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Die Wasserfälle von Slunj | Heimito von Doderer | Taschenbuch | 400 S. | Deutsch | 1991
Bewertungen & Erfahrungen
4,6 von 5,0
5 Bewertungen
5 ★3
4 ★2
3 ★0
2 ★0
1 ★0
Verteilung basiert auf 5 vorliegenden Einzelbewertungen.
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Redaktion16.06.2026
testmonster.de · Redaktion
Ein fantastisches Buch, das mich mitten in die spannende Zeit um die Jahrhundertwende entführt und mich tief in die Geschichte hineinzieht. Die Darstellung ist lebendig und die Atmosphäre ist perfekt eingefangen.
Heimito von Doderer (1896-1966), wohl der österreichischste aller Großautoren, verursacht einen Zwiespalt der Gefühle: Höchste Verehrung für sein literarisches Schaffen, Bewunderung für seinen Humor und dennoch Vorbehalte seiner eigenen Person gegenüber. Doderers Vita wirft einen Schatten auf sein Werk: Beitritt zur NSDAP 1933, gemütliches Wohnen in Dachau und sein nicht gerade chevaliereskes Betragen gegenüber seiner ersten jüdischen Ehefrau Gusti Hasterlik in gefährlicher Zeit (in den Romanen als Grete Siebenschein verewigt). Nach dem Zweiten Weltkrieg verhinderten diese Stationen das Zustandekommen eines moralisch einwandfreien Verehrer-Kultes wie er um Thomas Mann möglich wurde. Sehr zum Kummer Doderers unterblieb auch jede Nominierung zum Literatur Nobelpreis.Und dennoch. Dies sei alles hier zur Seite geschoben.Blickt man allein auf das Werk, so steht fest:Die "Wasserfälle von Slunj" ist Doderers bester Roman.Zum Inhalt: Ein Panorama Wiens an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wird aufgerollt. Die Handlung spielt im eleganten Milieu des Großbürgertums, wobei die neue Schicht der industriellen Unternehmer und Ingenieure mit Selbstbewußtsein auftritt. Viele Charaktere und Handlungsfäden werden miteinander verwoben. Im Zentrum des Geschehens steht die Figur des Donald Clayton. Er ist der Sohn des reichen und tüchtigen englischen Unternehmers Robert Clayton. Die Familie stammt aus England, und Clayton senior, der emotional und begeisterungsfähig ist, hat sich einst unter dem Eindruck einer gelungenen Hochzeitsreise mit seiner damals jungen Frau Harriet in Wien angesiedelt. Es trifft sich aufs beste, dass Neigung und Geschäftssinn zusammen wirken. Rasch verschaffen sich die Claytons Respekt. Alles entwicklet sich prächtig. Die Wiener Gesellschaft nimmt die Engländer, deren Exotik einen unerschöpflichen Reiz darstellt, gerne in ihre Mitte auf. Die Firma prosperiert. So werden die verschiedenen Gestalten und Schicksale um die Claytons teilweise sehr humorvoll ineinander verwoben. Der österreichische Buchhalter Chwostik wird zum Glücksfall und wächst - ebenfalls ein Leitmotiv Doderers - von unscheinbaren Anfängen über sich selbst hinaus. Der junge Donald Clayton indes wird zum tragischen Helden. Wiewohl von den Lebensumständen begünstigt und von seinem tatkräftigen Vater liebevoll gefördert, erreicht der junge Clayton nicht das Potential seines Vaters. Beide, Vater und Sohn, sind einander sogar äußerlich ähnlich, fast wie Brüder, dennoch fehlt es dem jungen Clayton an Entscheidendem: Donald ist von seiner Grundhaltung her passiv und handelt nicht. Dies wird zunächst kaum bemerkt, da die äußeren Umstände ohnedies alles bestens laufen lassen. Mit der Ankunft eines jüngeren Cousins aus Kanada aber wird zunehmend fühlbar, dass Donald ins Hintertreffen gerät. Der junge Cousin, ein Kind noch, schart ohne Anstrengung Freunde um sich. Ein Defizit, das man bei Donald bis dahin noch gar nicht bemerkt hatte. Auch eine sich entspinnende Liebesgeschichte zwischen Donald und einer jungen Ingenieurin gerät ins Stocken. Es ist Donalds Tragik, dass er seine Schwäche nicht erkennt. Und damit - in der Auffassung Doderers - verweigert, die ihn angeborenen Fesseln zu überwinden. Als Kind schon hat Donald unter Angstzuständen gelitten. Immer wieder taucht vor ihm die Vorstellung einer Wasserwand auf. Nie wagt er jedoch, an das Fenster zu treten und bis auf den Grund dieser Wasserwand zu blicken. Diese Passivität, dieses Sich-Nicht-Überwinden wird zu seiner Schuld. Letztlich ist es diese ungelöste Lebensaufgabe, an der Donald zugrunde geht.Den Titel "Die Wasserfälle von Slunj" leitet sich von einem Dorf in Kroatien her. Der kleine Ort Slunj mit seinen Wasserfällen spielt am Beginn des Romans eine Rolle. Am Ende laufen dort wieder alle Handlungsfäden schicksalhaft zusammen.Stilistisch gehört Doderer zu den wenigen Schriftstellern, die im Alter immer besser wurden. Die Wasserfälle erschienen 1963 und sind damit Doderers letzter Roman, der ganz fertig gestellt wurde ("Der Grenzwald" blieb Fragment). Die Sprache hier ist verdichtet, knapp für Doderer, die Handlung streng komponiert, die Personen mit faszinierenden Entwicklungsbögen versehen.Ein Meisterwerk der Weltliteratur.
Das ist der erste Roman, den ich von HvD gelesen habe und ich war begeistert. Doderer entwirft eine faszinierende, komplexe Welt mit seltsamen, interessanten Figuren. Seine Sprache ist ebenfalls komplex, nie langweilig und ein Alleinstellungsmerkmal — ich habe noch nie einen ähnlichen Text gelesen. Darüber hinaus bietet der Autor auch noch viel Komik. Ich werde definitiv noch mehr von ihm lesen.
Rastoke im gebirgigen Mittelteil von Mittelkroatien mit seinen gut erhaltenen Mühlen und den malerischen kleinen Wasserfällen (‚von Slunj‘) war eines der Ziele der Hochzeitsreise des englischen Hochzeitspaars Robert und Harriet Clayton. (Aber auch für das tragische Ende bildet dieses landschaftlich reizvolle Eck den Handlungsort.) Bei ihrer Rückkehr nach ‚Brindley Hall im südwestlichen England erfahren sie, dass Vater Clayton inzwischen in Wien ein Werk für landwirtschaftliche Maschinen errichten lässt.Und so kann der Leser nicht nur die Geschichte der Familie Clayton über 3 Generationen verfolgen, sondern auch die des Maschinen-Werks ‚Clayton und Powers‘. Nebenbei erfahren wir auch vom beruflichen Aufstieg von Josef Chwostik: von seiner Stellung in der Devotionalien-Erzeugung (+ seiner beengten und seltsamen Wohnverhältnissen) zum Kanzlei-Chef. Auch von einer Gruppe Gymnasiasten, dem Metternich-Club, und von Mann und Frau, denen es nicht gelingt, ‚einen wirklichen Kontakt zu bekommen‘ lesen wir.‚Es kommt halt immer was vor‘ hat einmal ein Wiener Beisl-Kellner in Ottakring es so schön zusammengefasst.Dieses Buch gewährt uns einen Einblick in die ‚dritte Gesellschaftsschicht‘ – das Unternehmertum – des Wiens um 1900 mit Droschken, mit Dienstmädchen und allem, was dazugehört. Überrascht hat mich, dass zu der damaligen Zeit im Hotel ‚Britannia‘ schon geduscht werden konnte (S 343), schwappte doch die Erfindung der Dusche erst 1879 von den französischen Gefängnissen in den deutschsprachigen Raum des damaligen Europas.Begeistert hat mich der Aufbau der Geschichte: Wie bei einer filigranen Klöppel-Handarbeit wurden manche Fäden (Personen) dazwischen unbeachtet gelassen, später wieder aufgenommen und ich staunte immer wieder über die faszinierenden Zusammenhänge! Viele Ausdrücke waren für mich ungewohnt, da nicht mehr gebräuchlich, und ich musste auch durch die Länge der Sätze höllisch aufpassen, dass ich nichts überlas. Zum Schnelllesen ist dieses Buch völlig ungeeignet!Was mich jedoch sehr abstieß und zusehends nervte: die überhebliche, abwertende Art, mit der der Autor manche Personen beschrieb: ‚das Knollengewächs‘, ‚die alte Runzel‘, ‚das Dickerchen‘ mit ‚seinem fetten Lachen‘ usw. (die Wirkung wurde auch nicht durch x Wiederholungen besser)! Das schmälerte meinen Genuss erheblich, so dass ich in meiner Bewertung nicht über 3,5 Sterne hinauskomme, aufgerundet auf 4!
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Letzte Aktualisierung: 10.10.2026 18:13 Uhr.