Vielleicht hätte er eines Tages den Weg nach ganz oben geschafft – Roberto Bolanos literarisches Werk bietet auf jeden Fall Anlass für die tollsten Spekulationen über die Erfolge, die hätten kommen können, wäre der 1953 in Santiago de Chile geborene Autor nicht bereits 2003 im vergeblichen Warten auf eine Lebertransplantation verstorben. In deutscher Übersetzung waren besonders beachtet seine beiden enorm umfangreichen Romane 2666 und Die wilden Detektive, die entweder an der 1000-Seiten Hürde kratzten oder diese sogar überschritten.Mit Die Eisbahn legt der S. Fischer Verlag 2021 eine erstmalige Übersetzung von Roberto Bolanos erstem Roman vor. Der bedeutende chilenische Autor veröffentlichte den Roman erstmals 1993 – in Deutschland konnte er erst jetzt, durch die (soweit das zu beurteilen ist) gelungene Übersetzung von Christian Hansen aus dem Spanischen. Es ist ein Roman, in dem vor allem noch viel von dem zu spüren ist, was man den Eifer eines neuen Schriftstellers, den Eifer eines Mannes, der neu in die Literatur eintaucht und noch erfüllt ist von dem Drang, Geschichten zu erzählen, nennen kann. Der zu den schmaleren Werken Bolanos gehörende Roman umfasst etwas mehr als 200 Seiten und wird aus drei von Kapitel zu Kapitel wechselnden Perspektiven dreier Männer erzählt. Bolano, der sich selbst als „Infrarealist“ bezeichnete, was der Bezeichnung jener Aktivisten entsprach, die in den 1970er Jahren auf die Straße gingen und gegen eine Vereinnahmung der Literatur und des Erzählens durch die politisch und gesellschaftlich Etablierten, war an Demonstrationen wie diesen beteiligt. Und auch sein erster Roman ist im Kontext dieser Revolte gegen die etablierte Art von Schreiben und Dichten zu lesen, was allerdings wohl noch viel besser in seinen eingangs erwähnten Mammutromanen zur Geltung kommt. Allein die Tatsache der drei Perspektiven auf das Geschehen in diesem Roman, den Bolano heimlich als Nachwächter geschrieben haben soll, zeugt schon von einer gewissen Experimentierfreudigkeit und einer Ablehnung der konventionellen Art des Schreibens.Als ersten der drei Männer lernt der Leser der Eisbahn den jungen Chilenen Remo Morán kennen, der sich ganz im Kontext der Biografie seines Schöpfers Bolano ebenfalls einst politisch aktiv zeigte und in Mexiko City demonstrierte. Mittlerweile hat er sich zurückgezogen aus der politischen Öffentlichkeit, lebt im stillen und abgelegenen Badeort Z in Chile, in dem die gesamte Handlung des Romans spielt, und betreibt sowohl einen Campingplatz als auch ein Schmuckgeschäft und eine Bar. An seine Geschichte und seinen Lebensalltag knüpft der zweite Erzähler dieses Romans an, Gaspar Heredina aus Mexiko, der als Saisonarbeiter nach Z kommt und bei Morán eine Anstellung erwartet und schließlich auch bekommt. Er nimmt den Job des Nachwächters auf diesem Campingplatz an, steigt mit Morán in Diskussionen über ihre gemeinsame Vergangenheit ein, denn auch er war mehr oder weniger verstrickt in die Demonstrationen und den literarischen Aktivismus, dem der Campingplatzbesitzer in jungen Jahren angehörte. Bolano, der Verfasser dieses Romans, hat sich also ebenso wie in Remo Morán auch in Gaspar Heredina verkapselt, der – wie er – den Job des Nachtwächters auf einem Campingplatz übernimmt, mehr oder weniger mit Literatur zu tun hat und sich dann auch noch in die mysteriöse Caridad verliebt (die autobiografischen Bezüge hierzu sind nicht geklärt).Im Kontrast zu diesen allesamt aus einer linken Jugend stammenden zentralen Figuren des Romans gesellt sich der dritte im Bunde: Enric Rosquelles. Ihm kann man den berühmten Karrieredrang nicht nur nachsagen sondern auch in jeder seiner Aussagen und Handlungen von den Lippen lesen. Als Leiter des Sozialamtes in Z lässt der gebürtige Katalane keine Situation ungenutzt, um sein politisches Engagement und seine (vermeintlichen?) Erfolge zu rühmen und sich damit selbst in ein gutes Licht zu rücken. Ausgerechnet er, der nicht zuletzt wegen der unsympathischen Selbstinszenierung und ebenfalls wenig schmeichelhaften Fremdbeschreibung die Empathie der Leser am wenigsten erwecken dürfte, verliebt sich in die regionale Eiskunstlauflegende Nuria, die zeitgleich auch als eine unfassbare Schönheit, an deren Beschreiung alle existierenden Adjektive der Harmonie abprallen, geschildert wird. Er setzt alles in Gang, um mit Nuria zusammenzukommen, doch – wie der Leser erwarten kann – hat er keine Chance. Die öffentlichen Gelder, auf die er in seiner politischen Funktion Zugriff hat, und mit denen er eine heruntergekommene Villa in Z erwirbt, um eine private Eisbahn für seinen Schwarm zu errichten, hilft ihm bei seinem Buhlen um Nuria nicht weiter. Denn ihre Attraktivität und ihre Schönheit ist auch Remo Morán nicht entgangen, mit dem sie längst eine Beziehung hat, und der mindestens ebenso schwärmerisch in sie verliebt ist wie sein unsympathischer Gegenspieler Rosquelles. Dieser verstrickt sich wegen seiner finanziellen Bevorteilung hinsichtlich der öffentlichen Gelder in seinem aussichtslosen Kampf um Beachtung und Liebe durch die schöne Nuria in einen unlösbaren Konflikt, aus dem er letztlich nur noch zu fliehen versuchen kann.Eine „Ménage à quatre“ könnte man diesen Roman nennen, denn so bedient sich Roberto Bolano nicht etwa der bereits oft erzählten Geschichte von den zwei Männern, die eine Frau lieben, sondern führt gleich drei gleichermaßen bedeutende Protagonisten und Erzähler an. Der chilenische Autor schreibt in einer für die spanischsprachige Literatur nicht gerade seltenen schnörkellosen und direkten Sprache, die oftmals auch von ehrlichen und offen artikulierten Gefühlen getrieben ist, und die die Lektüre von Die Eisbahn besonders eingangs spannend und interesseweckend werden lässt. Ein Kontextwissen über die politischen Hintergründe und die Positionierungen des in den 50er Jahren geborenen Autors hinsichtlich der Literatur sind für das Verständnis und letztlich auch die Interpretation und Rezeption des Romans unerlässlich; man kann nur profitieren, wenn man sich mit diesen Standpunkten des Autors, denen er seinen ersten Roman gewidmet hat, zumindest oberflächlich auseinandergesetzt hat. Es ist ein – wie bereits erwähnt – von der Liebe zum Schreiben und dem Eifer des Erzählens getriebenes Buch, das auf keiner Seite den Anschein von Trägheit oder Konzeptionsschwäche erwecken lässt, die vor allem in der mittleren Hälfte des Werkes erfahrenerer Autoren gerne einmal auftaucht.Und dennoch kann man sagen, dass sich Roberto Bolano in diesem, seinem ersten Roman vielleicht etwas zu viel vorgenommen hat. Sein Ziel, die regierenden Normen und Gesetze literarischen Schreibens einfach zu durchbrechen und sein eigenes Ding zu machen, ist vor allem was die Literatur des 20. Jahrhunderts angeht, keine Seltenheit und hat sich bei denjenigen, die sich bis heute durchgesetzt haben, als durchaus erfolgreich erwiesen. Und auch Roberto Bolano hätte für seinen eigenen Erzählstil vielleicht noch mehr Ansehen, mehr Ruhm und Preise erhalten können, hätte sich sein internationaler Bekanntheitsgrad nicht erst knapp vor seinem Tod eingestellt. Doch in Die Eisbahn stellt er sich mit seinem Eifer, die konventionelle Erzählkunst über Bord zu werfen, an der ein oder anderen Stelle selbst ein Bein. Dass sich das Abwenden von der Literatur der Altvorderen nämlich nicht durch eine Veränderung der sprachlichen Gestaltung seines Romans ausdrückt, sondern vielmehr durch die enorm komplexe Erzählkonstruktion, die diesem schmalen Band beiwohnt, verlangt diesem jungen und noch unerfahrenen Erzähler doch einiges ab. Es bedarf eines hohen sprachlichen Könnens, eines enormen Sprachgefühls und natürlich auch einer tiefgreifenden Kenntnis der selbst erschaffenen Figuren, wenn man es durchhalten möchte, auf so kleinem Raum in meist sehr kurzen, episodenhaften Kapiteln gleich drei zentrale Figuren zu erschaffen. Dass die eigentliche Figur Nuria, die im Zentrum des Geschehens steht, natürlich auch noch plastisch werden muss, darf man hierbei nicht vergessen.Die Ich-Perspektive, die Roberto Bolano in diesem ersten Roman selbstbewusst gewählt hat, verlangt vom Schöpfer und Schaffer des Romans vor allem, dass er sich tief in die sprachlichen Unterschiede, die gedanklichen Sphären seiner Figuren, eindenkt. Dies geschieht auf kleinstem Raum, in der höchstmöglichen Form der Reduzierung. Nur wenig Unterschiede können in der Ich-Erzählung von Morán oder Rosquelles unterschieden werden, obwohl sie doch diametral gegenüberstehende Figuren sind.Eine Geschichte, die letztlich nur von der Liebe zu einer als berauschend angedeuteten Frau lebt, kann letztlich auch nicht ganz ohne die erotischen Spannungen, die einem Liebesroman für gewöhnlich innewohnen, auskommen. Doch gerade bei Morán, der Nuria ja so schnell so nahe kommt, erfahren wir nichts über seine Gefühlswelt, nichts über den Triumph, den er gegenüber seinem sich abrackernden und in moralisch verwerflichen Geldtransaktionen verlierenden Nebenbuhler doch eigentlich verspüren müsste. Die emotionale Komponente von Neid, Missgunst aber eben auch Begierde und Stolz geht dem Roman Die Eisbahn vollkommen ab. Dieses fehlen von literarischen Einspielungen und sprachlicher Diversität lässt die Frage offen, ob Roberto Bolano in diesem, seinem literarischen Debüt bereits all den selbst gestellten Herausforderungen gewachsen war und ob (egal was man davon halten mag) es nicht doch letztlich der komplexe und ausufernde Roman ist, der ihm besser liegt.Und so ist doch aber gerade auch die Kürze von diesen 200 Seiten Romanen oder weniger langen Erzählungen, die nicht selten das besondere Talent eines Schriftstellers, eine Geschichte nur in ihren nötigsten Aspekten zu erzählen, offenbart. Roberto Bolano hat mit diesem Vierergespannt zweifellos die Normen des konventionell-etablierten Erzählens gesprengt, schon in seinem ersten Roman. Doch steht auch hier wieder die Sinnfrage im Raum und ob das Ziel der Abwendung von allen bewährten Erzählmethoden letztlich das einzige ist, dem man sich in seinem eigenen Schreiben ergeben sollte. Vier sind in diesem Roman aber mindestens einer zu viel und so bleibt man nach der Lektüre von Die Eisbahn leider auch ein wenig ratlos zurück, was genau man aus dem Buch an Mehrwert hatte ziehen können.