Von den vielen guten Romanen, die ich bisher von Martin Suter gelesen habe, hat mir “Lila, Lila” am besten gefallen. Es ist beeindruckend, wie der Autor sich jeweils in die Psyche seiner vier Hauptpersonen versetzt: Der junge, naive Aushilfskellner David, der aus lauter Verliebtheit einen folgenschweren Fehler begeht; die schöne Marie, die so gerne emanzipiert sein möchte, sich in Wahrheit aber über den sozialen Status ihres jeweiligen Partners definiert; die in die Jahre gekommene Lektorin Karin, die noch einmal richtig beruflich durchstarten möchte und der schlitzohrige Berber Jacky, der endlich seine große Chance sieht. Aus diesen wechselnden Perspektiven erzählt Suter die Geschichte einer harmlosen, kleinen Dummheit, die sich nach und nach zu einem handfesten Problem für alle Beteiligten auswächst, weil jeder irgendwie seinen Vorteil daraus zu ziehen versucht und die Augen konsequent vor der nahe liegenden Wahrheit verschließt. Dabei zieht Suter alle Register seines Könnens.Er zeigt, dass es nicht unbedingt eines Kapitalverbrechens bedarf, um eine durchweg spannende Story zu erzählen. Seinen subtilen, leicht ironischen Humor setzt er gezielt und treffsicher ein, ohne jemals die Glaubwürdigkeit seiner Geschichte einer schnellen Pointe zu opfern. Das Großartigste aber ist sein Gespür für originelle Typen, und davon wimmelt es nur so in diesem Buch! Da wären neben den vier bereits Genannten der arrogante Ralph und seine Boheme-Truppe - lauter gescheiterte Existenzen, die sich für verkannte Genies halten und ihre Nächte in der Kneipe verbringen, in der David kellnert. Oder Maries Mutter, die sich seit der Trennung von Maries Vater mit ihrer Tochter in einem Wettstreit um den jüngsten Liebhaber sieht. Oder der Verlagschef, der vor lauter betriebswirtschaftlichem Optimierungswahn jegliches Gespür für gute Geschichten verloren hat. Selbst jede einzelne der zahlreichen Buchhändlerinnen, denen David auf seinen Reisen begegnet - alle diese Personen werden mit viel Liebe zum Detail und einer gehörigen Portion Ironie beschrieben, ohne dabei zu Karikaturen zu verkommen. Irgendwie glaubt man immer, diesen Leuten schon einmal begegnet zu sein.All das schreibt Suter in einer eleganten, dabei aber völlig unprätentiösen und flüssigen Sprache, in der nur selten der eine oder andere typisch schweizerdeutsche Begriff den bundesrepublikanischen Leser stutzen lässt.Ich habe schon lange nicht mehr so viel Spaß beim Lesen gehabt.
Kennen Sie diese Geschichten, in denen Menschen plötzlich und unerwartet Geld finden? Viel Geld. Geld, das in einer Telefonzelle liegt, an Bushaltestellen, in einem alten Möbelstück...? Geld, das jemand anderem gehört, aber gleichzeitig herrenlos erscheint. Geld, das vom Finder dringend benötigt wird. Das die Lösung all seiner Probleme bedeuten würde.Und die Frage lautet dann: was tue ich damit? Und was passiert, wenn eines Tages derjenige vor mir steht, dem das Geld ursprünglich gehört hat?Diese Art von Geschichte bildet die Folie des Romans "Lila, Lila", der eine sehr raffiniert konstruierte und facettenreiche Abwandlung dieser eher flachen Grundidee schafft:David, ein erfolgloser Kellner mit Schriftstellerambitionen, aber ohne Talent, findet in einem antiken Schränkchen einen Roman. Dieser Roman, "Sophie, Sophie", erzählt die Geschichte einer unglücklichen Liebe in den 50er Jahren. David ist von der Geschichte gefesselt.Kurze Zeit zuvor lernt David in der Bar in der er kellnert Marie kennen, in die er sich verliebt. Er findet heraus, dass Marie sich für Literatur interessiert. An David zeigt Marie jedoch kein besonderes Interesse.Um Marie zu beeindrucken, gibt David ihr den Roman "Sophie, Sophie" zu lesen. Er gibt die Geschichte als sein eigenes, unveröffentlichtes Manuskript aus.Marie ist von dem Roman fasziniert und diese Faszination überträgt sich auf Davids Person, den vermeintlichen Autor der Geschichte. Die Beiden werden ein Paar.Für David ist die Geschichte an dieser Stelle abgeschlossen. Er wollte weder reich noch berühmt werden, er wollte ausschließlich Marie zu seiner Freundin. Dieses Ziel hat er erreicht.Marie hingegen sendet den Roman ohne Davids Wissen an einen Verlag. Der Roman wird zur Veröffentlichung angenommen.David befindet sich nun in einer Zwickmühle. Obwohl er Angst vor einer Entlarvung durch den wirklichen Autor der Geschichte hat, will er Maries Liebe nicht aufs Spiel setzen. Er gibt sich weiterhin als Autor der Geschichte aus und beginnt eine Schriftstellerkarriere. Davids Bekanntheit steigert sich, der Roman wird zum Beststeller.Aber eines Tages steht ein Mann vor ihm, der behauptet, der wahre Autor der Geschichte zu sein..."Lila, Lila" hat trotz einiger Längen Suspense. Zudem kann sich kaum jemand der Frage entziehen: wie hätte ich an Davids Stelle gehandelt? Was passiert, wenn ich durch eine Lüge das Herz der Person gewinnen könnte, die ich liebe? Oder das Ziel erreichen könnte, an dem mir am meisten liegt.Greife ich zu? Nehme ich das Geld, das Manuskript, ... oder lasse ich diese Gelegenheit verstreichen, weil mein Gewissen oder meine Angst mich (durchaus berechtigt) davon abhalten?Neben den - kursiv gesetzten- Auszügen des fiktiven Romans "Sophie, Sophie" finden sich weitere kleine Geschichten in der Geschichte von "Lila, Lila", die etwas aus dem Leben einiger Protagonisten erzählen, das nicht notwendigerweise Teil des Plots sein müsste. Diese Geschichten machen den Roman unterhaltsamer, die Figuren insgesamt plastischer.Die Figur des David bleibt jedoch hölzern. Es ist für den Leser schwer nachzuvollziehen, dass dieser langweilige, ungeschickte Junge ohne einen Funken Ausstrahlung einzig durch einen Roman das Herz seiner Angebeteten erobern kann. Der Leser empfindet praktisch keine Empathie mit dieser Hauptfigur, die in ihrer Reizlosigkeit beinahe schon überzeichnet ist.Insgesamt ein guter Roman, der leider durch eine stereotypisierte Hauptfigur an Ausstrahlung verliert.Dreieinhalb Sterne.
Habe das Buch aufgrund der guten Kritiken gekauft. Nachdem ich mich durch die langweiligen Seiten gequält habe, kann ich die Kritiken nicht nachvollziehen. Die Thematik hätte mir schon zu denken geben sollen, aber ich hatte Hoffnung. Leider kann ich das Buch nicht als kurzweiligen Freizeitspaß empfehlen.