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Der Schnitt durch die Sonne | Dietmar Dath | Buch | 368 S. | Deutsch | 2017 | FISCHER, S.
Bewertungen & Erfahrungen
4,6 von 5,0
5 Bewertungen
5 ★3
4 ★2
3 ★0
2 ★0
1 ★0
Verteilung basiert auf 5 vorliegenden Einzelbewertungen.
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Redaktion06.07.2026
testmonster.de · Redaktion
Dieser Roman ist ein absolutes Feuerwerk und nimmt uns mit in eine spannende politische Feuerprobe, die man nicht aus den Augen lassen kann. Die Darstellung der globalen politischen Spannungen ist unglaublich fesselnd und sehr relevant.
Wenn Herr Dath Science Fiction schreibt, nimmt er das immer sehr ernst, meint wörtlich. Selten finden wir so viel ‚Science’ in der Belletristik. Das Themenspektrum ist, wie immer, breit. Diesmal nimmt aber die Mathematik viel Raum ein. Weniger Physik, Politik, Musik als üblich. Sehr detailliert zum Teil, aber ohne es zu merken, weil es ist in flotten, sehr gut lesbaren Dialogen verpackt ist, lernen wir tatsächlich einiges. Wir denken in Kategorien. Als Kind der Mengenlehre, fand ich das wirklich sehr interessant. Und ‚Fiction’ ist bei Dath immer frisch und unverbraucht. Wer trifft heute noch ‚Intelligenzen’ auf Mond, Mars oder weiter entfernten Planeten? Hier ist es schlicht, – für mich ein Novum – die Sonne.Nun, die auf der Sonne haben irgendein Problem und glauben, dass nur Menschen dieses lösen können. Oder besser: sie geben vor, dass das so ist. Sie schicken jemanden auf die Erde, um ein Team zu rekrutieren. Dies geschieht, aus trivialen Gründen, in Deutschland. Die Gruppe der Superhelden besteht aus einer erfahrenen Pianistin, einem Feinschmecker, der selbst kreieren kann, was er am meisten schätzt, einem Lebemann, ganz der Musik verschrieben, einem Physiker mit Abgründen und einer Mathematikerin, SF-Fan, die eigentlich dann doch lieber Verkäuferin in einem alternativen Buchladen sein will. Aber nehmt die geschlechtsspezifischen Artikel nicht so ernst, da ist einiges in Bewegung ;-)Das Team wird via modifizierter Magnetresonanztomografen, sprich, via Telepräsenz auf die Sonne geschickt, wo sie zunächst eine „schöne neue Welt“ mit kleinen Schatten erleben. Die Schatten wachsen. Bald kommen sie einer Verschwörung auf die Spur und kämpfen – auch wieder im wortwörtlichen Sinne, da spritzt das Blut! – gegen eine scheinbare Übermacht. Genug der Spoilerei. Sagen wir, es endet wieder auf der Erde und auch ganz anders, als wir erwarten. Denn das hat Dath drauf: Er überrascht, schreibt Dinge, die wir als völlig neu und unerzählt empfinden.Ich habe die Figuren geliebt. Das sind so normale Menschen, die mit Unglaublichen konfrontiert werden und dann händeringend nach Antworten suchen. Sehr sympathisch, nicht weniger authentisch und, na gut, die meisten sind halt irgendwie politisch ... bin ich auch, aber in anderen Büchern hat Dath die politische Gesinnung seiner Figuren besser ausgewogen. Denn der Dialog und die Reibung sind ja das, was uns als Leser weiter bringt. Dieses Figurenset ist sich da eher einig.Sprachlich habe ich Dath schon stärker empfunden, aber das muss nichts bedeuten, es ist immer noch ein Niveau, welches man mehr sucht als findet. Erlaubt mir ein Zitat, Kapitelanfang: „Guten Morgen, falsche Welt. Das Wetter scheint aus Abgasen gemacht. Kobolde grienen von Wahlplakaten. (...)“ Noch Fragen?Tolles Buch. Rasante Geschichte. Kurzweilig, intelligent.
In Dietmar Daths utopischem Roman sollen sechs Personen an einer Reise zur Sonne teilnehmen, für die besondere Fähigkeiten nötig sind. Da jeder Mensch punktuelle Verständnisschwierigkeiten hat, soll ein Team aus möglichst unterschiedlichen Menschen bestehen, damit diese Lücken abgedeckt werden können. Und weil Menschen schlecht erkennen können, wenn Aufgaben sich wie in der Mengenlehre überlappen, wird für die Mission ein Mathematiker benötigt. Die Auswahl des Teams lässt bereits darüber sinnieren, welche Qualifikation gerade diese Person mitbringt. Aykut ist ein türkisch-amerikanischer Feinkosthändler, der plötzlich entdeckt, dass er intuitiv fremde Sprachen versteht, die ervorher nicht beherrscht hat. Als Catering-Unternehmer verkörperte Aykut für mich den amerikanischen Tellerwäscher-Mythos, im Roman jedoch wird sein Geschmackssinn benötigt. Zwei Gerichte mit zwei unterschiedlichen Geschmacksnoten werden nämlich als Illustration genutzt, um die neuartige Weitergabe von Informationen, Gefühlen und Sinnesreizen in Daths Neuer Welt zu erklären. Hat man das eine Gericht gegessen, nimmt man damit auch die Sinnesreize eines zweiten Gerichts auf, als gäbe es eine Doppelwirklichkeit, deren eine Hälfte quasi als Schwarzfahrer die andere Hälfte mitbringt. Wer Essen verstehen will, muss dreidimensional denken können. Realität und Abbildung, Realität und eigene Vorstellung, Gegenwart und vorheriger Zustand - sie alle kommen im Zweierpack.Die Schülerin Filipa tritt zunächst als Enkelin einer Großmutter auf, die alte Geschichten von Demos und Wasserwerfern erzählt, über Mao und Stalin. Plastisch erlebt der Leser hier, dass man die Biografie einer Person kennen muss, um ihre Sprachebene verstehen zu können. Ob Mariannes imaginärer Radiomoderator im Ohr ein Kommunikationsweg der Neuen Welt ist oder Anzeichen einer beginnenden Demenz bleibt zunächst noch offen. Auch der Gitarrist Bernhard Jensen scheint als Künstlertypus mit Jeans und Nicki aus einer anderen Zeit gefallen zu sein. Er verkörpert einen gesellschaftlichen Aufsteiger, der sich auf ungewohntem Parkett noch unsicher bewegt. Karel Landauer hat seinen persönlichen Weltuntergang als Betrüger in der IT-Branche hinter sich und wirkt auf jeder Ebene vereinsamt – beruflich, privat, erotisch und psychisch. Auch um seine geistige Leistungsfähigkeit könnte man sich sorgen; denn die Supermärkte scheinen Personal und Warenbestand schneller zu wechseln, als Karl verarbeiten kann. Vermutlich durch eine technische Panne büßt Karl seine männliche Identität ein und steigt als Frau Karla aus dem Simulator für die Probereise zum Mars. Vera Ulitz war für mich die spannendste Figur. Sie ist Mathematikerin, SF-Leserin und arbeitet angestellt in einem Antiquariat. Mit einem strammen Ulbricht-Anhänger als Vater, der ihr osteuropäische Autoren nahebrachte, scheint Vera die gesamtdeutsche Geschichte auf ihrem Buckel zu tragen. Immerhin hat ihr die SF-Liebe ihres Vaters die Einsicht beschert, dass es in der utopischen Literatur nicht um Wissen, sondern die eigene Haltung zum Wissen geht. Vera scheint die heimliche Geschäftsführerin des Antiquariats zu sein, dessen Inhaber Klaus behauptet, seine Waren wären ihm irgendwie aufgedrängt worden durch Genossen, die ihm einfach ihr altes Zeug in den Laden gestellt hätten. Immerhin kann Vera ihm aus berufenem Munde erklären, dass ihre Wissenschaft nichts mit kaufmännischem Rechnen zu tun hat und warum sein Laden im Zeitalter des Internets überleben wird. Dass gleich mehrere Personen im Roman Wissenschaftler sind, mag die Frage aufwerfen, wo in Daths Szenario der gesunde Menschenverstand bleibt. Evtl. ist dafür Aykut zuständig? Angesiedelt ist die Handlung in der unmittelbaren Gegenwart, nach Trumps Wahl. Aykut bekommt das trotz seines Studiums und seines amerikanischen Passes umgehend zu spüren.Utopische Literatur kann sich mit Reisen zu fernen Planeten befassen, neue Transportsysteme für den Individualverkehr vorausdenken, Überwachungswahn entlarven, aber auch neue Kommunikationswege entwickeln. Dietmar Dath entwickelt diese Zukunftsträume. Als utopisches Transportmittel tauchen hier Kugeln auf zur Reise und zum Transport, die durch Willenskraft oder Empathie gesteuert werden. Herausragend ist jedoch, dass Dath neue Kommunikationswege zwischen Menschen entwickelt und eine ungewöhnliche Form, anderen Bewusstsein und Vorstellungen mitzuteilen. Als würden Gedanken und Empfindungen diffundieren und mit den Gedankenwolken einer anderen Person eine neue Einheit bilden. Obwohl es umfangreiche mathematische und physikalische Exkurse im Roman gibt, die mich schlicht überfordern, genügten mir die faszinierende Vera, das Gedanken-Diffundieren und die Transportkugeln, um mich vorzüglich zu unterhalten. Wer eine Mathe-Phobie hat oder stets den roten Faden der Handlung im Blick haben möchte, wird mit dem Roman vermutlich weniger glücklich.
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Letzte Aktualisierung: 09.10.2026 18:23 Uhr.