Johann Wolfgang von Goethe dichtete zwischen September 1796 und Juni 1797 sein bürgerliches Epos ‚Hermann und Dorothea‘. Es ist kein Zufall, dass sich das Werk in neun Teile gliedert, entspricht dies doch der Anzahl der Musen. Und so hat Goethe auch jedem Teil den Namen einer Muse gewidmet. Als Versmaß wählte der Dichter den Hexameter, das klassische Versmaß der epischen Dichtung. Das Werk steht unter dem Vorzeichen der Französischen Revolution und der Flucht der Vertriebenen. Mit großer Hoffnung hatten die Menschen, hatte Johann Wolfgang von Goethe nach Frankreich geschaut und umso größer war die Enttäuschung als die Revolution in ein Blutbad tauchte und der Krieg die Hoffnung vernichtete. Goethes Wunsch am Ende des Epos lautet den auch: „Und gedächte jeder wie ich, so stünde die Macht auf Gegen die Macht, und wir erfreuten uns alle des Friedens“. In diesem Milieu spielt das bürgerliche Epos und appelliert an die Zeitgenossen, nicht zu verzagen und mutig zu handeln: „Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist, der vermehret das Übel und breitet es weiter und weiter.“ Hermann und Dorothea sind zwei dieser Menschen, die in den Wirren der Vertreibung zueinander finden und gemeinsam die Zukunft planen.Kalliope – Schicksal und AnteilIm Blickpunkt des ersten Kapitels steht das Schicksal der Menschen, die vor den französischen Revolutionstruppen flüchten.Die Straßen der Stadt sind ausgestorben. Aus Neugier sind die Bewohner vor die Stadt gezogen „…, um den traurigen Zug der armen Vertriebenen zu sehen…“. Diese Menschen sind vor den marodierenden französischen Revolutionstruppen über den Rhein geflüchtet. Die Bewohner der Stadt versorgen sie mit Proviant und Kleidung. Der Wirt des ‚Goldenen Löwen‘ unterhält sich mit seiner Frau und nimmt Anteil am Schicksal der Unglücklichen. Auch sie haben gespendet und ihr Sohn Hermann ist damit zu den Flüchtlingen unterwegs. Andere hingegen wollten sich nur am Leid ergötzen.„So sind die Menschen fürwahr! und einer ist doch wie der andereDass er zu gaffen sich freut, wenn den Nächsten ein Unglück befället!“Nicht immer wird der Mensch von Verstand und Vernunft geleitet. Die Neugier kann nützlich, aber auch gefährlich sein.„Der im Glück wie im Unglück sich eifrig und tätig bestrebet;Denn das Gute bringt er hervor und ersetzet den Schaden.“Der Apotheker und der Pfarrer kehren zurück und berichten den Wirtsleuten von ihren Erlebnissen. Die Rede kommt auf Hermann zu sprechen und die Mutter lobt den Jüngling, der fleißig ist und hilfsbereit, aber auch schüchtern ist und Gesellschaft, Tanz und Mädchen meidet.Terpsichore – HermannIm Blickpunkt dieses Kapitels steht die Erwartung des Vaters, dass der Sohn eine reiche Schwiegertochter heiratet.Hermann kehrt zurück und erzählt, wie er den Flüchtenden Hilfe geleistet hat. Ein Mädchen gewann seine Aufmerksamkeit, weil sie trotz ihrer misslichen Situation sehr stolz und selbstbewusst auftrat. Sie versorgte eine Wöchnerin und nahm dankbar Hermanns Gaben an. Der Apotheker freut sich, dass er keine Familie besitzt, um die er sich sorgen muss. Hermann widerspricht:„Ist wohl der ein würdiger Mann, der im Glück und im UnglückSich nur allein bedenkt und Leiden und Freuden zu teilenNicht verstehet und nicht dazu von Herzen bewegt wird?“Der Vater lobt ihn und erinnert die Gäste daran, dass die Stadt vor 20 Jahren abbrannte. In dieser Situation verliebte er sich in seine spätere Frau und wagte den Schritt in die Ehe. Gleichzeitig drückt er die Hoffnung aus, dass sein Sohn ein „begütertes Mädchen“ mit „schöner Mitgift“ nach Hause führt. Er hat auch schon eine Schwiegertochter im Auge: die Tochter des reichen Kaufmanns in der Nachbarschaft. Hermann ist darüber nicht begeistert, wurde er doch als Knabe im Hause des Kaufmanns wegen seiner mangelhaften Bildung gehänselt. „Eitel und lieblos“ sind die Töchter des Kaufmanns und schauen hochnäsig auf ihn herab. Der Vater ist verärgert und kritisiert seinen Mangel an Ehrgeiz in der Schule. Der Sohn verlässt die Stube.Thalia – Die BürgerIm Blickpunkt dieses Kapitels steht die Frage der richtigen Erziehung eines Kindes zu einem Bürger.Der Vater empfiehlt seinem Sohn zu reisen, um sich weiterzubilden„… wie die Zeit uns lehrt und das Ausland!Soll doch nicht als ein Pilz der Mensch dem Boden entwachsenUnd verfaulen geschwind an dem Platze, der ihn erzeugt hat,…Darum habe ich gewünscht, es solle sich Hermann auf ReisenBald begeben und sehn zum wenigsten Straßburg und FrankfurtUnd das freundliche Mannheim…“Achtgeben soll er auf die öffentliche Ordnung:„… der Ort ist übel regiertet,Denn wo nicht immer von oben die Ordnung und Reinlichkeit wirket,Da gewöhnet sich leicht der Bürger zu schmutzigem Saumsal…“Vehement widerspricht die Mutter einer harten Erziehung:„Denn wir können die Kinder nach unserem Sinne nicht formen;So wie Gott sie uns gab, so muss man sie haben und leiben,Sie erziehen aufs Beste und jeglichen lassen gewähren.“Doch der Vater bleibt bei seiner Meinung und verweist auf den Spruch der Alten:„Wer nicht vorwärts geht, der kommt zurück!“Abschließend erzählt der kostenbewusste Apotheker, dass er aus die Renovierung seines Hauses wegen der hohen Kosten verzichtet und auch nicht jeden Modetrend mitmacht.Euterpe – Mutter und SohnIm Blickpunkt dieses Kapitels steht die Anteilnahme der Mutter für den Sohn.Die Mutter hat ebenfalls die Stube verlassen und sucht den Sohn, im Pferdestall, im Garten, im Weinberg, geht durch das Kornfeld und findet ihn schließlich weinend unter dem Birnbaum sitzen. Er sorgt sich um sein Vaterland:„Dem ist kein Sinn in dem Haupte, der nicht um sein eigenes Wohl sichUnd um des Vaterlands Wohl in diesen Tagen bekümmert.“Er trägt sich mit dem Gedanken, als Soldat dem Vaterland zu dienen.Die Mutter ahnt aber, dass Hermann etwas anderes quält. Er, der immer Vater und Mutter ehrte, wurde von den harten Worten des Vaters verletzt. Die Mutter ahnt ferner, dass sich der Sohn in das vertriebene Mädchen verliebt hat und Hermann bestätigt die Vermutung. Die Mutter glaubt, dass der Vater der Verbindung doch noch seinen Segen gibt, und so kehren die beiden an den Tisch in der Stube zurück und hoffen auf die Hilfe des Predigers.Polyhymnia – Der WeltbürgerIm Blickpunkt dieses Kapitels steht die Entscheidung, die Braut durch zwei Vertrauensleute zu überprüfen.Am Tisch sitzen immer noch die 3 Männer. Der Pfarrer vertritt die konservative Meinung, dass der Mensch zum wenigsten das Neue sucht und Lust hat „… zu verharren im Alten…“. Mutter und Sohn kommen hinzu. Die Mutter erinnert den Vater daran, dass der Sohn sich selbst eine Braut wählen dürfte. Nun sei die Stunde gekommen und er habe sich für das fremde Mädchen entschieden. „Aber der Vater schwieg“. Der Pfarrer zeigt Verständnis für das Anliegen, weil er verständig und vernünftig sei. Der Apotheker dagegen rät, zuerst die Braut zu prüfen und so kommen alle überein, dass der Pfarrer und der Apotheker das Mädchen aufsuchen, um es zu prüfen „…, ob das Mädchen auch Wert der Hand sei…“. Hermann spannt die Pferde an und die drei Männern machen sich auf den Weg in den Nachbarort, wo die Vertriebenen rasten. Hermann wartet vor dem Ort, beschreibt das Mädchen und seine Kleidung und der Pfarrer und der Apotheker gehen auf das Dorf zu. Sie treffen den Richter aus der Gruppe der Flüchtlinge.Klio – Das ZeitalterIm Blickpunkt dieses Kapitels steht die Beschreibung der Hoffnung und Enttäuschung, welche die Französische Revolution auslöste.Der Apotheker zieht los und sucht das Mädchen, während der Pfarrer sich mit dem Richter unterhält, der ihm sein Leid vorträgt:„Denn wir haben das Bittere der sämtlichen Jahre getrunken,Schrecklicher, weil auch uns die schönste Hoffnung zerstört ward…Als sich der erste Glanz der neuen Sonne heranhob,Als man hörte vom Rechte der Menschen, das allen gemein sein,Von der begeisternden Freiheit und von der löblichen Gleichheit!Damals hoffte jeder, sich selbst zu leben; es schien sichAufzulösen das Band, das viele Länder umstrickte.Das der Müßiggang und der Eigennutz in der Hand hielt.Schauten nicht alle Völker in jenen drängenden TagenNach der Hauptstadt der Welt, die es schon so lange gewesenUnd jetzt mehr als je den herrlichen Namen verdiente?Waren nicht jener Männer, die ersten Verkünder der Botschaft,Namen den höchsten gleich, die unter die Sterne gesetzt sind?Wuchs nicht jeglichem Menschen der Mut und der Geist und die Sprache?Und wir waren zuerst, als Nachbarn, lebhaft entzündet.Drauf begann der Krieg, und die Züge der bewaffneten FrankenRückten näher; allein sie schienen nur Freundschaft zu bringen.Und die brachten sie auch: denn ihnen erhöht war die SeeleAllen; sie pflanzten mit Lust die munteren Bäume der Freiheit…Aber der Himmel trübte sich bald. Um den Vorteil der HerrschaftStritt ein verdorbenes Geschlecht, unwürdig, das Gute zu schaffen.Sie ermordeten sind und unterdrückten die neuenNachbarn und Brüder …Und es raubten und prassten bis zu dem Kleinsten die Kleinen…Losgebunden erscheint, sobald die Schranken hinweg sind,Alles Böse, das tief das Gesetz in die Winkel zurücktrieb.“Not bringt aber auch Heldentaten hervor. Der Richter erzählt, wie ein schönes Mädchen Frauen vor herumstreifenden Soldaten schützte. Weder Richter noch Pfarrer ahnen, dass es sich um das gesuchte Mädchen handelt. Da kommt der Apotheker zurück und berichtete freudig, dass er die Magd gefunden habe. Der Pfarrer ist von ihrem Äußeren entzückt, doch der Apotheker vertraut nicht nur dem Schein. Erst als der Richter in dem Mädchen die Heldin erblickt, ist auch der Apotheker überzeugt. Pfarrer und Apotheker kehren zu Hermann zurück:„Heil dir junger Mann! Dein treues Auge, dein treuesHerz hat richtig gewählt! Glück dir und dem Weibe der Jugend!“Hermann überkommt die Angst, die junge Frau wäre schon vergeben. Ihm bangt davor, sie anzusprechen und er bedauert, dass der Freiersmann, der früher den Antrag stellte, aus der Mode gekommen ist. Doch er gibt sich einen Ruck, verabschiedet die beiden Mitfahrer und macht sich auf den Weg zur schönen Maid.Erato – DorotheaIm Blickpunkt dieses Kapitels steht das Zusammentreffen von Hermann und Dorothea.Am Brunnen vor dem Ort trifft er das schöne Mädchen. Sie holt frisches Wasser für die Vertriebenen. Schon ist sein Mut verflogen, ihr seine Liebe zu bekennen, doch er fasst schnell einen neuen Plan und bietet ihr die Stelle eines Dienstmädchens an, um die Mutter zu unterstützen. Schnell willigt die junge Frau ein: „Ja, ich gehe mit euch und folge dem Rufe des Schicksals.“ Goethe verteidigt das klassische Frauenbild:„Dienen lerne beizeiten das Weib nach ihrer Bestimmung;Denn durch Dienen allein gelangt sie endlich zum Herrschen,Zu der verdienten Gewalt, die doch ihr im Hause gehöret.“Doch Goethe lobt auch die Stärke der Frau:„Wenn der Säugling die Kränkende weckt und Nahrung begehretVon der Schwachen, und so zu Schmerzen Sorgen sich häufen.Zwanzig Männer verbunden ertrügen nicht diese Beschwerde,Und sie sollen es nicht; doch sollen sie dankbar es einsehn.“Die junge Frau trennt sich von der Schar der Flüchtlinge und verlässt mit Hermann den Ort.Melpomene – Hermann und DorotheaIn diesem Kapitel informiert Hermann das schöne Mädchen über seine Mutter und seinen Vater.Beide machen sich auf den Weg nach Hause. Unterwegs erzählt Hermann, wie man das Herz der Mutter gewinnen kann:„Und so wirst du ihr auch das trefflichste Mädchen erscheinen,Wenn du das Haus besorgst, als wenn du das deine bedächtest.“Der Vater legt dagegen auf „äußere Zeichen“, auch „Zierde“ Wert.Hermann ergreift die Hand des Mädchens und spürt einen Ring, „das schmerzliche Zeichen“ an ihrem Finger. Ist sie schon vergeben, fragt er sich. Sie kommen zu Hause an.Urania – AussichtIn diesem Kapitel finden Hermann und Dorothea zusammen.Gothe folgt den antiken Dichtern und fleht die Musen um Hilfe:„Musen, die ihr so gern die herzliche Liebe begünstigt,…Helfet auch ferner den Bund des lieblichen Paares vollenden…“.Die Mutter rennt ungeduldig durchs Haus. Der Apotheker verrät, wie er lernte, geduldig zu sein. Als Knabe wartete er sonntags ungeduldig auf die Kutsche, welche die Kinder zum Brunnen bringen sollte. Da zeigt ihm der Vater den Tischler, der einen Sarg zimmert und erinnert ihn daran, dass auch ihm einst ein Sarg angefertigt wird:„Rennen andere nun in zweifelhafter ErwartungUngebärdig herum, da muss ich des Sarges gedenken.Lächelnd sagte der Pfarrer: Des Todes rührendes Bild stehtNicht als Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen.Jenen drängt es ins Leben zurück und lehret ihn handeln,Diesem stärkt es zu künftigem Heil im Trübsal der Hoffnung:Beiden wird zum Leben der Tod. Der Vater mit UnrechtHat dem empfindlichen Knaben den Tod im Tode gewiesen.Zeige man doch dem Jüngling des edel reifenden AltersWert und dem Alter die Jugend, dass beide des ewigen KreisesSich erfreuen und so sich Leben im Leben vollende!“Hermann stellt Dorothea den Eltern vor. Der Vater schockiert das Mädchen, als es als „Braut“ seines Sohnes bezeichnet. Dorothea fühlt sich verspottet und will fort. Der Pfarrer redet beruhigend auf Dorothea ein und als sie gesteht, dass Hermann ihr gefällt, bekennt auch er seine Liebe. Doch was bedeutet der Ring an Dorotheas Finger? Sie erzählt, dass der Ring das Abschiedsgeschenk des Freundes war, der in den Krieg zog und nach Paris zog„…, wo er Kerker und Tod fand.Lebe glücklich, sagt‘ er. Ich gehe, denn alles bewegt sichJetzt auf Erden einmal, es scheint sich alles zu trennen,Grundgesetze lösen sich auf der festesten Staaten,Und es löst der Besitz sich los vom alten Besitzer,Freund löst sich vom Freund: so löst sich Liebe von Liebe.“Ein neues Zeitalter bricht an, Gesetzte verlieren ihre Gültigkeit und neue Bündnisse werden geschmiedet. Mut und Entschlossenheit, Kraft und Standhaftigkeit sind gefordert:„Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist,Der vermehret das Übel und breitet es weiter und weiter…Und gedächte jeder wie ich, so stünde die Macht aufGegen die Macht, und wir erfreuten uns alle des Friedens.“
Warum dann nicht 5 Sterne? - Hermann und Dorothea von Goethe hat bei mir sehr unterschiedliche Gefühle ausgelöst, bei Erstlektüre und auch später. Es ist für mich zum einen - von der Sprachmusik wie von den poetischen Bildern her - einer der schönsten Texte in deutscher Sprache überhaupt, zusammen mit Gottfried von Straßburgs Tristan und Isolde, mit Dürrenmatts Minotaurus - ebenfalls in Hexametern, Otfrid von Weißenburgs Evangelienharmonie, Hildesheimers Zeiten in Cornwall ... Sprachmelodie, Sprachrhythmus, die gewählten poetischen Bilder erwecken in mir ein Körpergefühl von purer Schönheit.Goethe schafft es, die kleinbürgerliche Beschaulichkeit eines Rheingaustädtchens Ende des 18. Jahrhunderts idyllisch zu verklären und zugleich mit den drängenden Problemen zeitgenössischer großer Politik zu verbinden: sprich Französische Revolution, Revolutionskriege, Verlust der Linksrheinischen Gebiete, Suche nach der nationalen Identität Deutschlands. - Genial! In einem Stil, der an die Alltagsgleichnisse Homers erinnert, schildert er den Lebenskreis rheinischer Ackerbürger, die sich mit den Ausläufern der Revolutionskriege konfrontiert sehen: Flüchtlinge! - Mainz ist zu diesem Zeitpunkt eine von Franzosen besetzte und nach französischem Vorbild verwaltete Republik - bzw. seit dem 2. Erscheinen der französischen Revolutionstruppen für nunmehr 20 Jahre offiziell Frankreich angegliedert. Goethe hatte als Geheimer Rat des Duodezfürstentums Sachsen-Weimar mittelbar mit diesen Entwicklungen zu tun. Zwei ebenfalls bei Reklam veröffentlichte Texte von ihm - Belagerung von Mainz und Kampagne in Frankreich - illustrieren seine Position. Er folgte seinem Fürsten mit dessen Truppen nach Frankreich, um die französischen Truppen zurückzutreiben, Paris zu erobern und dort ggf. den Französischen König zu befreien, was anfangs teilweise gelang. Später siegten die französischen Revolutionstruppen und eroberten große Teile des Linksrheinischen Territoriums, darunter das Fürstbistum Mainz, wo sie von deutschen Koalitionstruppen - darunter auch Sachsen-Weimar samt J.W. Goethe - eingekesselt wurden. (siehe Wikipedia: Mainzer Republik & Goethe Belagerung von Mainz ...) Sehr deutlich sieht man in den Goehte-Texten den inneren Konflikt des aufgeklärten Bürgers und Fürstendieners in Sachen Revolution. Die einfachen Soldaten der deutschen Truppen singen die französischen Lieder und auch Goethe und sein Fürst symphatisieren zum Teil mit dem aufklärerisch geprägten französischen Programm. Wie grenzt man sich da ab und findet eine Legitimation für das eigene Handeln, für den Fortbestand des Bestehenden oder gar die Bekämpfung der Revolution?In Deutschland diskutiert seit Jahrzehnten das politisch- kulturell erwachte Bürgertum über die Verbesserung der ökonomischen, kulturellen Infrastruktur, über den Wert und die Eignung der deutschen Sprache als Kultursprache, über die Frage nach dem Verhältnis der Stände - Fürstentum, Adel eingeschlossen! - über die zweckmäßige Ordnung des Staates - und die Gestalt der deutschen Nation!Es gibt zu dieser Zeit zwar ein deutsches Reich, aber kein einheitlich regiertes Territorium. Die beiden größten Flächenstaaten - Österreich-Ungarn und Brandenburg-Preußen - befinden sich im Norden und Süden an der Peripherie. Ein großer Teil ihres Staatsgebietes gehört nicht zum deutschen Reich und wird bewohnt von nicht deutschsprachigen Völkern. Dazwischen befinden sich massenweise Miniaturstaaten - wie Sachsen-Weimar, das zuweilen nicht viel mehr beinhaltet als Stadt und unmittelbare Umgebung von Weimar, zeitweise aber auch Jena mit beherrscht - einige größere Staaten wie Kursachsen, Kurpfalz und Bayern, die aber oft kein durchgängiges, einheitliches Staatsgebiet haben. Der Kaiser hat in diesem Zusammenhang allenfalls moderierende Funktion.Mit dem 2. Vordringen der Franzosen werden die Probleme für Deutschland drängender: Einige deutsche (Klein-)Staaten verschwinden ganz oder teilweise von der Landkarte. Viele deutsche Bürger kommen unter französisch-revolutionäre Herrschaft. Die deutschen Fürsten geraten unter Druck. Die Bürger sind sich nicht einig, wie eine künftige deutsche Nation, die sich viele wünschen, aussehen soll: mit oder ohne Fürsten? Unter französischer Herrschaft oder nach französischem Vorbild? Was ist eigentlich deutsch?Goethe schreibt unter diesen Umständen Herrmann und Dorothea als Nationalepos. Er lehnt sich dabei einerseits an die Idyllendichtung seiner Zeit an, die seit einigen Generationen das deutsche Bürgertum in seiner ganzen Breite erreicht und begeistert. Viele, die sonst mit Lesen nicht viel am Hut haben, lesen heimatbezogene Idyllen. Viele der damals wichtigsten Autoren treten gerade mit diesem Genre erfolgreich an ihre Leserschaft heran. Idyllen und heitere idyllenmäßige Alltagsgedichte - teils vertont - waren die ersten Texte die ein deutsch-lesendendes Publikum über die reine Akademikerschicht hinaus eroberten. Andererseits wählt er sich als Vorbild Homer, von dem es in den Jahrzehnten zuvor gut ein halbes Dutzend vielbeachteter Übersetzungen gab. Er ahmt die musikalisch-klangvollen Hexameter der Ilias und Odyssee nach, entlehnt und verfremdet beschreibende Adjektive und Erzählmotive und gibt damit dem einfachen Ackerbürger Hermann und seiner bürgerlichen Dorothea eine Stilhöhe, wie sie bis vor kurzem nur hochadeligem Personal zustand. Hermann steht da plötzlich auf einer Stufe mit Achilles, seine Mutter mit der Göttin Thetis, der Dorfpfarrer oder einer der Flüchtlinge auf der eines Odysseus oder Nestor!Er klammert aus seiner Handlung die Fürsten und die Adelsherrschaft ebenso aus wie die Diskussion um den Kernbestand der Französischen Revolution, schildert den Edelmut - ebenso wie die Beschränktheit - die Solidarität, den Sachverstand und das Engagement für das Gemeinwohl, den geordneten, aber von Krieg bedrohten Alltag der Honoratioren einer Ackerbürgerstadt als die eigentlichen Repräsentanten des Deutschen, samt ihrer deutschen Tugenden - und schafft so virtuell die damals inexistente deutsche Nation. Deutsch ist die Sprache, deutsch das bodenständige Bürgertum, das kulturelle Selbstverständnis. Die Staatsform mag sich finden. Die Fürsten werden einfach nicht erwähnt. Die Revolution beiläufig als anfangs attraktiv und befreiend, später bedrückend und undeutsch geschildert. Goethe fasst Entwicklungen im bürgerlichen Diskurs zusammen und nimmt die weitere Entwicklung des deutschen Nationalgedankens voraus. Dementsprechend wurde das Werk bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts rezipiert. Das ist es, was mir vereinzelt Bauchgrimmen verursacht. Es ist ein wunderschöner, verführerischer Text, der zuweilen extrem nationalistisch ausgelegt wurde und die Potition einer deutsch-nationalen Kultschrift einnahm. Wenn man den Hintergrund ein wenig kennt, ist der Text extrem informativ. Und die literarische Konstruktion ist - selbst für Goethes hochelaborierte Verhältnisse - einfach fantastisch.Weiterführende Titel: Goethe, Belagerung von Mainz und Campagne in Frankreich; Gustav Seibt, Mit einer Art von Wut. Goethe in der Revolution - und Kurzke/Kemman: Untergang einer Riechshauptstadt. Belagerung von Mainz. Ein Bilderbogen.