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Streiflichtern gleich erzählt Janina Hecht von Teresas Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend unter dem Schatten des Alkoholismus des Vaters. Die Familie lebt sprachlos und defensiv um ihn und seine Erkrankung herum. Das wird nicht bewertet und nicht geschönt, zunächst, weil die Erzählerin noch ein Kind ist, später, weil eine Bewertung das Problem ins Bewusstsein der Protagonisten rücken würde. Stattdessen werden sowohl Alkoholkonsum als auch Gewaltausbrüche des Vaters hingenommen und totgeschwiegen, weil niemand den Zorn des unberechenbaren Cholerikers reizen will. "Redet darüber", möchte man ihnen zurufen, ahnt aber, dass ihnen das Risiko, die Familie zu zerbrechen zu hoch wäre, dass die Wahrung des Geheimnisses sie ebenso zusammenhält wie trennt. So kreisen sie um die Erkrankung des Vaters und machen diesen Mittelpunkt zu einer Leerstelle, indem sie sich entscheiden, nicht zu genau hinzusehen.Für Teresa selbst ist die Situation gleichzeitig untragbar und völlig selbstverständlich. Sie rebelliert und reißt aus - aber der Gedanke, dass man etwas dagegen unternehmen könnte, kommt ihr nicht.Was genau die Familie davon abhält sich Hilfe zu suchen, lassen Teresas Erinnerungen offen. Vieles deutet darauf hin, dass die Familienmitglieder das Problem schlicht nicht angehen, weil sie verständlicherweise nicht bereit sind, ihm noch mehr Raum zu geben, als es ohnehin schon einnimmt, und weil dann womöglich auch die warmen, schönen Momente mit entwertet würden.Teresa findet ihren eigenen Weg mit den Dingen umzugehen, Freunde, die ihr zeigen, wie ein glücklicheres Leben aussehen könnte, die für sie weinen, wo sie es nicht kann oder es nicht für angemessen hält, und die ihr helfen Abstand zu gewinnen und sich zu befreien, behutsam Vertrauen aufzubauen und Wunden zu heilen.Janina Hecht braucht hierfür kein Wort zuviel, drängt den Lesern keine Wertungen auf. Sie findet einen eigenen, der Geschichte vollkommen angemessenen Sprachstil, der wirkt, als könne man diese Geschichte nur so und keinesfalls anders erzählen. Ihre Wahl, die Episoden im Präsens zu halten und sich auf die gerade erinnerte Gegenwart zu fokussieren, öffnet Räume, in denen von einer dräuenden Katastrophe bis zum glücklichen Ende alles möglich erscheint.Ein schönes Buch, das einem in seiner Unaufdringlichkeit die Tränen des Zorns und des Schmerzes in die Augen treibt, das einem Schauer das Entsetzens beschert und einen dann sanft in Watte packt und vorgibt, es wäre alles gar nicht so furchtbar - oder schlimmer: nicht so wichtig.
Teresa’s Kindheit wirkt auf den ersten Blick ganz normal und behütet: zusammen mit dem Bruder und ihren Eltern verbringt sie die Ferien mal am Gardasee, mal auf dem Bauernhof in Bayern. Doch wenn man genau hinschaut, ist nicht alles so, wie es sein sollte, denn die Familie ist wegen dem unvorhersehbaren Verhalten des gewalttätigen Vaters immer angespannt - eine Situation kann von einem Moment zum nächsten kippen. Der Leser begleitet die Hauptperson Teresa von der Kindheit zum Erwachsenwerden bis zum Tod des Vaters, eine Zeit, die geprägt ist von der dominanten Person des Vaters, einer Person, die eine so wichtige Rolle in Teresa’s Leben spielt und ihr doch immer auch fremd bleibt.Der Roman ist mit 168 Seiten eher kurz und in viele, oft sehr kurze Kapitel eingeteilt, die sich sehr leicht hintereinanderweg lesen lassen. Das liegt auch an der Sprache, denn diese ist einfach, kurz, prägnant und doch hat sie gleichzeitig etwas Poetisches. Während manche Handlungen detailliert beschrieben werden und so Bilder entstehen, ist die Sprache immer wohldosiert, nie überladen oder ausschweifend.In der Rückblende auf das Leben mit ihrem Vater liegt der Schwerpunkt auf den Sommern mit ihm, die eher eine bittersüße Zeit sind, denn die gute Stimmung in der Familie ist nie von langer Dauer. Der Vater findet, je länger der Tag fortgeschritten ist und je mehr er trinkt, immer etwas, das ihm nicht passt. Gleichzeitig kommt er aber auch in vielen Szenen seiner Rolle als Vater nach, erklärt, lobt, bringt den Kindern das Schwimmen bei und rettet zum Beispiel ein fremdes Kind vor dem Ertrinken. Teresa hat eine besondere Rolle im Familiengefüge: der Vater traut ihr mehr zu als ihrem Bruder Manuel und gleichzeitig begehrt sie auch am stärksten auf, wenn er gewalttätig wird. Während in der Kindheit Bewunderung für und Furcht vor dem Vater vorherrschend sind, ist in Teresa’s Erzählung als junge Erwachsene auch Mitleid mit dem Vater zu spüren, als dieser von der Mutter verlassen wird und alleine lebt, jedoch nie wirklich vom Alkohol wegkommt. Nach seinem Tod merkt sie, wie fremd er ihr blieben wird. Ihr wird bewußt, dass sein Tod auch bedeutet, dass ihr eine weitere Auseinandersetzung mit ihm und dem Geschehenen verwehrt bleibt.Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen, gerade wegen des ruhigen, unaufgeregten Erzählstils und der kurzen, häufig wechselnden Szenen. Das Stillschweigen das Teresa, ihre Mutter und ihr Bruder auch untereinander über das Geschehene bewahren, wird dem Leser auf fast unangenehme Art deutlich. Trotz allem wird der Vater nicht als eindimensionale Figur dargestellt, sondern als Mensch mit vielen Facetten, von denen manche gar nicht zusammenpassen wollen.
„Ich bewahre verschiedene Erzählungen nebeneinander und wähle eine passende aus. Immer begleitet von zwei Kräften, der Furcht davor, ihn zu vergessen, und der Notwendigkeit, nicht zu viel an ihn zu denken.“ (S. 167)Janina Hecht ist mit „In diesen Sommern“ ein angenehmer Episodenroman gelungen, dessen unterschiedlich langen Kapitel zum lockeren Lesen einladen, ohne den roten Faden zu verlieren: den Vater.Er ist Dreh- und Angelpunkt im Leben eines jeden Mitgliedes der Familie. Seine Alkoholsucht wird zum Problem eines Einzelnen:für die Mutter, für Bruder Manuel und natürlich der Erzählerin Teresa.Sie überschattet alles: den Alltag, die Ferien, die Leichtigkeit des Sommers oder den Urlaub!Suff macht vor nichts halt.Täglich wird mit der Angst gelebt, seinen Wutausbrüchen und Schlägen ausgesetzt zu sein.Teresa erzählt von ihrer Kindheit und Jugend und dem Punkt, wann es ihr genug wurde, das zerschlagene Gesicht der Mutter zu ertragen, die Streiterein durch Wände zu hören oder selbst der väterlichen Kraft zum Opfer zu fallen und durch die Räume gezerrt zu werden und Schläge und Tritte abzubekommen.„In diesen Sommern“ ist schnell gelesen. Der Roman erzählt sicherlich nichts Neues.Aber ist auf seine ruhige und unpretentiöse Art fast unauffällig und gerade deshalb lesenwert.Er erzählt ruhig und warnend von der täglich ausgehend Gefahr eines Suchtkranken in der Familie, um dann zuzuschlagen, wenn man es am wenigsten erwartet.
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Letzte Aktualisierung: 28.09.2026 18:10 Uhr.