Dieses Buch erzählt die Geschichte des Irak äusserst ausführlich. Es beginnt nicht (wie im Titel suggeriert) erst bei der der Gründung, sondern schon bei den Ursprüngen (ca. 10000 v.Ch., Ackerbau und Viehzucht), geht dann aber bald in die Neuzeit über. Das Buch endet im August 2015.Dazwischen erfährt man sehr viel über die Machthaber, die Parteien, die Kriege, die Religionszugehörigkeiten und Ethnien. Auch aussenpolitische Einflüsse, Ereignisse, Auswirkungen werden in Zusammenhang gebracht mit den Geschehnissen im Irak, das Öl spielt naturgemäss ebenso eine sehr tragende Rolle. Saddam Husseins "Aufstieg und Fall" bzw. Hinrichtung ist ebenso ein gewichtiges Thema.Die Beziehung zu den USA wird auch immer wieder thematisiert, erklärt, in Zusammenhängen erläutert.Ich finde, das Buch ist sehr ausführlich, es lehrt einen viel über die Geschichte des Landes und der Umgebung (Iran, Syrien, Kuwait) und erzählt das Warum sehr gut. Es werden Bezüge dargelegt, so dass man versteht, warum wie gehandelt wurde. Gleichzeitig muss man sehr aufmerksam lesen und sich vertiefen, da man ansonsten in Gefahr laufen könnte, den Faden zu verlieren. Gerade wegen dieser vielen Querverweise und Verknüpfungen ist das Buch dafür auch nicht so einfach zu lesen. Laien bzw. politisch nicht sonderlich Gebildete werden ziemlich herausgefordert; wer also von der Weltpolitik wenig Ahnung hat, kommt mit diesem Buch an den Rand des Verstehens, denke ich. Deshalb gäbe es eigentlich nur 4 von 5 Punkten: Der Titel ist einfach und verständlich und suggeriert meines Erachtens eine einfachere "Kost", als dann der Inhalt des Buches hergibt. Man merkt, dass hier ein Fachmann (Prof. Dr.) schreibt. ABER: Da kommt sie, die Hilfe! Im hinteren Teil des Buches ist eine (11-seitige) Zeittafel. Dort findet man die Geschichte in Kürze. Also alles wieder gut.Fazit: Das Buch ist sehr gut geschrieben und ausserordentlich ausführlich, die Sprache hoch stehend. Wer sich ernsthaft und vertieft über die Geschichte des Irak informieren will, liegt hier richtig. Keine "leichte Lektüre", aber dafür gehaltvoll und genau. Oder salopp ausgedrückt: Mag ich!
Das Buch besteht aus 4 Kapiteln, von denen die ersten 3 ganz hervorragend sind. Schonungslos werden zum Beispiel die schamlosen Praktiken der britischen Oligarchie beschrieben, skrupellos und parasitär den Reichtum des Landes an Öl auszubeuten und der mühsame, blutige Weg umfassend beschrieben, sich von diesen Blutsaugern und den einheimischen Dienern fremder Interessen zu befreien. Dieser kritische Geist wird leider im letzten Kapitel stark zurückgefahren. Besonders über die Ereignisse ab dem 11. September 2001 übt sich der Autor in Verharmlosung / Selbstzensur. Man hat den Eindruck, dass er bei der Darstellung der Rolle der moralisch verkommenen Amerikaner im Irak so viele belastende Details einfach weglässt oder marginalisiert, dass der Effekt einer schäbigen Geschichtsklitterei gefährlich nahekommt. So wird zum Beispiel das Thema "USA und das irakische Öl" oder "USA und Isis" ganz ausgespart, ihre Verbrechen a la Abu Graib und faustdicken Lügen bleiben unerwähnt. Fürtigs strategisches Schweigen darüber beeinträchtigt den Wert des Buches ganz erheblich. Er ist also keinesfalls Purist in Wahrheitsdingen oder Rebell und beißt deshalb nicht in die Hand, die ihn füttert, denn als Hofhistoriker ist man ganz schnell weg vom Fenster. Das weiß er, und das möchte er anscheinend lieber nicht riskieren. Dieses Abhängigkeitsdilemma interessiert den Leser aber nicht - ihn interessiert die ganze und schonungslose Wahrheit. Für das schändliche Kapitel 4 des sonst lobenswerten Buches müsste Herrn Fürtig eigentlich die Schamröte ins Gesicht schießen. Es gibt dafür keinerlei Entschuldigung, keine Ausreden und nur einen Weg der Wiedergutmachung: Tacheles reden in allen Details in einer wünschenswerten 2. Auflage.