Ein herausragendes Werk.Die Darstellung der Vergangenheit kann auf der einen Seite daran scheitern, dass der Gegenstand vereinfacht wird, und sie kann auf der anderen Seite daran scheitern, dass alle Komplexität (auf einmal) dargestellt wird. Im ersten Fall erfahren wir mehr über die Sicht des Verfasser, als über den Gegenstand der Darstellung, im zweiten Fall können wir den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr erkennen. Der Gegenstand ist nicht mehr darstellbar.Dem Autor gelingt es hier, die "Völkerwanderung" in einer Komplexität darzustellen, die den derzeitigen Wissensstand wahrscheinlich vollständig abbildet. Dafür muss er notwendiger Weise den Faden immer wieder neu aufnehmen. Die gleichen historischen Sachverhalte werden wiederkehrend aus einem neuen Blickwinkel betrachtet. Damit wird die Darstellung lesbar, allerdings wird auch das Erinnerungsvermögen des Lesers gefordert. Er wird wiederholt gefordert, die einzelnen Darstellungen im Buch in einen Zusammenhang zu setzen. Dafür ist die Erinnerung daran notwendig, was einige 100 Seiten zuvor dargestellt wurde. Ich sehen keinen Weg, der an dieser Vorgehensweise vorbeiführt, ohne dass man den Gefahren der Vereinfachung oder der unlesbar komplexen Darstellung erliegt. Allein die Art und Weise der Darstellung ist herausragend.Inhaltlich werden die Fakten soweit zusammengetragen, wie unser derzeitiges Wissen dies ermöglicht. Der Autor meistert auch die Herausforderung, dass wir auf Grund der Quellen kein sicheres Wissen haben bzw. die schriftliche Überlieferung nicht objektive Geschichte wiedergibt, sondern interessengeleitet war. Auch dem Laien wird die Schwierigkeit der Geschichtswissenschaft anschaulich vermittelt, wie schwer die Auswertung der Quellen, der archäologischen und genetischen Befunde ist.Auch wenn der Auto wohl der Sichtwiese zuneigt, dass die "Völkerwanderung" ein Prozess der Transformation war und kein Bruch, ist seine Darstellung so offen gestaltet, dass er sie jedem Leser eine eigene Meinungsbildung ermöglicht. Voraussichtlich werden hier auch nur mehrere Antworten möglich sein. Auf der ganz allgemeinen Ebene, war die Antike anders als das Mittelalter, mithin besteht ein Bruch. Auf der etwas konkreteren Ebene, war der lange Zeitraum der "Völkerwanderung" zwangsläufig eine Transformation. Da die Völkerwanderung nach dem Autor mehr eine Völkerwerdung war, spricht auch dies für eine Transformation. Auf der Ebene der Menschen dieser Zeit wird die Erfahrung des Bruchs jedoch wieder stärker zum tragen kommen. Allerdings waren es viele unterschiedliche Brüche. Je nach Ort, Wahrnehmung, gesellschaftlicher Stellung usw. trat der Bruch in der Lebensweise in anderer Weise und zu einer anderen Zeit ein.Darüber hinaus wird es dem Buch in keiner Weise gerecht, wenn es darauf reduziert würde, dass der Autor zeigen will, dass der Begriff der Völkerwanderung nicht zutrifft, da es weder Völker gab, noch eine entsprechende Wanderungsbewegung. Soweit ich den Autor richtig verstehe, ergibt sich vielmehr folgendes Bild: Entscheidend war nicht die Wanderungsbewegung von Menschen für die Transfomation, sondern die Wechselwirkung zwischen den Menschen (innerhalb und außerhalb des Römischen Reichs) mit dem Römischen Reich, zusammen mit den Veränderungen der Lebensverhältnisse (etwa: Naturkatastrophen, Pest) und der Umbewertung des gesellschaftlichen Selbstverständnisses (insbesondere: Religion), die zur Entstehung neuer "Völker" führte. Der Autor gibt hier auch überzeugende Anhaltspunkte, weshalb viele dieser "Völker" keinen langen Bestand hatten und weshalb sich das Weströmische Reich auflöste und das Oströmische Reich in einer anderen Weise als zuvor überlebte.Ich danke dem Autor für dieses Werk.
Dieses Buch ist wirklich das Lebenswerk eines Historikers. Man muß schon wirklich geschichtsinteressiert sein, um das Werk durchzulesen. Nach einer kritischen Auseinandersetzung mit den Quellen werden auf über 1000 Seiten die Entwicklungen in der Spätantike bis zum frühen Mittelalter im Zusammenspiel mit dem römischen Reich detailliert dargestellt. Dabei ist es dem Autor wichtig aufzuzeigen, dass es die "Völkerwanderung" ,wie in älteren Darstellungen als Zugbewegung von Völkerschaften dargestellt, eigentlich gar nicht gab - sondern das sich z.B. die "germanischen Stämme" erst im Austausch mit dem römischen Reich entwickelt haben. Die Sprache ist schon recht akademisch. Interessant, lehrreich und die ca. 300 Seiten Literaturhinweise zeigen, wie viel Arbeit da drin steckt. Aber schon schwere Kost. Auch wörtlich, da im Liegen schwer zu lesen - die Handgelenke streiken bei dem schweren Werk recht schnell :)