Es gehört schon einiges an Mut dazu, ein Buch zu schreiben, das in erster Linie diejenigen kritisiert, an denen es für eine positive Öffentlichkeitswahrnehmung unweigerlich vorbei muss. Precht und Welzer machen sich hier wahrlich keine Freunde. Journalisten, Herausgeber, Influencer, Querdenker - alle bekommen ihr Fett weg. Nicht aber ohne - und das ist das Angenehme - intelligent zu differenzieren und im weiteren Verlauf ihre Beobachtungen mit zahlreichen Quellen zu belegen.Wer im Vorfeld der Veröffentlichung wie ich gedacht hatte, das Buch bewege sich hauptsächlich auf irgendeiner schwer zu fassenden Metaebene der Medienkritik, wird sehr schnell eines besseren belehrt. Schon die Einleitung verspricht: da gibt es gleich richtig einen auf die Zwölf! Da scheint sich ein sonst oft schelmisch-charmant formulierender Precht zeitweise regelrecht in Rage zu schreiben. Auch Welzer, der ohnehin nicht immer für seine diplomatische Feinfühligkeit bekannt ist, scheint voll in seinem Element. Das überrascht in seiner Vehemenz - und ist inhaltlich dennoch eine Offenbarung.Die Autoren starten mit einem kurzen Ausflug in die Anfänge der Medienkultur, auf der Spur nach Motivation und Grundsätzen im Kontext der Geschichte. Sie beleuchten detailliert den herausfordernden Wandel im Zuge des Aufkommens der digitalen Medien und der Ökonomisierung von Nachrichten. Ihr großer Kritikpunkt: die daraus folgende stete Pervertierung eines einst zum Wohle aller geregelten Journalisten-Kodex. Dabei distanzieren sich Precht und Welzer eindeutig von all den "Lügenpresse"-Schreiern und Querdenkern, die lieber politischen Entscheidungsträgern die Schuld an ihrer Unzufriedenheit geben wollen, als die wahren Mechanismen hinter den Prozessen zu erkennen. Diese Prozesse werden für den Leser nicht immer einfach, aber am Ende doch schlüssig erkennbar gemacht.Viele sehen in dem Buch eine Abrechnung der Autoren mit der Presse, die jene in der Vergangenheit nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst und sie für ihre Haltung in der Coronapandemie oder des Ukraine-Kriegs scharf getadelt hatten. Doch diese Menschen machen es sich mit dieser Lesart zu einfach. Wer zumindest den öffentlichen Precht einigermaßen verfolgt, weiß, dass dieser seine Integrität wohl kaum auf so billige Weise aufs Spiel setzen würde. Und auch bei der Lektüre dieses Buches nimmt man beiden ab, dass es ihnen vielmehr darum geht, einen gesellschaftskritischen Missstand aufzuzeigen. Natürlich liefern die Autoren auch verschiedene Lösungsansätze, wie man aus der konstatierten Mediokratie wieder eine der Demokratie dienenden Presselandschaft machen könnte.Es bleibt spannend, wie die Angesprochenen auf dieses Buch, das bereits vor Erscheinen in die Bestsellerlisten schoss, reagieren werden. Wahrscheinlich werden sie es als das Produkt zweier im Ego zutiefst verletzten Pseudowissenschaftler hinstellen und gnadenlos verreißen. Es bleibt aber eine klitzekleine Hoffnung, dass einiges bei dem einen oder der anderen dann doch verfängt und das Buch - so hoffen Precht und Welzer - endlich einen wichtigen Stein ins Rollen bringt. Vielleicht sind sich ja einige Medientreibende ihrer großen Verantwortung doch bewusst, der Verantwortung zu einer vereinenden Kommunikation, die in den anstehenden Krisenzeiten wohl umso wichtiger wird.Absolut lesenswert!
Die Einseitigkeit der renommierten Medien wurde vielfach kritisiert, ebenso ihre nicht legitimierte Macht. Auch die Nachteile dieser Entwicklungen sind klar, allen voran sinkendes Vertrauen in die Medien und ein Mangel an fruchtbarer Diskussion. So weit, so bekannt. Was dieses Buch heraushebt, ist die Stelle, an welcher es den Fehler im System sieht. Üblicherweise beklagt Medienkritik, soweit es den intelligenteren Teil betrifft, vor allem den Aktivismus der Journalisten. Allzu großzügig bringen sie ihre Ansichten unter, die sich aus irgendwelchen Gründen stark ähneln und oft deutlich von denen der Mehrheit unterscheiden. Für diesen Teil, den Aktivismus, interessiert sich das vorliegende Werk nur am Rande. Es leistet keine Überzeugungsarbeit gegenüber eifrigen Journalisten, holt niemanden bei seinen guten Absichten ab. Es legt nicht dar, warum ein Engagement für das Richtige tatsächlich falsch sein kann, wenn es am Ende nichts anderes ist als ein Filtern und Färben des Nachrichtenstroms zugunsten der eigenen Positionen. Wer derlei von einer Medienkritik zwingend erwartet, wird enttäuscht.Vielmehr konzentrieren sich die Autoren auf den anderen, vorausgehenden Teil des Prozesses: Warum ähneln sich die Ansichten unter Journalisten denn oft so stark, selbst wenn die Meinungen im Volk weit auseinander gehen? Und an dieser Stelle verabschiedet sich auch schon der zweite große Baustein der üblichen Kritik, denn Auffälligkeiten hinsichtlich der weltanschaulichen Ausrichtung mögen Welzer und Precht bei Journalisten nicht erkennen. Dass in den Medien tendenziell Positionen aus dem linken und grünen Umfeld unterstützt werden, bestreiten sie mehrfach heftig. Die bekannten Statistiken über Parteipräferenzen unter Journalisten erklären sie für bedeutungslos, denn es gebe ja zwischen den vier "mittleren" Parteien keine relevanten Unterschiede mehr.Statt dessen führen sie als Ursachen der Einseitigkeit drei Effekte ins Feld, die zusammenfassend als so etwas wie ein Mitschwimmen im Strom bezeichnet werden könnten. Demnach wirken erstens wirtschaftliche Zwänge auf eine Angleichung hin, z.B. weil man es sich nicht leisten kann, den neuesten Aufreger links liegen zu lassen. Zweitens entstehen ganz allgemein, nicht nur im Journalismus, ähnliche Überzeugungen innerhalb einer Gruppe durch unterbewusste Anpassung an die Mehrheit in dieser Gruppe. Drittens werden manche Ansichten auch ganz ohne Überzeugung aus purem Kalkül vertreten, um sich nicht ins Abseits zu stellen. Auch diese Positionen sind von der Mehrheit übernommen, in diesem Falle bewusst.Zum Beleg wird unter anderem auf die Pandemie, den Krieg in der Ukraine sowie die Fälle Christian Wulff und Angela Merkel verwiesen. Tatsächlich werden Welzer und Precht durch diese Beispiele gut gestützt. Da waren die Ansichten in der Medienwelt trotz schwieriger Fragestellungen oft auffällig einmütig und wechselten mitunter sogar fast gleichzeitig von der einen in die andere Richtung. Zitat aus dem Buch: "Der zappelige Cursor der gefühlten Mitte gibt ihnen [den Medien] die einzige Richtung vor. Und das Wichtigste überhaupt wird die Frage: Wo muss ich stehen, wie mich positionieren, um diesen Cursor genau zu treffen. [...] Und die mit Macht und Vehemenz vorgetragene Moral entspringt mitnichten der festen Haltung, die man vermeintlich einnimmt, sondern man moralisiert Opportunität."Auch andere unschöne Entwicklungen werden angerissen, die zum Teil nicht nur in den Medien stattfinden, sondern ganz allgemein im gesellschaftlichen Umgang mit schwierigen Fragen - speziell die zunehmend personen- statt sachbezogenen Debatten und das Umdeuten sachlicher Fragen zu moralischen. Solche Kritik ist wiederum geläufig, aber einmal mehr gut auf den Punkt gebracht.Der Text ist in weiten Teilen fundiert und überzeugend, und hätten sich die Autoren darauf beschränkt, den Mechanismus der Selbstangleichung zu beschreiben und seine Bedeutung aufzuzeigen, dann gäbe es außer einer etwas dünnen Empirie und den barocken Theorie-Schnörkeln (siehe unten) nicht viel auszusetzen. Nun gehen sie aber so weit, selbigen Mechanismus quasi jeder Konkurrenz zu berauben und als alleinverantwortlich für Einseitigkeit dastehen zu lassen. Mit diesem Teil kann ich mich (als Laie) nicht gut anfreunden. Er entspricht nicht meiner Beobachtung, speziell nicht dem auffälligsten und von den Autoren abgelehnten Beispiel für Einseitigkeit in den Medien: dem ganz alltäglichen journalistischen Eifer, mit dem offensichtlich versucht wird, Positionen einer bestimmten Geschmacksrichtung zu stützen. Viele nennen die Tendenz "linksgrün", ich würde sie als bunte Mischung aus Vernunft, Gesinnungsethik und Möchtegern-Progressivität bezeichnen. Dass hier nur Zwänge am Werke sind, ist unplausibel, und wer das behauptet, der riskiert, von den Adressaten mit seiner gesamten Argumentation nicht ernst genommen zu werden. Viele der Überzeugungen, die in Medientexten durchscheinen, dürften deren Verfasser schon vor dem ersten Arbeitstag gehabt haben.Insgesamt sind die Ausführungen von Welzer und Precht eher analytisch gehalten, der Schwerpunkt liegt in der zornigen Bestandsaufnahme. Auf mögliche Auswege wird am Ende nur in knapper Form hingewiesen. Keine größere Rolle spielen dabei übrigens die Interessen des (potenziell zahlenden) Medienkonsumenten, der sehr wohl korrekt informiert, gelegentlich mit Hintergrundinfos versorgt und weder mit Unrat überschüttet noch gutgemeint manipuliert werden möchte. Das verwundert nicht, nachdem der Markt den gesamten Text hindurch immer nur als Quelle von Problemen betrachtet wurde, nie von Lösungen, obwohl die Autoren selbst Beispiele für Letztere bringen, etwa digitale Abos. Überzeugende Argumente, wie gesellschaftliche Aufgaben gegen wirtschaftliche Zwänge und damit gegen die Interessen der Empfängerseite, gleichzeitig aber mit großer Reichweite wahrgenommen werden sollen, konnte ich den hastigen Ausführungen nicht entnehmen.Abschließend eine Anmerkung zur Form, die erste Hälfte betreffend. Ich schließe mich da der allgemeinen Kritik an, besonders vor dem Hintergrund des Inhalts. Die zwei Professoren beklagen, dass die Medien und die gesellschaftlichen Debatten elitär verengt sind und breite Bevölkerungskreise nicht gut einschließen. Sie selbst halten es aber offenbar für unmöglich, eine Situation, die alle betrifft, in weithin üblichen Begriffen zu analysieren. Statt dessen führen sie den Leser in Termini wie "deliberativ", "Unmarked Space" und "Indexing" ein und erklären ihm obendrein, in welchen Punkten sich Habermas geirrt hat. Sorry, aber was soll das? Für wen ist dieses Buch geschrieben? Und nach der Lektüre fragt man sich, was der ganze Aufwand eigentlich sollte, denn die wesentlichen Argumente erfordern ihn nicht.