Gibt es etwas Langweiligeres als eine Schweizer Mittellandsiedlung mit einer Mischung aus den 50ern und 70er Jahren? So stelle ich mir den Ort des Romans «Die Zeit, die Zeit» von Martin Suter vor. Er skizziert das schmucklose und etwas festgefügte Leben dort ohne grossen sprachlichen Aufwand (nicht «locker vom Hocker», wie gemeint wird), aber sprachlich genau und mit viel Gespühr für aussagekräftige Details (aehnlich den Fotografien von Andri Pol).Eine spannende Geschichte spielt sich dort ab von zwei Männern verschiedenen Alters. Beide haben sie ihre Frau verloren und beide versinken in ihrem Gram, weil sie denken, am Tod ihrer Ehefrauen mitschuldig zu sein. Der eine, Peter Taler, versucht durch psychophysiologische Selbst-Experimente den Zustand kurz vor dem Mord an seiner Frau zu wiederholen, um so das Verbrechen aufdecken zu können. Der andere, Knupp, versucht, den Tod seiner Frau rückgängig zu machen, indem er - gemäss seiner Annahme, dass Zeit nicht existiere, nur Veränderungen, die man rückgängig machen kann - ein aufwendiges Experiment anstellt mittels einer «Re-etablierung» der örtlichen Umstände (Pflanzen, Bauwerke, sich selbst, usw).Suter strickt nun ein Ineinandergreifen beider Schicksale so, dass es zum wohl überraschenden, aber logisch zwingenden Schluss kommt. Der aufmerksame Leser bemerkt frühe Anzeichen von Hoffnungslosigkeit (Stichwort Schraubstock) beim älteren Mann, der ja gleichzeitig das ganze verrückte Experiment energetisch vorantreibt. Knupp weiss um die fatale Verstrickung, die letztlich nur ein Resultat ermöglicht, sollte das Experiment gelingen, und das nicht zu seinen Gunsten.Ein weiterer herrlicher Einfall Suters ist die Camera Obscura, mit der genaue Pläne zur Rekonstruktion gemacht werden können, deren Dunkelheit gewisse Stimmungen der Figuren verstärkt und quasi auf den Leser überspringen lässt. In dieser Camera Obscura hätte auch leicht eine amuröse Geschichte zwischen Taler und der Lehrtochter beginnen können, jedenfalls knisterte es zwischen ihnen für mein Dafürhalten. Suter jedoch macht uns diesen Gefallen nicht und bleibt in der trockenen, nüchternen Realität zweier Verrückter, die die Zeit umdrehen wollen.Suter treibt die Geschichte stetig voran, wenn manchmal auch in Millimeterschritten. Suter verlangt dem Leser einige Geduld ab mit der genauen Beschreibung der Re-etablierungsschritte. Man kann es auch sehen als Zenübung im Lesen. Das hat mit des Lesers Achtsamkeit und Zeit zu tun, quasi das dritte Experiment des Romans.
Der Aufbau einer ZeitmaschineDie Zeitmaschine ist ein Apparat, der von allen Teilchen Ort und Impuls exakt speichert (geht das nach der Heisenbergschen Unschärferelation überhaupt?) und in einem Diagramm auf der x- Achse, die die Zeitachse darstellt, einträgt. Darüber hinaus vermag er bei Ingangsetzen alle Teilchen der Welt so zu arrangieren, wie und wo sie sich an einem bestimmten Zeitpunkt tx einst befanden und verhielten. Gleiches gilt natürlich auch für die Teilchen, aus denen der Zeitreisende besteht, er will ja interagieren und nicht nur beobachten. (Die reine Beobachtung wäre ja nichts anderes als das Anschauen einer Dokumentation, was ja heute ohne weiteres möglich ist.)Die Zeitreise nach tx ist also nur möglich, wenn alle Teilchen ausnahmslos in der Konfiguration zum Zeitpunkt tx vorhanden sind. Dadurch aber kann es zu keiner Verdopplung des Zeitreisenden kommen. In dem Moment, in dem die ältere Person den Zeitabschnitt tx der jüngeren Person betritt, verschwinden entweder die ältere Person oder die jüngere.Die ältere Person verschwindet genau dann, wenn beim Wiederarrangieren der Teilchen zum Zeitpunkt tx auch ihre später gesammelten Informationen (Lebenserfahrung) mit verlorengehen. Die jüngere Person hingegen verschwindet, wenn die Erfahrungen der älteren Person beim Wiedereintritt in den genannten Zeitabschnitt erhalten bleiben, was ja wünschenswert wäre, denn damit hätte eine Zeitreise überhaupt erst ihren Sinn! Man will es ja beim nächsten Mal ganz bestimmt besser machen. In letzterem, wünschenswertem Fall wäre aber die ursprüngliche Teilchenkonfiguration nicht vollends verwirklicht, denn in den Nervenzellen gespeicherte Informationen verändern diese ja auch physisch.Ein virtueller Kontakt hingegen zwischen älterer und jüngerer Person (z.B. im Traum) hingegen scheint möglich zu sein, wenn nur Informationen übertragen werden. Dann ist auch die Verdopplung selbstverständlich, ich kann mir ja durchaus einen Film ansehen, in dem ich selbst mitspiele. Dann gibt es mich zweimal, einmal vor dem Fernseher und einmal "im Fernseher".Ein theoretisches Beispiel: Die Welt bestehe aus nur 3 Teilchen, der Zeitmaschine und der zeitreisenden Person.Die Zeitmaschine arrangiert die 3 Teilchen so, wie sie zum Zeitpunkt tx waren und die zeitreisende Person betritt das Bild zur Komplettierung. Es erscheint klar, daß es die zeitreisende Person in diesem Arrangement nur einmal geben kann.Ein praktisches Beispiel: Wenn man nach einer Ferienreise sein Haus wieder betritt und alles unverändert vorfindet, dann betritt man gewissermaßen einen bereits vergangenen Zeitabschnitt erneut, wenn auch nur auf lokaler Ebene. Der Reisende ist auch in diesem Arrangement nie doppelt vorhanden, sein älteres Ich mit den Erinnerungen an die Reise allein ist präsent.Eine Verdoppelung kann dadurch eintreten, indem man von der Reise träumt, entweder nach ihr oder auch, was ja durchaus möglich ist, vor deren Antritt.Filme und Fotos stellen mithin unvollkommene Versuche dar, das Arrangement der Teilchen zum Zeitpunkt tx zu erfassen und zu speichern. Betrachte ich einen Film, besser noch lese ich ein Buch, betrete ich vergangene Zeitabschnitte erneut. Welche Handlungsmöglichkeiten ich darin wohl habe?Im übrigen ist es so, daß der Mensch die absolute Gegenwart, die Planck- Zeit, die das Intervall von 10 - 43 Sekunden (die Zeit, die das Licht braucht, um die Planck- Länge von 10 - 33 cm zurückzulegen) bemißt, nicht erfassen kann, weder aus physikalischen noch physiologischen Gründen.Alles, was unsere Sinnesorgane und unser Gehirn aufnehmen können, ist bereits geschehen.Wenn aber Handlungsmöglichkeiten nur in der Gegenwart gegeben sind, weshalb ist dann der Mensch überhaupt handlungsfähig?Antwort: Wir können in laufende Prozesse eingreifen, und von denen gibt es sehr unterschiedlich lange. Die relative Gegenwart eines andauernden Prozesses kann mitunter recht kurz sein, mitunter aber auch sehr lang ...Diese von mir verfaßten theoretischen Überlegungen, zum Teil basierend auf Brian Greene "Der Stoff, aus der der Kosmos ist", Siedler- Verlag München, 2004, (und die ich bereits vor der Lektüre des Werkes von Martin Suter niedergeschrieben hatte), werden im vorliegenden spannenden Roman praktisch erörtert. Allein der Aufwand der Wiederherstellung der makroskopischen Welt eines bestimmten Augenblickes, der Jahre zurückliegt, macht deutlich, wie aussichtslos ein solches Unterfangen wäre, würde man es auf der Ebene der Mikrowelt angehen wollen.Aber angenommen, die Wiederherstellung der Makrowelt eines bestimmten Momentes auf lokaler Ebene wäre möglich- wie es der Autor postuliert, würde man sich dadurch in diesen Moment zurückversetzen können- wie es zur Auferstehung einer verstorbenen Person durch dieses Arrangement und mehr noch, zur eigenen Verjüngung kommen sollte, ist ein wesentlicher logischer Bruch in dieser Argumentationsfolge. Davon unabhängig handelt es sich um eine spannende Kriminalerzählung, die zwar etwas zäh beginnt, aber allemal lesenswert ist.Meine Eingangsüberlegungen dienen hauptsächlich der theoretischen Unterfütterung meines eigenen Zeitreiseromans(kann bei Amazon als Printversion erworben, aber auch über meine Website in voller Länge gratis gelesen werden).([...])Sie lösen hauptsächlich das logische Problem der Verdoppelung der eigenen Person, das nach den Überlegungen der Logik von Zeitreisen dann entstehen sollte, wenn man einen Zeitabschnitt erneut betritt, in dem es die eigene Person schon gegeben hat. Dieses Problem wurde im vorliegenden Roman nicht erörtert.Wegen des logischen Bruches im Roman und der Auslassung des Problems der Personenverdoppelung gebe ich hiermit nur 4 Sterne, am liebsten hätte ich viereinhalb vergeben, wenn das möglich wäre, denn diese beiden ungelösten Fragen schmälern in keiner Weise den Unterhaltungswert.