Vorab: Ich habe Dieter Henrich im Verlauf meiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit Friedrich Hölderlin kennengelernt; was sonst schwerlich geschehen wäre; denn man muss kein Schopenhauer sein, um die Bücher deutscher bestallter Philosophieprofessoren zu meiden. An „Der Gang des Andenkens. Beobachtungen zu Hölderlins Gedicht“ kam ich jedoch ebenso wenig vorbei wie an „Der Grund im Bewußtsein. Untersuchungen zu Hölderlins Denken (1794/95). Dass aus dem grundlegenden Interesse am Deutschen Idealismus als der klassischen deutschen Philosophie, die weit in die Dichtung und Kultur hineinwirkte, auch kein Weg an der „Grundlegung aus dem Ich. Untersuchungen zur Vorgeschichte des Idealismus. Tübingen – Jena 1790–1794“ vorbei ging, versteht sich.Nun liegt eine Art Autobiografie in Gesprächen vor und es fällt mir sehr schwer, das zu notieren, was mir bei der Lektüre sauer aufgestoßen ist. Henrich schreibt in der Einleitung, er wollte die Welt eigentlich nicht mit einer Selbstbiografie behelligen und er hätte erst dem Drängen von Kollegen nachgegeben; welch letztere dann im Nachwort berichten, wie sich aus einem ersten Gespräch vor etlichen Jahren aus ganz anderem Anlass dieses Projekt entwickelt habe, an das zuerst niemand dachte. Ich gebe dennoch zu bedenken; ob ein derart sorgfältig präpariertes Frage-und-Antwort-Spiel mit seriösen Fragen, die oft nur den Anlass bieten für ausufernde Monologe, wirklich angemessen ist, um das Werk eines Akademikers aus seinem Leben und seinen Motiven heraus zu ergründen.Dieter Henrich verlebte eine normale Kindheit in der Zeit des Nationalsozialismus und was er hier durch eine längere Krankheit und den Verlust des Vaters als existenzielle Erfahrung schildert, die angeblich auch seinen Weg zum „Philosophen“ hin prägte, lässt sich für jemanden mit wirklich prägenden nur schwer nachvollziehen. Im Grunde lief immer alles glatt, der Junge ist begabt, wissbegierig und fleißig und wie es scheint, schon zeitig sich seines Selbst bewusst, seiner hervorragenden Eignung zum Wissenschaftler. Man lauscht wehmütig seinen Erinnerungen an das humanistische Gymnasium in Marburg, zwischen dessen Qualität und der Wirklichkeit bundesrepublikanischer Gymnasien Welten liegen inzwischen. So fällt ihm der Wechsel in die Universität kaum auf und es beginnt dort eine steile Karriere, die sich nur verstehen und einordnen lässt, wenn man die damaligen Verhältnisse kennt nach dem Krieg mit den vielen Vakanzen und offenen Wegen.Henrich ist bei aller Intelligenz, Begabung, Fleiß und Zielstrebigkeit auch ein Glückskind und Nutznießer der Umstände. Das beginnt damit, dass er gleich zu Anfang seiner Laufbahn mit Gadamer einen der wichtigsten Akademiker der Nachkriegszeit als Lehrer gewinnt, der ihn ab diesem Zeitpunkt fördert und ihm schon im 7. Semester eine Assistentenstelle bei ihm zusichert; zum Vergleich bemühen sich heute vielleicht 250 Doktoranden um eine solche im Bereich der Geistes-, Gesellschafts-, Kultur- und Sozialwissenschaften und zwar nachdem sie wenigstens einen außerordentlichen Abschluss hingelegt haben und sich als Hilfsassistent bewährten. Mir 33 erfolgt dann die erste Berufung auf eine Professur, auch hier will ich die Leistungen Henrichs nicht schmälern, aber seine Dissertation über Max Weber war eine gute, auf keinen Fall aber spektakuläre Arbeit, die so einen frühen Ruf gerechtfertigt hätte; dann schon eher die langjährige Erfahrung in der Lehre, die interdisziplinären Ansätze und die Bemühungen um die geisteswissenschaftliche Basisausbildung anderer akademischer Zweige. Aber er ist von Beginn an gut vernetzt und unterhält über Gadamer mit vielen der heute sehr bekannten Namen Kontakte. So holt man ihn auch schnell in die Hochschulpolitik, er darf früh selbstständig entscheiden, Professoren berufen und die Geschicke einer ganzen Universität mitbestimmen. Das Selbstbewusstsein, sein wichtigster Untersuchungsgegenstand, wächst somit im gleichen Maße, freilich unkritisch und vor allem selektiv. Seine Stationen sind Berlin, Heidelberg, München; dazu nimmt er Gastprofessuren wahr in den USA und Japan, vernetzt sich nun international mit den bekanntesten Vordenkern und darf auch nach seiner Emeritierung 1994 weiterhin die Forschungsstelle Klassische Deutsche Philosophie leiten und als Honorarprofessor wirken. Er ist Mitglied in Akademien, Vereinen, Verbänden und kann nun, fast 100 Jahre alt, auf eine beachtliche akademische und universitätspolitische Karriere zurückblicken.Reicht das aber aus, um das vorliegende Buch zu rechtfertigen? Das ist nur ganz schwer zu sagen, ich persönlich meine ganz klar nein, zumindest nicht in dieser Verfassung. Henrichs Verdienste in seinem Fach als selbstständiger Denker und „Philosoph“ sind nicht über die sehr engen Grenzen universitären Philosophierens hinausgedrungen; die in seinem Erinnerungsbuch Spalier stehenden Gadamer, Habermas, Bloch, Heidegger, Löwith, Adorno und wie sie alle heißen, sind doch in der einen oder anderen Weise intellektuelles Gemeingut geworden, Henrich nicht. Seine Schriften zum Phänomen des Selbstbewusstseins mögen die entsprechende universitäre Klientel Nordamerikas und Europas zusammengeführt haben; sie können schwerlich als eingegangen in das öffentliche Bewusstsein bezeichnet werden, wie das etwa bei Peter Sloterdijk der Fall ist, den er sicher für keinen Philosophen hält. Zumal es genug kritische Stimmen von bemerkenswerten Autoritäten gibt, die Henrichs Argumentation für irrig halten. In philosophiegeschichtlicher Hinsicht führt natürlich an Henrichs kein Weg mehr vorbei, wenn man sich mit dem Deutschen Idealismus in all seinen Facetten beschäftigt. Aber auch hier wäre jeweils im Einzelfall zu prüfen, inwieweit diese Ansätze tragfähig bleiben. Die „Grundlegung aus dem Ich“ wird Henrich wohl überleben; die Arbeit aus neuen Quellen und die Verknüpfung mit Bekanntem ist schlicht einzigartig. Aber schon mit dem Hölderlinbuch sieht das anders auch: Ich habe mit mehreren Dozenten und auch Lehrstuhlinhabern verschiedener mitteldeutscher Universitäten gesprochen – darunter nicht nur Philosophen, auch Germanisten, Historiker, Kulturwissenschaftler – und so einige schüttelten bedenklich den Kopf, Aufwand und Nutzen stünden in keinerlei Relation, Henrich habe sich vergaloppiert und huldige ausschweifend seinen Lieblingsthemen.Wie dem auch sein, wie lautet mein Fazit? Die Lektüre des Buches, auf die ich mich gefreut habe, erinnerte mich an einen abendlichen Diavortrag mit Urlaubsbildern bei Freunden, die einem die langweiligsten Allgemeinplätze über Stunden zumuten, ohne wenigstens ausreichend Alkoholisches bereitzustellen. Die Attitüde des eigenen Erfolgs, der eigenen Fehlerlosigkeit nervt mit der Zeit ungeheuer; auch die ständige Rede von Begabungen, einem gewissen Auserwähltsein; von Kollegenzwistigkeiten etc.; als er beschrieb, dass Weischedel ihn in Berlin als Konkurrenten betrachtete, weil er ihm den Schneid abkaufte, musste ich dann doch lachen. Überhaupt dieses Kleinklein und Betuliche; diese rein universitären Krämereien; diese völlige Abgehobenheit von der Wirklichkeit trotz aller gegenseitigen Bekundungen. Ich ärgere mich bis heute, wenn unreflektiert und pauschal allen Geistes-, Gesellschafts-, Kultur- und Sozialwissenschaftlern Wohnraum im Elfenbeinturm zugewiesen wird; aber bei Henrich fällt mir auch nichts anderes mehr ein. Seine amtliche Funktion im Jungvolk wirkt ebenso „philosophisch“ verklärt wie seine distanzierte Rolle bei den 68ern, wobei er nicht ansteht zu betonen, wie gut er doch mit Studenten aller Richtungen konnte, da er zum Beispiel Marx besser verstand als sie. Aber wo war zum Beispiel sein Veto, als Anfang der 90er an allen DDR-Universitäten unter dem Decknamen der Evaluation ein kompletter Austausch der intellektuellen Eliten stattfand, ganz unabhängig von den wissenschaftlichen Leistungen; ein Austausch, der so restriktiv und total nicht einmal nach 1945 stattgefunden hat. Wie viele Lehrstühle besetzte man mit mediokren Dozenten aus den alten Bundesländern, wie viele Pfründe wurden neu verteilt, ohne dass der sonst so eloquente Hochschulpolitiker, selbst Nutznießer günstiger Zeiten, seinen Einfluss geltend machte?!Im Ganzen verdichtet sich für mich zum Ende hin der Eindruck einer pseudotrialogischen Hagiografie, der ich nicht mal Vorsatz unterstelle; anderes war bei der Anlage des Buches nicht möglich. Henrich ist natürlich kein Philosoph, er lehrt Philosophie an deutschen und internationalen Universitäten, das ist ein großer Unterschied. Ansonsten ist er genau das, was er in den Gesprächen nicht geworden sein will, zumindest nicht vordergründig, nämlich ein historisch arbeitender Forscher mit Schwerpunkt auf der Ideengeschichte. Ein durch die glücklichen Umstände verwöhnter Bildungsbürger, der andere soziale Schichten nur als Kind und Jugendlicher kennenlernte und ansonsten sein ganzes Berufsleben im akademischen Milieu zubrachte und in seinem Elfenbeinturm studierte als sei der die richtige Welt. Und selbst dagegen würde ich gar nicht sprechen: Um jemandem aber sein Leben zuzumuten und sei es nur mit Blick auf die Genese seiner Werke, sollte man offener sein, reflektierter, selbstkritischer und schon ein wenig exhibitionistischer bezüglich der eigenen Biografie, des Gefühls- und Mentalhaushaltes. „Eine philosophische Autobiographie“ liegt hier also auf gar keinen Fall vor; es sei denn, man verwechselt Philosophie mit Lebensferne.P.S. Nachtrag: Ich möchte noch einmal betonen, dass ich Henrichs wissenschaftliche Leistungen hochachte, meine Kritik hier bezieht sich ausschließlich auf dieses Buch; das auf gar keinen Fall die oben zu lesenden Pressestimmen rechtfertigt.