischer Typus keine geographische Information, sondern bedeutete schlicht Schurke, Übeltäter, Krimineller.” Die Reaktion auf die erlebte und erlittene sexuelle Gewalt machte Louis paradoxerweise selber zum Rassisten (etwas seinem Wesen radikal Entgegengesetztes), die aber mehr körperlicher als intellektueller Art war, “eine zweite Person war in meinen Körper eingezogen; sie dachte an meiner Stelle, redete an meiner Stelle, zitterte an meiner Stelle; sie hatte Angst um meinetwillen und zwang mir ihre Angst auf. Im Bus, in der Metro senkte ich den Blick, wenn ein Schwarzer oder Araber oder möglicher Kabyle mir näher kam - ausschließlich Männer, das war eine weitere Absurdität, in der rassistischen Besessenheit, die in mir siedelte, hatte die Gefahr immer ein Männergesicht.”Innerhalb der polizeilichen und rechtsmedizinischen Prozeduren versteht Édoaurd Louis nicht, weder politisch noch ethisch, warum man auf die von ihm erlittene Gewalttat mit institutionalisierter Gegengewalt reagieren will, indem man den Täter einsperrt und bestraft. Selbst sein Freund, der Philosoph Geoffroy de Lagasnerie, der in seinem Buch "Verurteilen" eine kritische Haltung zum modernen Gefängnissystem hat, drängt ihn zur Anzeige, mit dem Argument, es sei nur zu seinem Besten, und Louis kann nicht glauben, dass solche Prozeduren etwas Gutes bewirken könnten: “Für wen denn? Ich dachte Ich habe Angst, aber ich sagte: “Das interessiert mich nicht.” Ich dachte Ich habe Angst vor Rache, aber ich sagte: “ich mag nicht”, und ich fügte hinzu, dass ich aus politischen Gründen keine Anzeige erstatten wollte, genauer, weil mir der Gedanke an Unterdrückung verhasst war, allein schon die Vorstellung von Unterdrückung, weil ich dachte, dass Reda es nicht verdiente, ins Gefängnis zu wandern.”Ich bewundere Edouard Louis für seinen Mut und seine Aufrichtigkeit mit einem so heiklen und brisanten Thema literarisch umzugehen.