In einer kalten Winternacht bekommt Maigret einen Anruf seines – wie betont wird – einzigen Freundes, des Arztes Dr. Pardon. Dieser berichtet ihm von einer Frau mit Schussverletzung, die sich von ihm hat behandeln lassen, dann jedoch mit ihrem Begleiter verschwunden ist, ohne einen Namen anzugeben. Der Kommissar wickelt sich kurzentschlossen den selbstgestrickten, kratzigen Schal von Madame Maigret um den Hals und macht sich trotz der späten Stunde, Eis und Schnee auf die Suche. Die Spur führt zum Flughafen, wo sich das Paar nach Amsterdam abgesetzt hat.Am nächsten Tag nimmt der Fall eine Wendung: Der durch nach wissenschaftlichen Methoden betriebenes Glücksspiel reich gewordene Libanese Félix Nahour wird erschossen in seinem Haus aufgefunden. Schell wird klar, dass die Verschwundene seine Ehefrau ist. Das Personal beantwortet die Fragen von Maigret und seinen Inspektoren nur widerwillig. Er hat sogar das Gefühl, nach Strich und Faden belogen zu werden. Die Auseinandersetzung mit diesem macht den Reiz des Romans aus. Die Putzfrau, die den Toten gefunden hat, ist patzig, das Zimmermädchen lässt sich jedes Wort aus der Nase ziehen, gibt sich naiv und außerdem vor, kein Französisch zu sprechen. Den interessantesten Widerpart hat Maigret jedoch in dem Libanesen Fouad Ouéni, dessen Stellung im Haus unklar ist. Einerseits erwies er dem Toten Dienste, wie den eines Sekretärs und Chauffeurs, andererseits behauptet er, diese Aufgaben nur aus Gefälligkeit übernommen zu haben. In seinen Antworten beschränkt er sich auf das Notwendigste und begegnet Maigret mit Arroganz, ohne jedoch offen aggressiv zu sein. Teilweise erdreistet er sich, die Verhörsituation umzudrehen, um Maigret seinerseits auszufragen. Auch Évelina Nahour, die Ehefrau, die sich durch die Ankündigung der Testamentseröffnung von Amsterdam nach Paris zurücklocken lässt, ist keine große Hilfe und verwickelt sich in Widersprüche.„Der Fall Nahour“ bietet alles, was einen guten Maigret-Roman ausmacht: knapp skizzierte, aber trotzdem anschaulich beschriebene Personen und Schauplätze, jahreszeitlich geprägte Bilder von Paris und vor allem seitenlange Dialoge. Wegen der Widerspenstigkeit aller Zeugen baut sich in diesen aber mehr Spannung als sonst auf.Auch, dass Maigret sich regelmäßig ein Glas genehmigt, gehört dazu. Einmal geht er zum Mittagessen nach Hause, isst Rippchen mit Elsässer Sauerkraut und öffnet dazu gleich „ein paar Flaschen Straßburger Bier“. Danach sitzt er wieder im Büro, ist zwar ein bisschen schläfrig, aber trotzdem hartnäckig bemüht, seinen 65. Fall zu lösen.