Dem mit dem Leben des Großen Goethe Vertrauten ist vermeintlich auch das Leben seines Sohnes August wohlbekannt.Wie sich nach der Lektüre des Buches von Stephan Oswald herausstellt, kennen wir in der Regel aber nur Oberflächlichkeiten: uneheliche Geburt, abwesender Vater, vom Vater protegierte Laufbahn in der herzoglichen Verwaltung, vom Vater verhinderter Einsatz des Sohnes in den Befreiungskriegen (die damit für den Sohn verbundene Schande im öffentlichen Ansehen akzeptierend), August ein Trunkenbold, der letztlich an seinem, vom Vater verantworteten, verunglückten Leben in Italien zugrunde gegangen ist. Zudem gab es auch vielfache Mutmaßungen über den Einfluß des Vaters auf die Ehe Augusts mit Ottilie von Pogwisch.In der Tat stand der Sohn Zeit seines Lebens im Schatten seines übergroßen Vaters. Wie auch bei vielen anderen Kindern übermächtiger Eltern wurde auch August von Goethe schon von vielen seiner Zeitgenossen letztlich nur über seinen Vater definiert. Der Autor führt hierfür als schlagenden Beweis die Einträge in Augusts „Stammbuch“, eine Art Poesiealbum, an.August war kein Geistes-Titan. Es stellte sich schon früh heraus, daß er an den Realien des Lebens ein großes Interesse hatte, und auch Talent hierfür. So entwickelte er schon als Knabe erhebliche Kenntnisse in Mineralogie und Geologie.Sein Jura-Studium (das, wie damals für die für ihn vorgesehene Verwaltungslaufbahn üblich, ohne formellen Abschluß blieb) gab ihm eine solide Grundlage für sein Berufsleben. Diese Grundlage wurde noch durch eine (relativ kurze) Zeit der praktischen Lehre vervollkommnet, in der sich August mit praktischen und wirtschaftlichen Aspekten des Verwaltungshandelns vertraut machte.Überzeugend legt Stephan Oswald dar: Nach seinem vom Vater mit langer Hand vorbereiten Eintritt in die herzogliche Verwaltung bewährte sich August aufgrund seiner Fähigkeiten, aber auch seines großen Fleißes, und erwarb sich Anerkennung. Nachdem er in der uns heute arkan erscheinenden Hierarchie aufgestiegen war, wurde ihm das Amt des Leiters der wichtigen Baukommission übertragen, die für den Unterhalt der herzoglichen Immobilien im gesamten Herzogtum verantwortlich war. Dieser Aufgabe, die auch mit häufigen Reisen verbunden war, entledigte sich August mit Bravour.Der Schluß ist zwar spekulativ, aber naheliegend: auch ohne die andauernden väterlichen Interventionen beim Herzog und in der herzoglichen Verwaltung hätte August in der herzoglichen Verwaltung seinen Weg gemacht!Und in der Tat: Der Vater, der aufgrund seiner eigenen Stellung als Staatsminister in der herzoglichen Verwaltung und der Freundschaft zum Herzog über gewaltigen Einfluß verfügte, sorgte immer wieder dafür, daß der Sohn mit weiteren Titeln und damit einhergehenden gestiegenen Einnahmen versorgt wurde.Neben seinen vielfältigen beruflichen Herausforderungen mußte August sich nach dem Tod der Mutter um den väterlichen Haushalt kümmern, eine Aufgabe, die der sehr anspruchsvolle, und oft ortsabwesende Vater auf seinen Sohn übertrug.Zu allem Überfluß wurde August auch noch von seinem Vater dazu eingeteilt, weitere öffentliche, sehr zeitintensive Aufgaben zu übernehmen. Zudem unternahm er für diesen Reisen, die der „Alte“ selbst nicht absolvieren wollte. Der Mann hatte einen vollen Tag!Trotz dieser fast vollständigen Ausrichtung seines Lebens auf den öffentlichen Dienst und die im Interesse des Vaters zu erledigenden Aufgaben, blieb August letztlich die Anerkennung durch seinen Vater versagt.Um diese Zuneigung des Vaters ging es ihm aber: durch das Buch ziehen sich vielfältige Belege, daß August immer wieder bei seinem Vater anfragte, ob er dem Vater genüge, auch schon als Knabe richtete er sich an den Interessen des Vaters aus. Da blieb am Ende nur die Flucht nach Italien (auch diese Reise mußte er für den Vater in einem Tagebuch dokumentieren, für August eine Last, für uns heute ein Gewinn).Diese Fixierung auf den Vater verhinderte, daß August das Selbstwertgefühl entwickeln konnte, das ihm eigentlich aufgrund seiner Lebensleistung (er war auch nicht der unsensible Ehemann, als der er oft geschildert wird) hätte zuwachsen sollen.Der Autor schildert das Leben Augusts spannend und vielfach unter Hinweis auf neues, bisher noch nicht ausgewertetes Material (darunter auch autobiographisches und literarisches).Wie viele Biographen, erweckt auch der Autor manchmal den Eindruck, er sei dabei gewesen, oder er könne in seinen Helden hineinsehen.Aber abgesehen von diesen Punkten: überzeugend legt der Autor dar, daß August eine eigenständige Persönlichkeit war, die allerdings letztendlich: fatal darunter litt, ständig die Zuneigung und Anerkennung des Vaters zu erflehen, sie aber nie zu erhalten.Er stand er sein ganzes Leben im Schatten des Vaters, verzehrte sich gleichzeitig in der Sehnsucht nach des Vaters Liebe.