Professor für Geschichte an der TU Berlin und Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung Wolfgang Benz beschriebt die Ursachen, die Geschichte, psychologische und politische Wirkung des Antisemitismus. Zahlreiche Beispiele begleiten das Buch.Der thematische Aufbau erleichtert eine geschichtliche Strukturierung:- Signale aus dem Publikum; behandelt Briefe an den Zentralrat der Juden in Deutschland (Einstieg in das Thema)- christlicher Antijudaismus; Geschichte, Schriften, Personen, tradierte Bilder- Rassenantisemitismus; gesellschaftliche Positionierung, Ideologie, Akteure, NZ, Übergang zu modernem Antisemitismus- Rechtsextremismus, Konstrukt der "Holocaust Industrie"- Antisemitismus ohne Antisemiten -- Die Affäre Möllemann- Instrumentalisierung -- die Affäre Hohmann; Die Behandlung beider Affären ist eher als Referenz, als ein Einstig anzusehen.- Weltverschwörungskonstrukte; "Protokolle der Weisen von Zion"- Umfragen -- "Jeder fünfte Deutsche ein Antisemit?"; was sagen sie aus, gesellschaftliche Tendenz- "Wie viel Israelkritik ist erlaubt"- Judenfeindschaft in Europa, u.a. in der Schweiz und Österreich- "Was ist also Antisemitismus"; ein sehr gutes, knapp gehaltenes FazitAls Zusatzbuch ist auch sein Werk "Bilder vom Juden" zu empfehlen -- anhand von alltäglichen Beispielen dargelegter Antisemitismus.Regt zur Selbstreflexion an, absolut empfehlenswert
Ein tolles Buch! Wolfgang Benz erklärt flüssig und auch für den Nichthistoriker gut lesbar die immer wiederkehrenden Strukturen und Mechanismen des Antisemitismus. Das Buch liest sich spannend wie ein Krimi und regt dazu an, die eigenen Vorurteile zu reflektieren (und abzulegen). Wenn man die Zitate antisemitischer Autoren liest, die hier abgedruckt sind, springen einen die Parallelen zu Sarrazin geradezu an!
„Antisemitismus beginnt nicht erst mit öffentlicher Herabsetzung und organisierter Verfolgung, Antisemitismus ist Judenfeindschaft in allen Formen und Ausprägungen, die im Alltag ihren Anfang nimmt: mit grundlosem Argwohn, mit beleidigenden Witzen, durch Ausgrenzung, durch das Gerücht, das sich als Gewissheit ausgibt.“ (S. 235) Dies schreibt Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung und Professor für Geschichte an der TU Berlin, im letzten Kapitel seines Buches „Was ist Antisemitismus?“ Er wendet sich damit gegen die Meinung, Antisemitismus zeige sich primär in physischer Gewalt gegen Juden.In seinem Werk, unterscheidet er vier Grundphänomene von Antisemitismus: 1. die religiöse Form, den „christlichen Antijudaismus“, 2. den „anthropologisch und biologisch argumentierende(n) Antisemitismus, 3. den „sekundären Antisemitismus nach dem Holocaust“ und 4. den „Antizionismus“ (S. 19f).Anschließend an die Grundtypenbestimmung analysiert Wolfgang Benz Briefe von Bürgern, die an den Zentralrat der Juden in Deutschland gesendet wurden. Dabei konstatiert er, dass sich darunter vermehrt Schreiben befinden, in denen sich, latent oder vordergründig, antisemitische Haltungen zeigen. Häufig wenden sich diese direkt gegen die Zentralrats-Vorsitzenden.Benz gibt einen kurzen geschichtlichen Überblick über die Entwicklung der Judenfeindschaft bis hin zum „modernen Antisemitismus“. Interessant sind die Exkurse zu Sigmund Freuds Psychoanalyse und zum „Konstrukt der Holocaust-Industrie“. Dabei demontiert er die gängigen Vorwürfe einer Überlegenheit von „Juden“ bei der Entstehung der Freudschen Psychoanalyse und wendet sich gegen die Ansichten des amerikanischen Politologen Norman Finkelstein, der mit seinem 2001 erschienenen Buch, „Holocaust-Industrie“, Furore in Deutschland machte.Weiterhin beleuchtet der Autor die „Affäre Möllemann“, die im Wahlkampf 2002 einen „Antisemitismus-Streit“ entfachte. Möllemann hatte behauptet, „es existiere ein Verdikt, Kritik an Israel zu üben“ und es bestehe eine „zionistische Lobby“ (S. 146).Benz wendet sich energisch dagegen, „die Juden“ für die Kriegsführung im Nahen Osten verantwortlich zu machen, denn damit setze man die gesamte jüdische Gesellschaft mit der israelischen Regierung gleich, was keineswegs der Realität entspreche.Das „Protokoll der Weisen von Zion“, „das am weitesten verbreitete antisemitische Pamphlet“ (S. 175), wurde schon im August 1921 von einer Untersuchungskommission der „Times“ als Fälschung entlarvt. Doch trotz allem finden die Schriften im Internet rege Verbreitung und werden von judenfeindlichen Zeitgenossen weiterhin als „wahre Quelle“ postuliert.Wolfgang Benz geht in seinem Werk nicht nur auf das Problem des Antisemitismus in Deutschland ein, sondern bezieht sich auf empirische Studien, die den Gesamtraum Europa untersuchen. Außerdem zeigt er die spezifische Entwicklung des Antisemitismus in der Schweiz und Österreich auf, da diese in entscheidenden Punkten von der Entwicklung des zeitgenössischen Antisemitismus in Deutschland zu unterscheiden ist.Insgesamt ist das Buch „Was ist Antisemitismus?“ all denjenigen zu empfehlen, die sich primär für die heutige Entwicklung in Deutschland und Europa interessieren. Die einfache Sprache und die logische Argumentation machen es leicht, den Gedankengang von Wolfgang Benz nachzuvollziehen. Daher kann es auch als Einstieg in das Thema gelesen werden.Wer eine rein geschichtliche Darstellung bevorzugt, der sei auf Werner Bergmanns „Geschichte des Antisemitismus“ verwiesen, die sich ebenso durch die gute Lesbarkeit auszeichnet.