Ein wenig schwingt es im Titel „von hinten mit durch“. Ob nicht Religionen, die die Menschheit wohl seit dem aufrechten Gang mitgebleiten, nicht auch eine Quelle im Menschen selbst tragen. Nicht unbedingt ein „religiöses Gen“, sondern, viel profaner, eine unstillbare Sehnsucht, fast Zwang „zu Ordnung“. Zur Einordnung dessen, was geschieht, was man erlebt, was man nicht kennt. Wobei eine solche „Ordnung“ ja nicht unbedingt (wie in ausgefeilten Dogmatiken mancher Weltreligionen“) eine möglichst weitreichende rational-intellektuelle Darstellung benötigen, sondern sich oft auch mit bestimmten „Zeichen“, Vermeidung von „Leitern“, und „schwarzen Katzen“ oder anderen eher rituellen Handlungen bereits ausreichend befrieden lassen.Was aber nur ein kleiner Hintergrundgedanke zunächst sein dürfte, denn vor allem bietet dieses Werk des Professors für allgemeine Religionsgeschichte einen breiten, fundierten und chronologisch angeordneten Blicke auf die Religionsgeschichte. Die, und dafür ist das Buch schon fast schmal zu nennen, über den größten Teil der Zeit hinweg maßgeblich genauso die „Ordnung der Welt“ mitbestimmt hat. Vom Stammesführer und Kult-Priester hin zum Schamanen und der „geordneten“ monotheistischen Großreligionen, immer auch war eine enge Wechselwirkung mit den Zeichen der Zeit, dem Fortschritt, dem gesellschaftlichen Status quo und allem anderen (lange Zeit existenziell) vorhanden.So wundert es ebenfalls in keiner Weise, wenn Meier sachlich richtig und betont dargelegt darauf verweist, für die Ergebnisse seiner Darstellung auf „eine Vielzahl unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen zurückgreifen muss“, während er ebenfalls offen und ehrlich betont, dass ob des Umfangs des Buches er sich für eine „erste Einführung“ in das Thema entschlossen hat.So vorbereitet ergibt die Lektüre dann im Gesamten vielfach informative Impulse, zieht Linien von „gesellschaftlichen und politischen Kreisen“, die je durch mit der Religion in wechselhaftem Austausch, mal mit Spannung, mal im Gleichschritt, stand.„Ausgewogenheit und Zuverlässigkeit“, das ist, was Bernhard Meier zu bieten gedenkt und das ist, was der Leser am Ende der Lektüre gefunden hat.Dabei gelingt es Meier, immer wieder die Trennschärfe zwischen „Religion“ und „Religionen“ dem Leser bewusst zu halten und so, einerseits, die „verbindenden Elemente“ der „Religion“ als Sammelbegriff (und ihrer „Wirkweise“) mit ihren „häufig wiederkehrend und damit wohl grundlegenden Funktionen“ als „roten Faden“ beizubehalten und, andererseits, im Blick auf die konkreten Ausformulierungen in den diversen, konkreten „Religionen“ der Geschichte und der Gegenwart die Besonderheiten herauszuarbeiten. Wobei Meier auch keine „vergleichende“ Darstellung anstrebt, die „eine Religion“ mit anderen in Relation setzt, sondern gleichwertig allen Strömungen in gebührender Kürze und dennoch hoch informativ mitbedenkt. Das stete Bemühen um „Wertneutralität“ ist dabei erkennbar und ergibt, gemeinsam mit der flüssigen und verständlichen Darstellung, eine anregende und breit angelegte Lektüre.Wobei Meier, und da wird es sehr spannend gar, weder den religiös motivierten Terrorismus und Fanatismus auslässt (mit einem ausführlicheren Blick auf den islamistischen Terror), aber auch die Gegenwart selbst in ihrer ontologischen Befindlichkeit im Blick auf die Religionen ruhig und sachlich „untersucht“.Digitalisierung und Globalisierung haben einen immensen Einfluss auf die Religiosität der Menschen, und, noch bedeutender, der moderne, schnelle, digitale, vernetzte „Lebensstil“ zeigt mehr und mehr auf, in welcher großer Breite religiöse Traditionen und Dogmen obsolet werden. Einerseits. Und wie andererseits Religionen damit Umgang pflegen (oder pflegen könnten). Von der Öffnung und damit der Gefahr der Säkularisierung (mit eventuell Gefahr der Auflösung einer konkreten Religion zumindest in der Lebenspraxis), bis hin zum erbitterten „Widerstand“ und massiv und aktiv vorgetragene „Abschottung“ hinter „ewige Traditionen“.Mit der sich daraus ableitenden, durch dieses Werk wieder eindrucksvoll mitschwingenden Frage, wieweit Dogmen, Glaubenssätze, „heilige Bücher“ oder anderes „Heiliges“ aus einer anderen Zeit, geprägt von einer anderen Kultur, heute eins zu eins, wörtlich, überhaupt noch unreflektiert und unreformiert Geltung für eine konkrete Lebenspraxis der Moderne beanspruchen können.Gerade weil Meier immer wieder die vielfachen Verbindungen zwischen Zeitgeschehen und Religion, Religion und gesellschaftliche Prägung aufzeigt, verbleibt diese Frage nach der Lektüre klar im Raum.Mitsamt dem, leider sehr stark komprimierten, Blick auf die „neuen Formen von Religionen“, die seit der Mitte des letzten Jahrhunderts bis in die Gegenwart hinein sich entwickeln (womit nicht nur der Zen-Mönch mit seinem Smartphone gemeint ist, der als eine der fotografischen Illustrationen am Ende zu betrachten ist).Ein fundiertes, sehr differenziertes Werk, dass zwar in der Darstellung seinen Kern setzt, daneben aber vielfache Informationen und wichtige Fragen zum kulturellen Umgang mit der Religion und der Religion mit der jeweiligen Kultur öffnet.
Mich hat dieses Buch eher enttäuscht. Dies allerdings nicht wegen der "unreligiösen" Herangehensweise des Autors, ist doch eine gewisse Distanz, ein "methodischer Agnostizismus" die Grundvoraussetzung für wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema Religion.Was mir hingegen völlig fehlt, ist jegliche theoretische Fundierung. Gerade von einer Einführung würde man sich eine grundsätzliche Problemdarstellung und einen Überblick über die wesentlichen wissenschaftlichen Erklärungsversuche, also Theorien, erwarten. Maier unternimmt jedoch nicht einmal den Versuch, einen solchen theoretischen Überblick zu bieten und etwa die wichtigsten Definitionen von Religion zumindest kurz darzustellen. Bedeutende Wissenschaftler, die sich mit Religion beschäftigt haben, wie etwa Max Weber und Emile Durkheim, werden nicht einmal erwähnt.Lediglich an einer Stelle (Seite 117) geht Maier kurz auf Jaspers Konzept der Achsenzeit ein, aber nur, um dieses sogleich wieder zu verwerfen, mit der (nicht näher begründeten) Behauptung, dass sich für die Entstehung der neuen Erlösungsreligionen im 1. Jahrtausend vor Christus keine einheitliche Ursache ausmachen lasse (Seite 119).Dieser Mangel an theoretischer Fundierung wird auch nicht durch eigene Überlegungen des Autors wettgemacht. Zwar betont Maier gelegentlich, dass er die Religionen "in all ihren kulturellen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen" (so Seite 14) darstellen wolle, er löst dieses Programm aber in der Folge kaum ein. Zwar stellt er jedem der insgesamt fünf Teile einen (äußerst knappen) Abriss der weltpolitischen Entwicklungen im jeweiligen Zeitraum voran, stellt aber dann in der Folge kaum Zusammenhänge zwischen den von ihm (teilweise Recht detailliert) beschriebenen religiösen Phänomenen und diesen Entwicklungen her - ganz zu schweigen von den sozialen und ökonomischen Prozessen, die die jeweilige Epoche geprägt haben.So bleiben die entscheidenden Fragen nach den sozialen Ursachen für die Entstehung und Entwicklung von Religionen und umgekehrt nach den Auswirkungen religiöser Ideen auf die soziale Entwicklung letztlich unbeantwortet.Fazit: insgesamt ein kompakter Überblick über die Religionsgeschichte, die neben vielen bekannten Fakten auch einige interessante neue Informationen enthält - mehr aber auch nicht.