Selbst habe Günter Grass diese Erzählung Unkenrufe, die er 1992 bei dem für ihn neuen Steidl-Verlag veröffentlichte, nicht als ein Nebenwerk angesehen, sondern als eines seiner wichtigsten Bücher nach der Danziger Trilogie, bestehend aus den Romanen Die Blechtrommel, Hundejahre und der Novelle Katz und Maus. Zu Zeiten der Ersterscheinung waren die Meinungen, was dieses Buch anging, sehr gespalten: die einen absolut dafür, die anderen absolut dagegen. Dass man heute, wenn man an Günter Grass denkt, eigentlich nicht mehr von der Erzählung Unkenrufe spricht, mag nicht vorrangig damit zusammenhängen, dass eine der beiden Parteien, in diesem Fall also die „contra“-Partei, gewonnen habe. Es ist meines Erachtens vielmehr auf die Tatsache der unabstreitbaren Aktualität dieses Buches zurückzuführen, die in der damaligen Zeit, als das Buch erschien, noch vollkommen unerforscht gewesen ist, heute sowohl literarisch als auch journalistisch in vielerlei Hinsicht aufgegriffen wurde, und somit Ersterzählungen wie diese in den gedanklichen Hintergrund rücken.Günter Grass erzählt die Geschichte eines Paares, das sich durch Zufall in einer Markthalle in Danzig am Allerseelentag 1989 begegnet. Beide sind verwitwet, die Frau, Alexandra, eine Restauratorin aus Polen, er, Alexander, Kunsthistoriker aus Deutsch-land. Als Kind in Danzig aufgewachsen hat seine Heimatstadt fast nichts mehr von dem, an das er sich eines Tages einmal erinnern konnte. Die beiden, die durch ein Ungeschick aneinandergestoßen sind, unterhalten sich noch eine Weile und besuchen einen in der Nähe liegenden Friedhof, da sie über ihre verstorbenen Ehepartner gesprochen hatten. In dieser gemeinsamen Begegnung und dem Besuch der Ruhestätte liegt zugleich auch ihr späteres Ziel begraben, einen „Versöhnungsfriedhof“ zu errichten. Sie essen gemeinsam zu Abend, Alexander muss am nächsten Tag wieder zurück in seine Heimat fahren, doch noch in der Nacht seiner Abreise kommt Alexandra zu später Uhrzeit bei ihm vorbei um ihm eine Tüte mit Proviant vorbeizubringen, und sie schlafen miteinander. Im Folgenden entsteht ein Briefwechsel, aus dem eine entstehende, aufkeimende Liebe zwischen den beiden erkennbar wird, aber auch ihr entstehendes Vorhaben, einen Friedhof zu gründen, der es ermöglicht, die durch die Vergangenheit aus ihrem Land Vertriebenen in ihrer Heimat zu beerdigen – sollten nicht wenigstens die Toten in ihre Heimat zurückkehren können? Demnach also die deutschen Toten nach Polen und die polnischen Toten nach Litauen. Sie treffen sich nun öfters und schaffen es, durch verschiedene Bekanntschaften und Werbeaktionen dieses Projekt zu starten. Doch bald schon wird ihnen klar, dass die anderen Vorstandsmitglieder weniger human eingestellt sind wie sie, sondern vorrangig an den Profit denken. Als es um die sogenannten „Umbettungskationen“ geht, bei denen die bereits beerdigten Toten aus ihrem Grab gehoben und auf den Versöhnungsfriedhof gebracht werden sollen, was einen unerreichten finanziellen Profit bringen würde, steigt das Paar aus, das bald darauf heiratet und sich auf sein neu errungenes Privatglück konzentriert. Wie es jede tragische Liebesgeschichte will, sterben die beiden am Ende der Erzählung bei einem Autounfall, das Projekt bleibt in fremden Händen, expandiert immer weiter, hat nun sogar ein Wohnheim für die „Sterbenden“ direkt neben dem Friedhof gebaut, sowie einen Golfplatz und sonstige Freizeit-möglichkeiten, damit es die Sterbenden in die Richtung dieses Friedhofes zieht.Vor allem aus den Beschreibungen des Kommerzdrangs des neuen Vorstands ist die leise Ironie dieser Erzählung zu erkennen, allerdings auch in den Dialogen, den Ausschnitten aus dem Briefwechsel zwischen dem Paar, den Aussagen von Alexandra mit dem polnischen Akzent. Alles in allem hat Günter Grass hier ein für sich eigentlich typisches Buch geschrieben, es geht viel ums Kochen, es geht aber auch um seine Heimatstadt Danzig, die ihm in den bereits am Anfang der Rezension aufgeführten Werken viel Erfolg einbrachte, und es geht um die – bei ihm nach der Lektüre des Butt nahezu unvermeidbare – Ironie der Personen.Erzählt wird dieses Buch nämlich nicht von einem neutralen Betrachter. Alexander hatte vor seinem Tod Aufzeichnungen von seiner Liebesbeziehung zu Alexandra gemacht, und von ihrem gemeinsamen Projekt, dem Versöhnungsfriedhof. Er schickt diese Unterlagen an den Erzähler, der als Schriftsteller bekannt geworden ist, und der in der Vergangenheit einst die Schulbank mit ihm gedrückt haben soll. Er soll aus diesen Unterlagen eine Erzählung schreiben. In Hinblick auf die Ironie und Skurrilität der Figuren, ist der Erzähler, der sich erst spät in der Erzählung daran erinnern möchte, einmal einen solchen Klassenkameraden gehabt zu haben, bei dem er auch die ein oder andere Schularbeit hatte abschreiben dürfen, nämlich z.B. durch das Verschlucken von lebendigen Kröten aufgefallen, die er kurz darauf wieder aus dem Magen herausgewürgt und lebendig davonhüpfen hat lassen. Besonders in Erinnerung ist er Alexander allerdings durch das Vertilgen einer noch viel größeren Unke aufgefallen, die nicht mehr herauskam. All diese Sachen erscheinen wenig realistisch, passen aber in den immer zwischen Fantasie, Fiktion und bitterer Realität schwebenden Erzählstil von Günter Grass.Was wir rein historisch und politisch aus dieser Erzählung aus der Sicht der Rezensenten bei der Ersterscheinung sehr aktuell, sie reagierte sehr schnell auf die „Befreiung“ Osteuropas und die Auflösung der Blöcke, und ist somit auch eine Erzählung über die damalige Zeit, über das Verhältnis zwischen Deutschland und Polen, aber auch das Verhältnis von Polen zur Sowjetunion und zu dessen Politik des Kommunismus. Aus heutiger Sicht sind die ersten Gedanken nach diesem Umbruch natürlich vorrangig aus historischer Sicht interessant. Bücher, die einen historischen Hintergrund verarbeiten, funktionieren in erster Linie immer nur dann wirklich, wenn sie eine Geschichte haben, die man sozusagen als zeitlos bezeichnen könnte: möge man als Beispiel dafür, vielleicht etwas hochgegriffen, Thomas Mann und die Buddenbrooks heranziehen.Zeitlos ist diese Erzählung mit Sicherheit nicht. Die Liebesgeschichte, die Günter Grass hier zu erzählen versucht, hat nicht in Ansätzen das Potential, dem, was Grass historisch leistet, entgegenzutreten. Wir haben hier also ein Buch, das in Teilen wichtige Ereignisse der frühen 90er Jahre aufgreift, in anderer Hinsicht aber eine extrem schwache, literarische Leistung vollbringt, indem es nämlich so gut wie keine Emotionen und Gefühlsregungen irgendeiner Art hervorruft. Die Geschichte ist banal, vollkommen frei von irgendwelchen literarischen Stil-wandlungen, sei es die Spannung, sei es die Erotik: all das, was eine solche Erzählung letztlich mit Wucht auftreten lassen würde, fehlt dem Buch.Bei der genaueren Betrachtung von Grass Text, könnte m an fast den Anschein haben, der Verfasser habe es nicht anders gewollt. Das völlig „gefühlskalte“ Erzählen ist nämlich auf die Ungewissheit des Erzählers in dem Buch zurückzuführen. Der, der spricht, hat ja schließlich nur die Unterlagen, die Alexander ihm zugeschickt hat, alles andere würde seiner Vorstellung entspringen, und das versucht er strikt zu vermeiden. Immer wieder weist er auf seine Quellen hin, woher er gerade diese Information gezogen hat, aus welchem Notizbuch sie stammt, aus welchem Brief von wem an wen. Das ist nicht nur ermüdend sondern – wie bereits ausgeführt – auch sehr schädlich für die Wirkung dieser Erzählung. Die Passivität des Erzählers, über den selbst wir fast nichts erfahren, und dessen Leben auch im absolut Unklaren bleibt, wirkt sich auch auf den Leser aus. Man selbst steht nicht in der Geschichte drinnen, man hat eine ungefähre Vorstellung dessen, was wohl passiert, wie die Leute ausgesehen haben könnten, doch die beiden Protagonisten bleiben, wie der Erzähler selbst, vage und blass – das ist doch eigentlich das, was man bei Günter Grass ansonsten nicht zu befürchten hat. Wer hat denn eine vergleichsweise einprägsame Figur wie den Oskar Matzenrath geschaffen, wer hat die Figuren Tulla Pokriefke und Mahlke hervorgerufen, wer hat die schrulligen Portraits der Dichter der vergangenen Jahrhunderte im Treffen in Telgte geschildert? Von Alexandra und Alexander wird nach der Lektüre des Buches so schnell auf jeden Fall keiner mehr sprechen. Ich gehe davon aus, dass man sie von Grass Charakteren am schnellsten vergessen hat. Die Lektüre der 240 Seiten dieser Erzählung wird auf Dauer also sehr anstrengend, da man weder zu dem Sprecher noch zu dem Liebespaar eine Beziehung aufbaut, somit auch der „tragische“ Tod des Paares am Ende die Gleichgültigkeit der Erzählung beibehält, und somit dem Leser nicht weiter nahegeht.Die andere Hälfte dieser Erzählung darf man nicht verleugnen: ihren historischen, politischen Beitrag hat sie auf jeden Fall geleistet. Das zu belächeln, als überfällig abzutun, wäre mit Sicherheit falsch. Für mich kann dies jedoch bei der Beurteilung eines solchen Buches nicht überwiegen, wenn ich im Gegensatz die hier aufgeführten Mängel ebenso anbringen muss wie den in Teilen vorhandenen Bildungsfaktor dieser Erzählung. An manchen Stellen wird man sicher schmunzeln müssen, vielleicht auch gerade deswegen, weil die Ironie von Grass so untypisch und an manchen Stellen auch so unerwartet daherkommt. Doch sind dies in meinen Augen keine Argumente für das Gelingen dieses Buches, sondern vielmehr Argumente für die grundsätzliche Qualität des Erzählers und Dichters Günter Grass, der sich hier leider nicht in Bestform präsentiert.