Unter uns gesagt: Privat würde ich Sibylle Bergs Romane, denen es so sehr an Glanz und Eleganz fehlt, dass es wehtut, nie lesen, und mehr als alle zehn Jahre mag ich mich auch beruflich („wissenschaftlich“) nicht mit ihren Texten auseinandersetzen, aber wenn, dann bleibt von ihren Texten etwas hängen. Vor allem von ihren Charakteren. Zum Beispiel von Toto. Hermaphrodit Jahrgang 1966, aus der DDR. Toto ist – ja, was? Toto kann nichts (außer singen), will nichts. Bei Toto reicht es nicht einmal für einen Nachnamen. Toto gleicht einem „fetten Engel“ (das Wort für „Putte“ ist Toto nicht geläufig). Wirklich: Toto ist ein Engel, der seine Umwelt mit der angeborenen Geduld, Güte, Milde und Willenlosigkeit in den Wahnsinn treibt, zu Aggressionen tendieren lässt und an den Mitmenschen die Schlechtigkeit der Welt exemplifiziert. Toto ist der Inbegriff der Überwindung des Schopenhauer‘schen Willens, an der die Welt, die ihn umgibt und malträtiert, zugrunde geht: Seine Heimleiterin – Totos Mutter erstickt an einer Fischgräte, einen Vater gab es nie (hören wir hier nicht ein Stück Heilsgeschichte in Plastik gehüllt?) – macht er zur Menschenhändlerin (sie erfährt poetische Gerechtigkeit für diese Untat, die jedoch in keiner Relation zu ihrer Tat steht, wie nichts jenseits von Toto in diesem Roman zu irgendwas in einem Verhältnis steht; alles ist extrem, vor allem extrem kaputt, sogar die Welt, die Erde, ganz zu schweigen von den menschlichen Verhältnissen und Beziehungen), auf den Pfarrer wirkt Toto provozierend, und diverse Figuren verweist Toto auf Totos latente Homosexualität, deren Toto sich anfangs nicht bewusst ist, mit dem Ergebnis, dass sie Toto aus ihrem Haus und Leben werfen bzw. ihn vernichten wollen. Vor allem Kasimir, von dem Toto als Kind im Heim als Einzigem Nähe erfuhr, nicht einmal Sex, sondern nur menschliche Nähe und körperliche Wärme, liegt Totos Untergang am Herzen. Kasimir und sein Asperger werden früh von einer Familie adoptiert, die in den Westen flieht, wo er sich vollkommen dem Mammon hingibt, Banker wird, BWL studiert und seinem Daybed-Fetischismus fröhnt. Der Zufall will es, dass Kasimir Toto vor seinem Haus auf der Straße wiederfindet (eine Straßenszene eher nach Brechts Geschmack denn Fausts erste Begegnung mit Gretchen bei Goethe). Hinter einem angeklebten Bart verborgen, lädt er Toto zu sich und überwacht und dirigiert von da ab Totos Leben nach Strich und Faden: Er lässt Toto eine Unterkunft zukommen (die Toto viele Mal wieder verlieren soll, die Wohnung als Motiv, ein Umzugsroman also) und einen Job in einer Bar, lässt Toto sich in Kambodscha fast mit einem Kind verloben, festnehmen, ins Gefängnis werfen, fast eine Niere spenden, fast im Gesang ausbilden, fast zugrunde gehen (klingen hier nicht – fast – Gretchentragödiemotive an?), bis Kasimir sich letztlich eingesteht, dass er homosexuell ist und nur leben kann, wenn er (aspergerrein)Toto zerstört. Dabei muss er feststellen, dass es Gefühle gibt, die seine eigenen Pläne vereiteln. Kasimirs Vernichtung seiner Emotionen bleiben Toto gegenüber großteils unausgesprochen, und im Roman geht’s danach in jeglicher Beziehung rasant abwärts. Die Umwelt ist komplett zerstört, die soziale Schere bis an ihr Ende gespreizt (es gibt nur noch Reiche in gated communities und Obdachlose in Styroporschlössern). Toto wird von der Polizei aufgegriffen (das Vergehen: Totos Erscheinung reizt die vom langweiligen Leben angeödete Polizistin Marie zu Aggressionen) und in einem Obdachlosenpflegeheim mit Leukämie diagnostiziert. Mit Medikamenten vollgepumpt, beginnt Toto wieder zu singen, und das Pflegepersonal ist so angetan, dass es Aufnahmen macht und nach Totos Dahinscheiden veröfftlicht – als großen Misserfolg. Ich weiß nicht, wieso, aber in dieser letzten Szene sehe ich Engel Toto gen Himmel schweben, als Faust des zweiten Teils der Tragödie ebenso wie als Gretchen am Ende des ersten Teils. Den Schlüssel zu dieser Wahrnehmung liefert Kasimir, als er sich die Wortwahl für seine große Abschlussrede zurechtlegt. Er ist der Geist, der stets verneint, der das Böse will und das Gute Totos dadurch nur noch umso mehr hervorhebt. Er benötigt Totos Untergang ebenso, wie Mephisto Fausts Verführung zum Leben bedarf, um sich, so denken sowohl Kasimir als auch Mephisto, von allem emanzipieren zu können, um frei und unabhängig zu sein. Wie sich beide doch täuschen! Auch scheint in Sibylle Bergs Roman die Trennung zwischen Gelehrten- und Gretchentragödie durch. Die Gelehrtentragödie wird zynisch durch Totos Aufwachsen und das Fehlen jeglicher nachhaltiger formaler Bildung (die Toto durch private Lektüre ersetzt) dargestellt und endet mit Totos illegaler Ausreise in den Westen durch die Hilfe westlicher Kommunisten (!). Die Gretchentragödie findet zwischen Toto als Zwitterwesen Faust/Gretchen und Kasimir/Mephistos selbstverleugnender Sexualität statt. Die Rahmenhandlung – Vorspiel auf dem Theater und Wette mit Gott – fehlt. Gott hat hier nichts zu sagen. Den Platz eines quasi-Gottes dagegen übernimmt die Erzählstimme. Sie ist allwissend, vorausdeutend, hässlich-direkt und zynisch bis ins Letzte. Von Anfang an weiß sie um Totos Ende, lässt Kasimir gen Ende einfach verschwinden (das Schlimmste, was einer Romanfigur passieren kann – ich Vergessenheit zu geraten!), und teilt das Erzählte in „Anfang“, „Mitte“ und „Ende“, deren jeweiliger Auftakt mit einem sozialhistorischen Überblicken beginnen, die dem Lesenden das Blut in den Adern gefrieren lassen. Als läse man die geballten negativen Tagesschau-Nachrichten mehrerer Dekaden auf jeweils drei bis sieben Seiten. Die Erzählstimme verdeutlicht von Anfang an, dass der Roman in Aussichtslosigkeit endet, jedwede Identifikation mit dem Romanpersonal unsinnig ist und am Ende nur Dreck, Elend, Gestank übrig bleiben werden. Vielen Dank für das Leben: Aus Kasimirs Sicht und der der Erzählstimme ein zynischer Kommentar. Aus Totos Sicht Ernsthaftigkeit.Was lernen wir von Toto? Dass nichts Wollen nicht vermarktungsfähig ist, nicht in die heutige Welt passt (wäre es in der DDR eine Tugend gewesen?), aber dass zugleich der einzige Wunsch, zu singen, vielleicht sogar zu lange am Leben erhalten hat.Was lernen wir von Kasimir? Genausowenig wie von Mephisto, der, ob er will oder nicht, von einer anderen Macht bestimmt ist, und es nichts hilft, dies zu verleugnen?Ich weiß es (noch) nicht.Vielen Dank für diese Roman, Frau Berg. Ich kaue noch eine Weile daran herum.Wir sehen uns dann in zehn Jahren!