Andre Hille, Gründer der bekannten „Textmanufaktur“-Autorenschule, hat seinen zweiten Roman geschrieben, gerade frisch erschienen im Beck Verlag. Der Titel lautet „Jahreszeit der Steine“ und ist eine eigenwillige, filigrane Familiengeschichte, ein 24-Stundenportrait eines Vaters mit seiner Ehefrau und drei Kindern. Die ganze Geschichte beschreibt auf 336 Seiten detailgetreu und feinnervig das Familienleben mit kleinen Kindern, Alltag und Tagesablauf. Es beginnt mit dem Aufwachen des Vaters, der auch als Ich-Erzähler den Tag aus seiner Perspektive beschreibt. Nuancenreich, teils akribisch mit einem feinen Blick für kaum merkbare Einzelheiten erzählt er das Geschehen, die feinen emotionalen Regungen der Erwachsenen und Kinder, die Reibungen, Freuden, humorvollen und nervigen Momente. Jeder Leser der Kinder hat, wird sich darin wiederfinden und begeistert sein von Hilles Fähigkeit, dies alles in Worte zu fassen. Wer keine Kinder hat, kann das Buch mit großem Interesse und Neugier ebenso gut lesen und genießen, - kaum besser hat jemand einen solchen Kinder-Alltag bisher beschrieben, so dass man meint, real dabei zu sein, die Geschichte fast in Echtzeit mitzuerleben. Allein die Beschreibung der Aufsteh-Routine und Rituale oder des Frühstücks, der morgendlichen Spaziergänge mit dem Hund und der zugespitzten gereizten Momente mit der Ehefrau Levje sind literarisch einzigartig. Andre Hille beobachtet und reflektiert das alles mit einer unglaublichen Wahrnehmungsfähigkeit. Spannend sind auch Hilles metaphorische Einwürfe, so wenn er über die Steinfelder nachsinniert, Steine die gleich Erinnerungsfetzen aus dem Erdboden der Felder auftauchen. Und ebenso faszinierend sind die Wortneuschöpfungen des Autors, voller Fantasie, die jeweils als Kapitelüberschriften gewählt werden und uns auch im Text immer wieder erfreuen. Brillant vermag Hille auch das Schweigen oder das Thema Kränkung in Familien und deren Kommunikation in Worte zu fassen. Und ein Glanzstückchen des Romans ist auch die Passage, wo der Ich-Erzähler mit seiner Frau zusammen in Zoom-Form an einem Pilates Kurs teilnimmt. Großartig beschrieben! Wunderschön auch, daran teilzunehmen, wie der Vater abends mit seinen Kindern die Kinder-Fernsehsendungen in vollen Zügen genießt, oder wenn er beim Spielen und Balgen das Moor spielt, dass die Reiter abenteuerlich überwinden müssen. Und mit großer Feinfühligkeit und großem sprachlichen Können beschreibt Hille die letzte Stunde des Tages vor Mitternacht, - über mehrere Seiten erzählt er uns vom Schlafengehen des Ehepaars, den ambivalenten, entfremdeten, doch vertrauten und verunsicherten Gesten, Berührungen und Worten eines sich voneinander entfernenden Paares. Literarisch großartig. Jedem, der sich mit der feinen Textur von Beziehungen, Paar- und Familienbeziehungen gerne auseinandersetzen möchte, kann man dieses Buch nur wärmstens empfehlen!