Der Titel meiner Rezension ist nicht nur die Benennung eines der vielen Kapitel in Dostojewskis mehr als 1100 Seiten zählenden Spätwerk "Die Brüder Karamasow", sondern kann für den ganzen Roman als treffende Bezeichnung herangezogen werden.Dostojewski, Meister der psychologischen Analyse und gnadenlos realistischer Beleuchter gesellschaftlicher Missverhältnisse, versteht es diesmal seine Charakterzeichnung mit den Gebrüdern Karamasow vom frommen aber auch zweifelnden Gottesmann Aljoscha, dem hedonistischen, temperamentvollen, gleichwohl aber orientierungslosen Lebemann Mitja, dem nüchternen, atheistisch/agnostisch denkenden Iwan und nicht zu vergessen dem ewig zurückgesetzten, kreaturenhaften Smerdjakow reichen zu lassen und somit vier grundverschiedene Charaktere bis in ihr tiefstes Inneres zu zeichnen.Allen gemein ist die anonyme, fast gar nicht existente Beziehung zum gemeinsamen Vater Fjodor Pawlowitsch, einem zynisch-grausamen Possenreisser, der nur für seine eigenen Triebe lebt und sich nie um seine Abkömmlinge gekümmert hat.Um die junge, leichtlebige und entsprechend verrufene Gruschenka entsteht zwischen Mitja und seinem Vater eine bizarre Rivalität, da beide sie zur Frau nehmen wollen. Ein Streit der in einem mysteriösen, scheinbar aber offensichtlichen Verbrechen endet und schließlich in der von Dostojewski perfekt geschilderten behördlichen Untersuchung und dem nachfolgenden turbulenten Gerichtsprozess gipfelt.Daneben gibt es natürlich wieder, wie bei Dostojewski und der damaligen russischen Literatur üblich, wieder eine große Fülle an mehr oder weniger stark eingebundener und gezeichneten Nebenfiguren, die teils mit der Haupthandlung nicht viel zu tun haben und jeweils eigene Nebenhandlungen mit Leben erfüllen (Starez Sossima, die Familie des Stabshauptmanns a. d. Snegirjow u. a.).Christliche Fragen und der im Russland des Jahres 1880 sicherlich hochaktuelle Widerstreit zwischen christlichen Glaube und Gottesfeindlichkeit sind auch in diesem Buch, ähnlich stark wie in den "Dämonen" (aber hier aus einer stärkeren christlichen Sichtweise) vertreten. Die integrierte Novelle "Der Großinquisitor" und die Lebenserinnerungen des Vater Sossima dienen allein diesem Thema und verdrängen zeitweilig die Haupthandlung völlig. Dostojewskis anderem Lieblingsthema, die Schilderung sozialen Elends, ist mit der schwer geprüften Familie Snegirjow Genüge getan.Insgesamt versteht es Dostojewski wieder einmal relativ wenig Handlung kunstvoll und fast schon genüßlich durch sein vielgerühmtes erzählerisches Talent einschließlich teils grotesker, teils urkomische Wendungen und besagte tiefenpsychologische Untersuchungen in wirklich unterhaltsamer und erfüllender Weise in die Länge zu ziehen und dabei seinen Leser, augenzwinkernd, mitzunehmen und für das relativ lange Warten auf Mord und Totschlag zu entschädigen.Daher für das Werk wohlverdiente 5 Sterne.Zu bemängeln ist indessen die Ausgabe des Anaconda-Verlags hinsichtlich dem wenig ansprechenden aber immer gleichmäßigen Druckbild und einer deutlich Ansammlung von immer wieder vorkommenden Druckfehlern.Positiv ist immerhin, dass die obligatorischen französische Passagen immerhin unten auf der Seite mit einer kleine Fußnote übersetzt wurden.Personenverzeichnis, Zeittafeln, Anmerkungen usw. sucht man bei der Ausgabe dagegen vergebens.Für die vorliegende Ausgabe daher nur 3 Sterne, die ich aber nicht in die Gesamtbewertung einfliessen lassen möchte um keinen falschen Eindruck ob der Qualität des Romans zu erzeugen.