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Blutsbande | Verwandtschaft als Kulturgeschichte | Christina Von Braun | Buch | 537 S. | Deutsch
Bewertungen & Erfahrungen
4,8 von 5,0
4 Bewertungen
5 ★3
4 ★1
3 ★0
2 ★0
1 ★0
Verteilung basiert auf 4 vorliegenden Einzelbewertungen.
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Redaktion28.07.2026
testmonster.de · Redaktion
Diese Blutsbande ist ein wunderschönes und bedeutungsvolles Stück, das die komplexe und spannende Thematik der Homo-Ehe und In-vitro-Fertilisation auf eine sehr ästhetische Weise darstellt. Ich bin absolut begeistert von der Qualität und der Botschaft, die sie vermittelt.
In meiner Familie wurde gern die Geschichte von der Vorfahrin erzählt, die im 15. Jahrhundert einen ungewöhnlich wohlhabenden und erfolgreichen Müller heiratete. Nachdem ihr Vater Mühle und Grundbesitz seines zukünftigen Schwiegersohnes in Augenschein genommen hatte, stockte er die für seine Tochter vorgesehene Mitgift kräftig auf, um die Vermögenswerte auszugleichen und seine Tochter wieder zur gleichberechtigten Geschäftspartnerin zu machen. Als Kind hat mich stark beeindruckt, dass sich die Vereinbarung bis heute anhand des Aussteuerverzeichnisses nachvollziehen lässt (mithilfe eines Mittlers, der die Urkunde für heutige Interessenten lesbar macht). Die Rolle der Müllersfrau, die Landbesitz mit in die Ehe bringt und die Kompetenz, ihn zu bewirtschaften, entsprach so gar nicht der Frauenrolle im ausgehenden 20. Jahrhundert, die Schule und Gesellschaft mich damals lehrten. Einstellungen und Rollenzuschreibungen hatten sich offenbar langsamer entwickelt als die Realität in Familienbetrieben es erforderte. Nicht bewusst war mir bisher, dass die Kirchenbücher, Eheverträge und Vermögensverzeichnisse, die die Geschichte selbstbewusster Bäuerinnen und Handwerkerfrauen erzählen, typisches Merkmal deutscher Kultur sind. Bisher hatte ich beim Thema Verwandtschaft, Erbschaft und Betriebsübergabe mit den Größen Vermögen, Berufskompetenz, Sitte und Eherecht jongliert.Christina von Braun bringt mit Schrift und Religion weitere Bälle ins Spiel. Zur Entstehung unserer Vorstellung von Blutsverwandtschaft und daraus entstandenen Familien- und Rollenbildern geht sie weit in der Geschichte zurück. Als Leser wird man damit konfrontiert, dass unser Familienbild nur in einem winzigen Teil der Welt gilt, während andere Völker Familie als Geflecht sehen oder bei ihnen gelebte Beziehungen definieren, was Familie ist. Am Ende schlägt sie einen Bogen zur Gegenwart und den gerade im Umbruch befindlichen Bildern von Familie und Elternschaft. Es geht u. a. um die Frage, ob zugeschriebene Frauenrollen durch Natur (angeboren) oder Kultur (angelernt) zu definieren sind, ob Regenbogenfamilien und in vitro gezeugte Kinder den Untergang unserer Kultur bedeuten, um Juden in der Diaspora, die die matrilineare Abstammung aufgeben, um als Kultur nicht auszusterben, um kollektive Vorstellungen von Rasse und Religion, auch um gegenwärtige Abstiegsängste von Eliten.Höchst interessant fand ich den Einfluss auf Kultur und Religion durch unser (mit Konsonanten und Vokalen eindeutiges) lateinisches Alphabet im Gegensatz zu Konsonanten-Schriften (die interpretiert werden müssen). Ohne Schrift gäbe es keine Verträge, kein Testament, keine Stammbäume, keine Pässe und keine Religionen. Geld und Schrift definieren Geschlechterrollen und Verwandtschaftsverhältnisse. Die Blutsverwandtschaft verdankt ihre Macht der Tinte, bringt von Braun die Zusammenhänge auf den Punkt. Dass das Alphabet den Zugang zu heiligen Texten und zur Wissenschaft eröffnet, hat in vielen Kulturen Frauen aus der Öffentlichkeit und der Genealogie verdrängt. Das rabbinische Hebräisch, das klassische Arabisch, Sanskrit und klassisches Chinesisch seien reine Männersprachen gewesen, die nicht von Müttern an ihre Kinder weitergegeben werden konnten, so von Braun.Dass die aktuellen Umbrüche durch Regenbogenfamilien, Leihmutterschaft, Präimpantationsdignostik und erweiterte Geschlechtsidentitäten heute wieder mit Verzögerung in unserem Bewusstsein ankommen, führt mich zur Müllersfrau zurück, deren Lebensrealität späteren Sitten und Vorstellungen vermutlich weit voraus war - und damit schließt sich der Kreis.Wer sich beruflich oder aus privatem Interesse mit Rollenbildern, Familienmodellen, aber auch dem Zusammenhang von Schrift, Wirtschaft, Religion und Rollenzuschreibungen befasst, kann hier sicher seinen Horizont erweitern. Christina von Braun jongliert mit erstaunlich vielen Bällen und trägt damit zur Horizonterweiterung bei.
Blut stand und steht verstärkt im Mittelpunkt manch einer Ideologie. Die Autorin allerdings macht darauf aufmerksam, dass Blut nicht immer gleich Familie ist. Vielleicht ist das in unseren Breitengraden so, aber es gilt nicht für alle Menschen auf der Welt...Blut war und ist die Flüssigkeit nach der eingeteilt und verurteilt wurde. Wie kam es dazu? Ausführliche Ausflüge in die Geschichte der Menschheit lesen sich an sich flüssig, werden ergänzt durch Fußnoten und ein wenig geschichtliches Vorwissen kann nicht schaden um das Gesamtwerk an sich einzuordnen.Schnell wird bei Christina von Braun deutlich: Blut ist der Saft der oftmals herhalten musste um Macht zu legalisieren oder um Macht aufrecht zu erhalten. Egal ob nun in religiösen oder gesellschaftlichen Bezügen. All das habe ich so bislang noch nicht gelesen. Vieles ist einleuchtend und nachvollziehbar, einiges würde ich gern noch hinterfragen...Leider nimmt die Gegenwart den eher geringeren Platz in diesem Mammutwerk ein. Aber was sichtbar wird, ist eine neue Sichtweise auf Blut und Blutsverwandtschaft.... So lese ich dort unter anderem: "Die moderne Gesellschaft wird auf sozialen Verwandtschaftsverhältnissen beruhen - oder sie wird nicht sein." Für mich liegt allein in diesem Satz die Brisanz des gesamten Buches. Dieser Satz ist für mein Empfinden so etwas wie die Überschreitung einer Schwelle. Etwas Neues tut sich auf.....Blutsbande reicht in die Zukunft hinein und macht die Dramatik des Wandels unseres Zusammenlebens sichtbar !!!
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Letzte Aktualisierung: 19.10.2026 06:19 Uhr.