Die obigen Attribute fallen mir zur Charakterisierung dieses Buches über die (deutsche) Nation ein. Die emeritierte Professorin für Anglistik und Literaturwissenschaft scheut sich nicht, gleich zu Anfang ihre 5 Kapitel zusammenzufassen: Erstens die These, dass jene Modernisierungstheoretiker wie Ulrich Beck, die Nation zugunsten eines einseitig globalen Menschheitsbewusstseins für überholt erklären wollen, nicht im Recht sind. Zweitens eine Begriffsklärung zu Nation, Kultur und Identität, also eine "kulturalistische" Bestimmung des Naturbegriffs, im Unterschied zu einem bloßen Verfassungspatriotismus, wonach lediglich die gemeinsame Bejahung der politischen Verfassung die Nation ausmacht. Drittens wird den nationalen Narrativen, das zentrale Wort des ganzen Buches, im Vergleich verschiedener Nationen nachgegangen. Viertens widmet sie sich besonders der deutschen Geschichte mit dem groben Missbrauch des Nation- und Volksbegriffs. Fünftens geht es um Exklusion und Inklusion, also nicht zuletzt um die Migrationsfrage. Die Autorin plädiert hier definitiv für eine menschheitsweite Solidarität, für eine Gastfreundschaft, die es den Einwanderern ermöglicht, in Deutschland wirklich eine neue Heimat zu finden. Was ich hier vermisse, ist die Unterscheidung von gastgebender Primärkultur und Gastfreundschaft suchendenden Sekundärkulturen (sekundär im soziologischen Sinne), ohne welche Unterscheidung eine Nation im Sammelsurium namens Multikulti unterginge. (Vgl. "Gastfreundschaft der Kulturen", wonach nicht die Einzelnen Migranten auf Dauer Gäste bleiben, wohl aber ein Gastfreundschaftsverhältnis zwischen ihren Herkunftskulturen gemeint ist.) Auch würde mich interessieren, ob Aleida Assmann den Nationen eine "Seele", eine sich durchhaltende Identität zuspricht, die über den Wechselfällen der Geschichte steht - und worin diese sich durchhaltende kollektive Identität begründet wäre/ist. Diese kritischen Anfragen wollen dem Buch jedoch nichts von seiner überaus lehrreichen und den Gemeinsinn auf allen Ebenen des deutschen, europäischen und menschheitlichen Gemeinwesens fördernden Glaubwürdigkeit nehmen. Für die so notwendige Verständigung über Nation allgemein und deutsche Nation insbesondere bietet dieses Buch eine große, zeitgemäße Bereicherung.
Unter dem etwas holprig-handgestrickten Titel mit erläuterndem Untertitel „warum wir sie fürchten und warum wir sie brauchen“ verbirgt sich nichtsdestotrotz eine sehr differenzierte und quellenreiche Arbeit über den Nationenbegriff. Das viele Seiten umfassende Literaturverzeichnis führt vermutlich einen großen Teil all der Politologen, Soziologen und politischen Philosophen der letzten fünfzig Jahre auf, die sich an diesem Thema abgearbeitet haben. Das Spektrum reicht von den mit spitzen Fingern angefassten Carl Schmitt, Martin Heidegger und Egon Flaig zu Denationalisierern wie Francois Jullien, Axel Honneth, Jürgen Habermas und – man staune – zu Heribert Prantl und Carolin Emcke, den Leuchtturm-Journalist*innen mit politisch-korrektem Gütesiegel. Dass auch Frank-Walter Steinmeier bzw. seine Redeschreiber für würdig befunden werden, wieder und wieder zitiert zu werden, ist nicht auf den ersten Blick verständlich. Vielleicht als mahnendes Beispiel, dass auch Menschen von höchster humaner Sensibilität wie unser Bundesbetroffenheitspräsident sich in der Verinnerlichung des deutschen Schuldnarrativs vorbehaltslos der russischen Geschichtsfälschung anvertrauen und die deutsch-russische Gaspipeline bis zuletzt als moralische Verpflichtung abgeleitet aus den 27 Mill. russischen Kriegstoten verteidigen. Aber das nur nebenbei. Die Ausgangslage ist ziemlich klar. Nur bei der Bewertung scheiden sich die Geister. Da wo die meisten anderen Länder Nationalstolz oder mindestens ein Selbstbewusstsein haben, klafft bei uns eine Lücke. Der Verteidigungsetat dient als Steinbruch für andere „echte“ Bedürfnisse. Öffentliche Gelöbnisse sind wenigstens in Berlin mit Erfolg verhindert worden, weil Soldaten zu haben oder sie gar zu zeigen unter Nationalismusverdacht steht. Dass Polizei- und Sicherheitskräfte nationalistisch, rassistisch und sexistisch infiziert sind, gilt jedem woken als gewiss und wird gern auch von den entsprechenden Ministern thematisiert. Dass die Integrationsbeauftragte des Bundes indigene Deutsche als Kartoffeln charakterisiert, wird amüsiert zur Kenntnis genommen und die Auslassung einer Landesausländerbeauftragten, dass ihr nicht einsichtig sei, was jenseits der Sprache deutsche Kultur sein solle, wird allenfalls von der AfD beanstandet. Und nun – worauf sollen wir jetzt stolz sein, außer auf unsere Kartoffelnasen und die deutsche Sprache? Da eben beginnt das Problem. Und für mein Gefühl kommt auch Aleida Assmann trotz aller historischen, soziologischen und politologischen Beschlagenheit nicht recht weiter. Immerhin distanziert sie sich von den „Modernisierungstheoretikern“ , welche die Diffusion des Nationenbegriffs als selbstverständliches, nicht umkehrbares Spätstadium kultureller Evolution betrachten, frohlockend, dass damit der ganze nationalistische Schmodder von Hass, Kriegslust und Borniertheit entsorgt werden kann. Eine optimistisch-leichtgläubige Weltsicht, die hundert Jahre früher schon von Feuerbach, Marx und Freud für die Religion bemüht wurde und sich als grundfalsch herausgestellt hat.Der universalistische Traum einer kommenden global verbindlichen Weltethik wird also von ihr nicht geteilt. Aber der Verfassungspatriotismus eines Jürgen Habermas oder Dolf Sternberger ist er nun auch wieder ein zu kurzes Hemdchen. Gewiss kann man ihr da zustimmen. Wo also liegt die Lösung? Wie kommt eine saubere empathisch-emotionale Komponente in den Nationenbegriff? Wie haucht man ihm eine Seele ein? In diesem Zusammenhang widerspricht Assmann mit Recht der Behauptung, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Natürlich ist es eines geworden und warum auch nicht ? Also wäre da schon ein bisschen Integrationsstolz angebracht. Und damit kommt sie auch zur allerdings erst an zweiter Stelle genannten Rechtfertigung eines positiven Nationenbegriffs als des kommunitaristisch gedachten Geltungsraumes für politische und soziale Rechte und Ansprüche, eine Art Solidaritätspakt, der aller Erfahrung nach nicht universell sondern nur in einem staatlichen Raum versprochen und durchgesetzt werden kann.Vor diesem Solidaritätsgesichtspunkt nennt sie als Grund für die „Wiedererfindung“ der Nation die Notwendigkeit, nationales Bewusstsein „liberal demokratisch“ zu besetzten und es nicht den verhetzten Nationalisten, den Rechtsradikalen und Alternativen zu überlassen. Etwas gut zu finden aus sich heraus, wäre vielleicht ein eleganteres Motiv als es zu beanspruchen, um es vor Missbrauch zu schützten. Aber egal.Wie ein roter Faden zieht sich der von Assmann sogenannte dreigliedrige „Begriffscluster“ „Identität, Gedächtnis, Kultur“ durch ihre Argumentation. Wieder und wieder wird klargestellt, dass eine deutsche Identität und die zarte Pflanze eines wiederentdeckten Nationalbewusstseins unbedingt in der singulären deutschen Schuld, dem Holocaust, und seiner gewissenhaften „Aufarbeitung“ gründen muss. Das ist Staatsraison geworden und wird verpflichtend bei allen offiziellen und halboffiziellen Anlässen in streng ritualisierter Form beschworen.Wie hilfreich oder mit welch schwerwiegenden Nebenwirkungen behaftet eine solche Festschreibung ist, darf nach offizieller Lesart kein Thema der öffentlichen Diskussion sein. Hie und da auftauchende Widerrede wird rasch mit Empörung beiseite gewischt und als klare Verletzung humaner Grundprinzipien kriminalisiert. ( Siehe die Affaire um die Friedenspreisrede von Martin Walser ). In diesem Zusammenhang nimmt sich das vollkommene Unverständnis für den von Uwe Tellkamp geprägten Begriff der Gesinnungskorridore der deutschen Medienlandschaft merkwürdig aus. Seine Kritik mag stark überzogen sein. Aber ist er deshalb notwendiger Weise persona non grata ? Sollte er auf die Empfehlung von Habermas, des Erfinders des herrschaftsfreien Dialogs, gemieden und beschwiegen werden ?Eine enge Kopplung eines offenbar wünschenswerten neuen deutschen Nationalbewusstseins an die sogenannte singuläre Schuld der Deutschen ist für mein Gefühl fragwürdig. Die wichtigsten Gründe sind folgende:1 Rein individualpsychologisch scheint es mehr als fragwürdig, ob einer wünschenswerten Stärkung von Selbstbewusstsein und Vertrauen in die eigene zukünftige Wirkmächtigkeit ohne Betonung von Qualitäten und Verdiensten allein durch permanente Vergegenwärtigung überhistorischer Schuld gedient ist. In der Psychologie gibt es den Begriff der Problemtrance.2 Geschichte ist immer singulär und wird sich nie in derselben Weise wiederholen. So unbegreiflich die deutschen Taten sind und bleiben, so fragwürdig ist ihre Charakterisierung als völlig singulär in der Geschichte. Die Festschreibung dieser Doktrin ist notwendiger Weise mit einer Opferhierarchisierung verbunden, die Nichtopfern der Naziherrschaft eine schwer zumutbare Zweitrangigkeit attestiert. Die dominante Fixierung auf die Opfer der Naziherrschaft lässt es an Respekt gegenüber den unzähligen anderen Opfern, der schrecklichen Reihe der Atrocitäten, mangeln.Die deutsche Schuld von der russisch-bolschewistischen, japanischen, chinesischen, amerikanischen, spanischen etc. zu isolieren, dagegen sträubt sich der kluge Menschenverstand. Potentielle und wirkliche Monster sind Angelegenheiten der Menschheit, nicht einer Nation.Dass bei einer solchen umfassenden Aufarbeitung des Themas und international multiperspektivischen Darstellung mit französischen, englischen, italienischen und amerikanischen Quellen dann doch vom deutschen Schuld- und Aufarbeitungsnarrativ kein Jota abgewichen wird und nirgends auch nur die Andeutung einer Bereitschaft zur Relativierung sichtbar wird, ist für mich letzten Endes zwar nicht unerwartet, aber schon etwas enttäuschend.