Manche Bücher sind imstande, schon beim ersten Daraufschauen helle Freude auszulösen: Dunkelblauer Leinenrücken, fester Pappeinband und dann: unter dem Titel als Hintergrundbild kleine Sätzchen in gestochen sauberer Kurrentschrift. So ergeht es einem, wenn man das druckfrische Werk der jungen Lena Zeise zur Hand nimmt: eine Liebeserklärung an die Schreibschrift, mehr als nur die angekündigte illustrierte Kulturgeschichte, beginnend mit einer Widmung an den verstorbenen Opa, „der mir viele alte Familienschriftstücke überlassen hat“. Ein Poesiealbum von 1910 veranlaßte die durch freundlich-gewinnenden Schreibstil sofort Wohlwollen hervorrufende Verfasserin, die deutsche Schrift zu erlernen, wobei sie klarstellt, diese sei wichtiger, aber nicht einziger Themenbereich des Buches“ und in Bescheidenheit anfügt, nicht für Fachleute, sondern „für alle anderen“ geschrieben zu haben.Lena Zeise (*1992) ist im Münsterland geboren und aufgewachsen. An der Fachhochschule Münster studierte sie Design, dies löste Begeisterung für Schreibschriften aus. Befragt, ob sie selbst von Hand schreibe, erklärt sie: „Grundsätzlich arbeite ich mit meiner eigenen Schrift auf einem Blatt Papier freier als am Computer. - Wenn ich längere Texte schreibe, nehme ich den Kolbenfüller meiner Urgroßmutter.“ Schreibschrift nennt sie eine sensomotorische Meisterleistung, bei der nicht weniger als siebzehn Gelenke, zwanzig Muskeln und zwölf Hirnareale beteiligt sind.Vier Großabschnitte – eine Einführung, zwei zur Schriftgeschichte und der vierte mit Gedanken über die Zukunft geschriebener Schrift - untergliedern sich in Abschnitte von jeweils zwei Kapiteln, das erste geschichtlich, das zweite mit zweckdienlichen Einschüben, wie zu Schreibfedern, Bleistift, Griffel, Kugelschreiber, Schreibmaschine („Allesschreibende Wundermaschine“) und Tastatur.Eingeführt werden die vier grundlegenden Formen von Verschriftlichung:1. Inschriften – leider vom römischen inscribere statt vom griechischen epigráphein/ἐπιγράφειν ausgehend 2. Buchschriften – kostbare codices3. Urkundenschriften, „opulent wirkend in überwiegend ungebildeter Gesellschaft“ und 4. Verkehrs- und Gebrauchsschriften, „die lässige kleine Schwester“.Lena Zeise nimmt uns auf eine Zeitreise von den Römern bis ins 21. Jahrhundert mit, eine bedauerliche Verkürzung, denn die europäische Schriftgeschichte beginnt ja im 9. Jahrhundert v. Chr. mit der Übernahme und Umformung der semitischen Schrift der Phöniziern durch die alphabetisierenden Griechen. Daß die Römer diese Schrift übernahmen und für das Lateinische abwandelten, wurde von diesen mit bis heute anhaltendem Erfolg schlau verschleiert, man trägt die unsere östlichen Wurzeln tunlichst übersehende westeuropäische Brille. Zurecht erwähnt die Autorin die Bibelschreiber, denkt aber nicht daran, daß die Evangelisten und Paulus griechisch schrieben. Folglich müssen wir uns auf einen weströmisch-fränkischen Entwicklungsweg beschränken. Diesen einmal eingeschlagen, wird man begeistert von der klugen Mischung aus gleichermaßen aussagekräftigen wie locker geschriebenen Textteilen und großzügig eingefügten Schriftbeispielen in hervorragender Wiedergabe. Auch Unterhaltendes am Rande wird nicht ausgelassen: die armen Schreibermönche, die Hand und Arm nicht auf das teure Pergament legen durften, sondern diese nur mit dem kleinen Finger abstützen sollten, oder die fünf Millionen Gänse, die jährlich für die 50 Millionen Federkeile gerupft wurden, oder die mittelalterliche Tinte, die aus Pulver aus Dornen bestand - in Wein angerührt!Gotische Minuskel und Kursive, Textura, Rotunda, Bastarda etc. werden in ihrer Entstehung mit jenen gesellschaftlichen Entwicklungen, die zu verändertem Schreibverhalten führten, in Verbindung gebracht. Humanismus und Renaissance, Schriftspaltung und Entstehung der humanistischen Kursive – welche im Italien des 16. Jahrhunderts durchaus zwischen Rund- und Lang-S unterschied – werden durchschritten. Die Schwabacher wird als Schrift der Reformation gekennzeichnet und Gutenbergs „Medienrevolution“ nicht als zum Niedergang sondern zu einem Aufschwung der Schreibkunst führend, da Drucker auf handschriftliche Quellen zur Entwicklung ihrer Satzschriften zurückgriffen .Die dann folgenden fünfzig Seiten dürften unsere Leserschaft am meisten neugierig machen. Mit reichlichen Schriftbeispielen und Alphabetvorlagen hat sie die Autorin versehen, wobei man staunt, daß im gesamten Buche sämtliche Zeichnungen, Photographien, Satz und Gestaltung von der Verfasserin selbst stammen; hierbei entsprechen sich künstlerischer Anspruch der Bilder und Güte des Schreibstils ebenbürtig.Aus den Nachteilen der Stahlfedern herrührend – „geschichtlicher Tiefpunkt der europäischen Kalligraphie“ – wird in Richtung Redisfeder, Julius Sütterlin (1865-1917) und später Rudolf Koch (1876-1934) gelenkt und der Unterschied zwischen diesen großen Schriftmeistern auf den Punkt gebracht: während bei jenem „die Ästhetik von nachrangiger Bedeutung“ war, legte dieser „großen Wert auf die Schriftästhetik“. Zur Begriffsverwirrung „Sütterlin“ und „Kurrent“: erstere basiert auf letzterer in neuer Ausprägung als reine Schulausgangschrift. Ebenso deutlich zu 1941: „Die Nationalsozialisten waren der Untergang der deutschen Schriften“. Nachdenklich stimmt die Mutmaßung, auch ohne diese wäre irgendwann eine Umstellung der Schriften erfolgt?Im Schlußkapitel gibt sich die Verfasserin im Hinblick auf die Zukunft von Handgeschriebenem verhalten hoffnungsvoll, nachdem sie schon vorher klargestellt hatte, daß nach dem Urteil des Oberlandesgerichts Celle von 2009 die deutsche Schrift im Schriftverkehr mit Behörden nach wie vor zulässig ist.Ein Glossar erklärt kurz und bündig Fachworte rund um die Schrift. Quellen und weiterführende Literatur – einschließlich Verweise im Weltnetz auf den BfdS, die DKS und Sütterlinstuben – beweisen die gewissenhafte Nachforschung und regen zur Vertiefung an. Von Verfassern aus unseren Reihen erwähnt Lena Zeise besonders gern Harald Süß.Das Buch ist vorbehaltlos zu empfehlen, vielleicht auch gerade Einsteigern in den Bereich deutsche Schrift. Es ist erfreulich, daß sich trotz unseres Nischendaseins doch gelegentlich Vertreter der jungen Generation zu Worte melden, sogar ganz im Sinne für Handschrift und für deutsche Schrift! Und das wird uns von ihr schmunzelnd mit auf den Weg gegeben: „Erwachsene schreiben, wie sie wollen und nicht, wie sie es gelernt haben. - Wenn Sie Ihre eigene Schrift nicht mehr entziffern können, kann es garantiert auch kein anderer. Dann besteht Handlungsbedarf. – Von Hand schreiben ist Gehirntraining!“Stephan Weidauerin "Die deutsche Schrift" 2-2020