Die Lieferung erfolgte zeitgerecht und die Verpackung war in Ordnung. Ich habe das Buch für meinen Sohn gekauft, der damit sehr zufrieden ist. Da die gebundene Ausgabe sehr teuer kommt, ist die broschierte Version wesentlich preiswerter und erfüllt denselben Zweck..
Sigmund Freud lebte von 1856-1939 und war - von der Neurologie kommend - der Begründer der Psychoanalyse, die er in Wien entwickelte. Aus der Psychoanalyse entfaltete er auch wichtige kulturtheoretische und religionskritische Ansätze. Sein sehr umfangreiches Gesamtwerk liegt in den Gesammelten Werken und der Standard Edition vor, daneben gibt es aber diese hervorragende Studienausgabe in 10 Bänden mit Ergänzungsband, die vom S. Fischer-Verlag erstmals 1969 herausgegeben wurde und die 1989 mit 11. korrigierter Auflage nochmals verbessert erschienen ist.Im ersten Band dieser stets hervorragend kommentierten Studienausgabe findet der Leser zunächst eine Einführung in das Leben und Denken Freuds von James Strachey, kritische Anmerkungen zum Werk von Alexander Mitscherlich sowie editorische Erläuterungen von Angela Richards sowie Ilse Grubrich-Simitis.Danach kommt auch schon Sigmund Freud zu Wort, und zwar tatsächlich im Sinne einer fantastisch ausgearbeiteten „Vorlesungsmitschrift“. Die ersten 28 Vorlesungen wurden wirklich auch gehalten, und zwar in den jeweiligen Wintersemestern 1915-16 und 1916-17 in der Uni Wien vor Hörern aller Fakultäten. Seit 1902 war er Professor und insofern bereits durch viele Vorlesungen routiniert. Bestechend sei seine Vortragskunst gewesen, zwar gründlich vorbereitet, dann aber dennoch auch frei und ohne Manuskript absolviert. Hinterher habe er – mit phonografischem Gedächtnis begabt – den Vortrag niedergeschrieben, so zumindest im ersten Winter, während die Vorlesungen des 2. Wintersemesters schon vor dem Vortrag als „Vorlesung“ niedergeschrieben waren. Diese Art der vorgezogenen Niederschrift wählte er schießlich auch 1933 für die Neue Folge, weil sie sich offenbar als lebendige Darstellungsweise - als direkte Ansprache eines gedachten Hörers - bewährt hatte. Jetzt gab es allerdings nur die Buchveröffentlichung, aber keine eigentliche Vorlesung mehr, da Freuds Gaumenkrebserkrankung ihm dies nicht mehr gestattete.Die umfangreichen Vorlesungen der ersten beiden Wintersemester gliedern sich (ähnlich seiner allmählichen Gedankenentwicklung seit 1886 durch das Studium von Hysterie und die Anwendung der Suggestion/Hypnose nach Bernheim und Charcot) in die drei aufeinander aufbauenden Teile a) der „Fehlleistungen“ mit 4 Vorlesungen, danach b) die ausgiebige Darstellung seiner Einsichten zum „Traum“ mit 11 Vorlesungen, die er als epochales Werk der „Traumdeutung“ im Jahre 1900 veröffentlicht hatte und den 2. Band dieser Studienausgabe darstellt. Im dritten Teil finden sich dann c) ebenfalls sehr interessante Vorträge zur „Allgemeinen Neurosenlehre“, welche zentrale psychoanalytische Begriffe wie „Ich“, „Es“ und „Über-Ich“, „Verdrängung“, „Übertragung“, „innerer Zensor“, Bewusstsein und Unterbewusstsein, Lust- und Realitätsprinzip und natürlich den Begriff Libido erklären, zudem die psychodynamische Herleitung verschiedener Neurosen wie Hysterie, Zwang, Paranoia und Angst, immer im Bedenken möglicher Einwände der Zuhörerschaft, was den Reiz der Gedankendarstellung noch erhöht.In der Neuen Folge von 1933 kommen geänderte oder erweiterte Ansichten zur psychoanalytischen Lehre und zum Traum zur Darstellung, aber auch zum Teil ganz neue Aspekte über z.B. die Struktur der Seele, Angst und Triebtheorie.Die Vorlesungen Freuds sind meines Erachtens nicht nur Weltliteratur und ein Muß für alle, die sich mit der Gedankenwelt der Psychoanalyse vertraut machen möchten, sondern darüber hinaus ein wirklicher ästhetischer Genuss, fühlt man sich doch durch die lebendige Darstellung als Vorlesung direkt an die Hand genommen vom Vater der Psychoanalyse. (05.09.16)