Ich würde sagen: Genauso ediert man nicht. Im biographischen Nachwort erfährt man nicht einmal, dass einander Dichter und Komponist nie trafen, ja dass Wilhelm Müller von Schuberts Vertonung der „Müllerin" vermutlich nicht einmal Kenntnis besaß (die Komposition der „Winterreise" hat er nicht erlebt). Es fehlen Prolog und Epilog zur „Müllerin", was in einer Text-Edition ja wohl das Mindeste wäre. Man erfährt nicht, wie Schubert zu den Gedichtzyklen kam, dass er die Reihenfolge der „Winterreise" massiv umgestellt und einige Texte verändert hat und weshalb. Auch erfährt man nicht, dass Schubert drei Gedichte aus der „Müllerin" ausgelassen hat. Dafür wird unterstellt, die allseits bekannte Vertonung des Liedes mit der Beginnzeile „Das Wandern ist des Müllers Lust" durch einen gewissen Carl Friedrich Zöllner wäre die Schubert’sche Version. Wer sich das Bändchen kauft, will aber doch wenigstens skizzenhaft über die gemeinsamen Hintergründe und die Entstehungsgeschichte der bekanntesten und bedeutendsten Liederzyklen der Kulturgeschichte informiert werden. Da uns der Nachwortverfasser allerdings darüber belehrt, dass Schubert „allenfalls" bekannt wäre, werden diese Versäumnisse erklärbarer. Dann die Illustrationen des Zeitgenossen Ludwig Richter: Das Titelblatt könnte eventuell zur „Winterreise" gehören, aber die Bilder zu den einzelnen Gedichten sind vermutlich aus Richters OEuvre zusammengesucht. Dagegen ist nichts einzuwenden (obwohl nicht alles zu einander passt), aber auch hier wäre eine Erklärung kein Fehler. Mit anderen Worten: Dann schon lieber die Reclam-Ausgabe, in der man halbwegs informiert wird. Ein wahrer Jammer ist allerdings, dass die hervorrragend gestaltete und kommentierte Gedichtauswahl aus dem Insel-Verlag vergriffen ist. Hier sind neben den beiden Zyklen auch andere, zum Teil exzellente Gedichte Müllers abgedruckt.