Auch wenn in diesem Nachfolgeband einige der Szenen aus „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“ erneut ihren Auftritt feiern können, so bleibt doch bewundernd festzuhalten, dass es dem Autor gelingt, diese so darzustellen, dass sich kein großer Gewöhnungseffekt einstellt. Und das ist bei einem solchen Konvolut sich überstürzender Ereignisse schon einmal eine Leistung für sich. So wird die auch hier durchgehende Rolle von Franz Kafka insofern nicht langweilig, weil dessen private Lebensführung mit Schwerpunkt auf Annäherung an das weibliche Geschlecht so schrullig ist, dass man im direkten Vergleich auch als schüchterner Mann noch sehr gut abschneiden kann. Und darauf kommt es ja auch ein wenig an: auf den Vergleich. Wie stehe ich als Mensch in dieser Welt, wo kann und will ich mich einordnen, was kann ich gut nachvollziehen, weil es auch mir nicht fremd ist, oder was lehne ich ab, weil es meinen Vorstellungen (oder höheren Ansprüchen) nicht genügt.Und von diesen Lebensentwürfen gibt es auch in diesem Buch eine Überfülle, die in ihrer Vielseitigkeit enorm und in ihrer Bandbreite beachtlich ist. Und wenn dieses Mit- und Übereinander noch so gekonnt präsentiert wird, dann führt dies nicht nur zu zahlreichen Unterstreichungen, um diese Bandbreite irgendwie zu bändigen, sondern auch zu manchen Markierungen, die einfach die gekonnte Darstellung hervorheben sollen. Der Schwerpunkt liegt auch in diesem Band auf dem weiten Feld der Kultur, andere „Sparten“ werden allerdings nicht ausgespart. So erfährt der Leser etwas über die Arbeit eines Paläontologen („In Deutsch-Ostafrika“ entdeckt die paläontologische Tendaguru-Expedition aus Berlin das größte Dinosaurierskelett der Welt. Einen rund zwölf Meter hohen und 23 Meter langen Brachiosaurus brancai […], der vor etwa 150 Millionen Jahren das Zeitliche gesegnet hat.“) oder die Tour de France („Die diesjährige Tour de France beginnt am 28. Juni. Es gehen 140 Radfahrer an den Start. Nach 5388 Kilometern erreichen nur 25 von ihnen das Ziel.“) oder die Erfindung von Mascara („Der Chemiker T.L. Williams konnte es nicht länger mitansehen, dass seine Schwester Mabel unglücklich in ihren Chef verliebt war, der sie keines Blickes würdigte. Also rührte er Kohlenstaub und Vaseline zusammen und erfand die Wimperntusche Mascara. Seine Schwester eroberte ihren Chef. Und er mit seiner Firma Maybelline den Weltmarkt.“).Und in diesem Ton geht es mit den vielfältigsten Akteuren und mannigfaltigen Aktionen in einer Tour weiter. Es bleibt kaum Zeit zum Luftholen, da es dem Autor gelingt sich jedem anbietenden Ross das passende Zaumzeug anzulegen, nicht um es zu bändigen, sondern ihm, ausgestattet mit einer großen Zahl an Freiheitsgraden, die Sporen zu geben. Da kommt aus dem Wiehern, um mal im Bild zu bleiben, kaum heraus.
Ich habe mich sehr gefreut, dass Florian Illies eine Fortsetzung zu seinem Buch "1913" geschrieben hat - an das Vergnügen, das ich beim Lesen von "1913" empfunden habe, kommt die Fortsetzung allerdings nicht heran. Trotzdem würde ich es weiterempfehlen.