Die beiden Autoren untersuchen in diesem Werk zwölf traditionelle (deutsche) Marienlieder. Sie spüren ihrer Geschichte nach, erforschen, wie der Text jeweils entstanden ist und wie er sich im Laufe der Zeit immer wieder geändert hat, wie unterschiedliche Versionen entstanden sind, sich mit neuen Melodien verbunden haben und wie einzelne Lieder auch fast ganz verschwunden (und teils plötzlich wiederentdeckt worden) sind. Anhand dieser Arbeit an den zwölf Liedern wird auch allgemeines über die Marienverehrung, ja allgemein über den "Mythos Maria", aber auch über religiöse Lieder und über Glaubensinhalte überhaupt erforscht.An dem Buch imponiert, dass es enorm kenntnisreich und gelehrt geschrieben wurde, aber dennoch nicht nur oder vorwiegend mit dem Kopf, sondern auch oder vor allem mit dem Herzen. Man fragt sich gelegentlich, wie man heutzutage überhaupt die Zeit aufbringen kann, dutzenden oder hunderten von Versionen eines Marienlieds im Laufe von 300 Jahren nachzuforschen. Drittmittel aus der Industrie werden die Autoren für dieses Forschungsvorhaben kaum eingeworben haben! Trotz dieses Faktenreichtums und der Genauigkeit wirkt das Werk nicht staubig oder pedantisch. Dafür ist es zu lebendig, vielseitig und einfühlsam. Der Text wird z.B. immer wieder mit faszinierendem, geistreich ausgewählten Bildmaterial (nicht nur religiöser Art) verbunden, es werden "Hörexperimente" der Art gemacht, wie wohl ein kranker, behinderter Mönch im Mittelalter, oder ein Soldat in Stalingrad bestimmte Lieder gehört, gesungen oder gelesen haben mag, und es finden sich andere gelungene Exkurse mehr.Persönlich habe ich mich sehr gefreut, dass die Autoren auch sehr informativ und sehr lobend auf den (von mir überaus geschätzten, ja geliebten) lateinischen Originaltext von "Salve Regina" eingegangen sind. Nach der Lektüre verstehe ich jetzt selbst besser, warum ich diesen Text so berührend finde und alle deutschen Übertragungsversuche eher misslungen fand.Die Autoren von "Mythos Maria" nehmen dabei einen gegenüber der katholischen Glaubenslehre und gegenüber der Gestalt Marias eine grundsätzlich sympathisierende Position ein, sind aber überaus weit davon entfernt, sich als enge Dogmatiker oder erzkonservative Marienverehrer zu erweisen. So wird das Buch sowohl von tief religiösen Menschen, als auch von rein weltlich orientierten, mit Gewinn gelesen werden können, wenn die Leserin oder der Leser nur ein wenig Interesse für das Thema des Buches aufbringt und bereit ist, zwei, drei Stunden (Lese-) Zeit seines Lebens der Beschäftigung mit diesem zugegebenermaßen recht ungewöhnlichen, nicht gerade der Vorstellung des Zeitgeists davon, was "lebenswichtig" ist, zu widmen.