Rezension des Buches „Der Überläufer“ von Siegfried Lenz, 4. Auflage 2016, Copyright © 2016 by Hoffmann und Campe Verlag, HamburgIm letzten Kriegssommer 1944 kam der Soldat Walter Proska, der aus dem masurischen Lyck stammte, zu einer kleinen Einheit an der Ostfront, die eine Zuglinie sichern sollte.Auf dem Weg zu seiner neuen Stellung fuhr der Zug mit Proska auf eine Mine, die die Partisanen dort installiert hatten. Die Lok flog in die Luft, ein glühender Strahl schloss aus ihrer Stirn, sie überschlug sich und stürzte den Abhang hinunter. Proska überlebte.Er wurde von einem anderen Soldaten gefunden und mit zu einer kleinen Einheit mit 6 Soldaten im Wald genommen. Sie hatten sich in einer Waldfestung in einem Holzhaus verschanzt und ihm den hübschen Namen„Waldfrieden“ gegeben. Ihre Aufgabe bestand darin, eine Zuglinie zu sichern und den Zugverkehr zu gewährleisten.Seine Zeit dort war geprägt von dem täglichen militärischen Schwachsinn: Der Korporal, ein Unteroffizier, war ein sadistisch-zynischer Menschenverächter, der schon einmal einen abziehenden Pfarrer hinterrücks erschossen hatte. Die Soldaten waren äußerst vorsichtig vor den Partisanen, die sich in den Wäldern versteckt hielten und kein Geheimnis preisgaben, wenn man sie einmal fing. Man konnte ihre Hand an auf einen Holzklotz legen und die Axt heben - sie verrieten nichts. Ein Kamerad starb, als er nach einem langen Marsch in heißer Sonne in ein Gewässer sprang und dort Abkühlung suchte; eine Maschinengewehrsalve der lauernden Partisanen traf ihn tödlich. Proska reparierte eine Telefonleitung, die die Partisanen durchgeschnitten haben, und traf dabei auf eine junge Frau, Wanda, mit der er zu einem Tümpel verschwand. Das und noch mehr waren die Geschichten, die das militärische Leben schrieb.Die Soldaten dachten über Krieg und Tod nach. Beides lauerte täglich in ihrer Nähe.Proska kam mit einem Kameraden von einem Kontrollgang zurück zur Festung. Plötzlich traten ein gutes Dutzend Zivilisten vor die Festung mit russischen Maschinenpistolen in ihren großen, gebräunten Händen. Sie hatten die anderen deutschen Soldaten der Festung gefangen genommen. Und zogen mit ihnen ab. Ein Alter führte das Kommando. Plötzlich erschien Wanda. Sie unterhielt sich mit ihm und sagt, er solle abhauen. Das tat Proska.Nachdem Proska einen Hügel hinuntergegangen war, trat ihm ein Zivilist entgegen und forderte ihn auf, seine Hände zu heben. Er schleppte ihn zu dem Russen Bogumil, ein Riese von Kerl. Der wollte von ihm nicht viel wissen und kritisierte die Haltung der deutschen Soldaten heftig. Plötzlich erschien sein Kamerad Wolfgang, der verschwunden war; keiner aus der Gruppe auf der Festung wusste, was aus ihm geworden war. Er war desertiert.Sie unterhalten sich. Wolfgang war fortgerannt, weil er es nicht mehr aushalten konnte bei ihnen. Sie als Einzelne hätte er ertragen können, aber sie als organisierte, pflichtbewusste Deutsche konnte er nicht ertragen. Er sei zu den Partisanen übergelaufen. Die brachten ihn zu einem Offizier. Der werde ihn voraussichtlich einsetzen.Er begründete sein Handeln damit, dass der untätige, der passive Pazifismus ein impotentes Gespenst sei. Wer nur immer sage: lch bin gegen den Krieg und es da bei bewenden ließe und nichts außerdem tue, damit der Krieg ausgerottet wird, der gehöre ins pazifistische Museum. Wir müssten zu einer Form des aktiven Pazifismus‘ kommen, zu einer gerade in diesem Fall sehr ernsten und rabiaten Handlungsbereitschaft. Mit Denkbemühungen allein sei nichts getan. Wolfgang sagte von sich, er sei ein Judas.Die Männer waren sich in diesem Gespräch nah. So nah, dass sie den anderen für sich selbst hätten nehmen können. Gute Kameraden halt. Proska sagte Wolfgang, sie würden zusammenbleiben. Er könne auf ihn rechnen. Und er solle beim nächsten Gespräch mit dem Offizier diesem sagen, dass Proska ihnen helfen werde, die „Klicke“ aus der Welt zu schaffen. Er solle auch ihm Aufträge geben. Auch Proska desertierte.Er erhiel Aufträge. Mit einem Offizier zusammen spielten sie Platten wie „Komm in meine Liebeslaube“ und „Alte Kameraden“ an der Front. Die Soldaten der 6. Armee stecken die Köpfe hoch. Danach forderte der Offizier sie per Lautsprecher auf, die Gewehre niederzulegen und sich zu ergeben. Nach einem Angriff der Deutschen mussten sie fliehen. Dabei wurde der Offizier erschossen.Das war das Leben, das die anderen auszuhalten hatten. Es war ebenso grau, um nichts besser. Allerdings hatten sie die Genugtuung, auf der richtigen Seite zu stehen.Während eines Auftrages traf er nochmals Wanda, die lange nach ihm gesucht und ihn dann gefunden hatte. Sie unterhielten sich und vereinbarten, in Kontakt miteinander zu bleiben.Dann erhielt er einen Sonderauftrag zusammen mit Wolfgang, der ihn in seine Heimat führte und zufällig an dem Haus seines Schwagers Rogalski vorbei kommen ließ. Proska hatte den Auftrag nur erhalten, weil er die Gegend sehr gut kannte. Ohne es zu wissen, erschoss er seinen Schwager. Auch Wolfgang starb dabei, was ihn zutiefst erschütterte. Er schleppte seine Schwester Maria mit zu einem Lastauto, auf das sie aufstieg und damit verschwand, ohne ihr zu sagen, was geschehen war und warum sie weg musste. Als er es ihr später in einem Brief erklären wollte, kam der Brief zurück mit dem Postvermerk: „Empfängerin unbekannt verzogen“.Dann lebte Proska in einem alten Haus in der sowjetisch besetzten Zone. Er hatte für die Russen gekämpft; sie wollten ihn jetzt in einem Amt haben zum Aufbau des Sozialismus‘ nach dem für die Deutschen verlorenen Krieg. Er wurde von den Russen in ein Amt eingesetzt.Eines Tages sah er der Einfahrt von Kriegsheimkehrern mit einem Zug zu. Dabei war auch sein alter Kamerad Zwiczosbirski aus seiner Zeit auf der „Festung“, auf den er zugehen und ihm die Hand zur Begrüßung reichen wollte. Dieser wich jedoch vor ihm zurück. Er reichte dem Deserteur Proska nicht die Hand.Die beklemmende Enge der totalitären Herrschaftsstrukturen in der damaligen Ostzone mit ihrem engmaschigen System von Bespitzelung, ideologischer Indoktri- nation und Bevormundung gefiel ihm nicht. Deswegen ging er eines Tages zum sowjetischen Oberst und wollte von ihm einiges wissen. Zum Beispiel, wo die Leute seiner Abteilung geblieben waren, die laufend verschwanden. Der Oberst beantwortete ihm seine Fragen nur pauschal und unbefriedigend. Er zog frustriert ab. In seiner Stammkneipe wurde er von einem Mitarbeiter gewarnt. Er müsse so schnell wie möglich abhauen; sie würden schon auf ihn warten. Er floh in den Westen.Zum Schluss folgen noch Kommentare mit einem Kapitel „Entstehung“, ein Kapitel über „Text und Fassungen“ und ein Kapitel „Zum Titel“.Dies Buch wurde erst 65 Jahre nach seiner Fertigstellung veröffentlicht. Der Autor Siegfried Lenz ist im Jahre 2014 verstorben. Das Buch fand sich in seinem Nachlass. Auf die Geschichte dazu stieß der Rezensent durch einen lesenswerten Artikel von Helmut Donat in Nrn. 2-3/16 der Blätter des Bundes der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands e. V. vom Juli 2016 „Doch noch ein Bestseller“ – Zum neuen Roman „Der Überläufer“ von Siegfried Lenz + sowie zu einigen damit zusammenhängenden Ungereimtheiten“. Dieser Artikel veranlasste den Rezensenten, dass Buch von Siegfried Lenz zu kaufen, zu lesen und zu rezensieren. Es hat sich gelohnt. Weil dies ein wichtiges Stück der Wirklichkeit der deutschen Nachkriegsliteratur nach dem Zweiten Weltkrieg widerspiegelt. Und weil es sich um ein gutes Stück deutscher Literatur handelt. Es ist erstaunlich, welch eine Qualität dies Buch eines gerade 25Jährigen bereits hatte.Der Roman wurde von Siegfried Lenz 1951 geschrieben. Er hätte 1952 veröffentlicht werden sollen. Der Verlag zog seine bereits gegebene Zusage aus politischen Gründen jedoch wieder zurück. Der Roman handelt von einem deutschen Soldaten, der sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs Partisanen und damit der Roten Armee anschloss.Otto Görner, einer der Gutachter und Lektoren bei Hoffmann und Campe, war zunächst Feuer und Flamme über das Buch und riet nach der ersten Lektüre zu Änderungen, „das Technische und Handwerkliche“ angehend. Nach der Wiedervorlage des Manuskriptes im Januar 1952 hatte sich der Wind gedreht und Görner verlangte von Lenz, sein Werk umzuarbeiten und hielt ihm zudem vor, ein solches Buch „hätte 1946 erscheinen können. Heute will es bekanntlich keiner gewesen sein“. Dann drohte er Lenz. Der war nicht zu substantiellen Änderungen und einer Verwässerung der Überläufer-Problematik bereit. Deswegen lehnte der Verlag das Erscheinen der Produktion ab. Lenz akzeptierte dies und der Roman verschwand in der Versenkung.Im zweiten Teil des Romans fallen zwei deutsche Wehrmachtssoldaten, die im Sommer 1944 an der Ostfront, die sich in Auflösung befindet, in die Hände von russischen Partisanen. Sie schließen sich deren Kampf gegen die deutschen Eindringlinge an. Weil ihnen ansonsten die Erschießung droht. Doch immer mehr sind die Beiden davon überzeugt, mit ihrem Kampf bei den Partisanen das Richtige zu tun. Wolfgang, genannt Milchbrötchen, überzeugt schließlich auch Walter Proska, den “Held“ der Geschichte, davon. Der „Herrenmensch“ verbrüdert sich im Nazi-Jargon mit jenem „Abschaum“, der alles tut, um die Welt vor den Faschisten zu retten. Dies alles war, so sagte der Verlag, 1951/52 im Unterschied zu 1956 „schädlich“. Dabei verkennt der Verlag, so Helmut Donat in seinem lesenswerten oben zitierten Artikel, dass es in der Bundesrepublik zu Beginn der 1950er Jahre noch eine große Mehrheit gab, die mit der von Adenauer plötzlich auf den Schild gehobenen Wiederbewaffnung nicht einverstanden war, was sich vorher bei Adenauer noch anders angehört hatte („Eher solle diese Hand verdorren, als dass sie wieder zu einer Waffe greifen würde“, sagte Adenauer noch ein paar Jahre vorher). Donat schreibt, dass viel dafür spricht, dass eine Veröffentlichung des Romans von Lenz damals von heftigen, massenwirksamen Diskussionen begleitet worden wäre. Dies wurde nicht gewollt. Wie auch der Roman „08/15“ von Hans Helmut Kirst 1954 zu heftigen Kontroversen geführt hatte und von dem damaligen Bundesminister Franz-Josef Strauß abgelehnt und zum Boykott des Buches aufgerufen wurde, dem viele Buchhandlungen folgten. Hoffmann und Campe wollte nicht anecken und ließ den Autor Siegfried Lenz im Stich.Zwischenzeitlich hat es in Deutschland einen grundlegenden Wandel der Mentalität zugunsten von Deserteuren oder „Wehrkraftzersetzern“ gegeben, die dem blutigen und mörderischen Wahnsinn die Gefolgschaft verweigerten, so der Autor Donat. Jetzt sucht der Verlag von der neuen Lage und dem Fortschritt zu profitieren, der er vor 65 Jahren behindert hat. Dazu passe, dass Günter Berg, vormals Lektor bei Hoffmann und Campe und nunmehr Vorsitzender der Siegfried-Lenz-Stiftung, in seinem Nachwort zu dem posthum erschienen Buch mit keinem Wort auf die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe eingeht, die zu der Veröffentlichung des Buches erst nach 65 Jahren erfolgten. Auch weist Donat darauf hin, dass der promovierte Germanist Otto Görner, ein Schüler des Nazi-Volkskundlers André Joller und Mitglied der SS, dem NS-Regime willfährig im Heimatwerk gedient hatte. Da sorgte also ein ehemaliger Vertreter der Waffen-SS im Hoffmann und Campe Verlag federführend dafür, den Antikriegsroman eines deutschen Autors und Deserteurs zur Strecke zu bringen. Das sind die Seilschaften, die in Deutschland nach dem Krieg unter der schützenden Hand von Konrad Adenauer so viel Unheil angerichtet und zu einer Remilitarisierung der jungen Bundesrepublik geführt haben. Auch der junge Siegfried Lenz war 1945 vor Ende des Krieges noch desertiert; er wusste also, wovon er schrieb.In den 1970er Jahren wollte man Siegfried Lenz das Bundesverdienstkreuz verleihen. Er lehnte die „Ehrung“ jedoch mit der Bemerkung ab, Bürger einer Hansestadt zu sein, die sich mit Orden nicht schmücke. Der wahre Grund jedoch sei gewesen – wie Günter Grass dies in den Lübecker Nachrichten vom 8. Oktober 2014 versicherte -, dass viele ehemalige Nazis den Orden erhalten hatten. Darunter wollte er sich nicht einreihen.Nur wenige Soldaten haben den Schritt zur Desertion getan. Weil dazu ein besonderer Mut gehörte. Wer das tat, begab sich nicht nur in Gefahr; er verließ nicht einfach einen Graben, sondern er wandte sich auch dagegen, seinem „Vaterland“ weiter zu dienen. Damit brach er die Verbindung zu seinem Heimatland ab, ohne zu wissen, was die Zukunft für ihn bereithalten würde. Es war ein Weg ins Ungewisse. Wer desertierte oder die Partisanen unterstützte, darf laut Helmut Donat mit Fug und Recht als vorbildhaft bezeichnet werden, zumal das Kaiserreich wie das Dritte Reich keinen Verteidigungskrieg, sondern einen Eroberungskrieg führten. Lenz hatte den Krieg satt, hasste ihn und war sich zu schade, als Kanonenfutter verheizt zu werden.Die Mehrheit der Soldaten hatte nicht die Kraft zum Desertieren. Deswegen grenzten sie die Deserteure ebenso aus wie die Emigranten, die aus politischen Gründen ins Ausland gegangenen waren und sich damit der Nazi-Barbarei entzogen hatten. Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, der in der Verfolgung seiner politischen Ziele ziemlich brutal war, grenzte sie aus, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Wie zum Bespiel bei seinem politischen Gegner Willy Brandt, den er verbal gnadenlos verfolgt hatte. Deswegen ist es für den älteren Beobachter, der die Entwicklung der Bundesrepublik kritisch verfolgen konnte, nachvollziehbar, dass dieser lesenswerte Roman erst nach 65 Jahren veröffentlicht werden konnte.Ich habe das Buch von Siegfried Lenz 65 Jahre nach seiner Fertigstellung mit großem Interesse gelesen. Mich haben Form und Inhalt des Buches angesprochen. Der Autor schreibt interessant und spannend. Die Geschichte geht zu Herzen. Es ist ein wichtiges Buch, weil es – auch mit seiner späten Veröffentlichung - die unrühmliche Geschichte der deutschen Nachkriegsliteratur darstellt, in der die Seilschaften der Nazis schnell wieder das Sagen hatten und fortschrittliche Ideen, wie zum Beispiel das „Desertieren“, von Anfang an im Keim zu ersticken versuchten. Ich kann dieses Buch des großen deutschen Schriftstellers Siegfried Lenz uneingeschränkt und bestens zur Lektüre empfehlen.Nachlass von Siegfried LenzDas grausam-lächerliche AbenteuerErinnerungen, schwer wie Zuckersäcke: Im meisterlichen Roman „Der Überläufer“ schildert Siegfried Lenz den Krieg an der Ostfront. Erst jetzt erscheint das 1952 geschriebene Buch aus dem Nachlass.03.03.2016, von Friedmar ApelDer Lektor hat immer recht, schrieb augenzwinkernd einmal Stephen King, wohl wissend, dass ein erfolgreicher Autor die Kritik seines ersten Lesers nicht nur souverän ertragen, sondern auch schadlos abweisen kann. Zu Beginn einer literarischen Karriere aber ist das Verhältnis zwischen Autor und Lektor heikel. Dem Ideal zufolge stellt der Lektor seine Fähigkeiten selbstlos in den Dienst der Absicht des Autors, in Wahrheit hat er mit dem Verlagsvertrag im Rücken genügend Macht, bewusst oder unbewusst eigene ästhetische oder gar weltanschauliche Vorstellungen zur Geltung zu bringen. Nicht selten führt das zu Konflikten, manchmal zum Desaster.So im Fall des jungen Siegfried Lenz. Nach der positiven Resonanz auf seinen Erstling „Es waren Habichte in der Luft“ hatte Lenz 1951 bei Hoffmann und Campe einen Vertrag über einen weiteren Roman unterzeichnet, der zunächst den Titel „Da gibt’s ein Wiedersehen“ trug. Bereits im November wurde das Buch in einer Sammelbesprechung von Texten über den Ostkrieg von Paul Hühnerfeld lobend erwähnt. Als Lektor wurde Lenz der promovierte Germanist Otto Görner zugewiesen. Auch der zeigte sich zunächst beeindruckt von der Geschichte, die „den Leser im Genick packt“. Nach einem Gespräch im Verlag übersandte er Änderungsvorschläge, „das Technische und Handwerkliche“ betreffend. Lenz ging sogleich an die Überarbeitung und legte das Manuskript im Januar 1952 abermals vor, nun mit dem Titel „Der Überläufer“.Eine ziemlich dubiose FigurIn einem Gutachten für den Verlag, dessen Inhalt Görner dem Schriftsteller in Briefform mitteilte, änderte der Lektor seine Bewertung grundlegend. In einem unangenehm autoritären Ton und gespickt mit Vorwürfen stellte er das Erscheinen des Romans in der vorliegenden Form grundsätzlich in Frage. Ein Roman mit diesem Titel „hätte 1946 erscheinen können. Heute will es bekanntlich keiner mehr gewesen sein . . . Sie können sich maßlos schaden, da helfen Ihnen auch Ihre guten Beziehungen zu Presse und Funk nicht.“ Entsprechend forderte er substantielle Änderungen beim Stoff und bei der Figurenkonstellation, die auf eine Entschärfung der Überläufer-Problematik hinausliefen. Schließlich wird dem jungen Autor in einer merkwürdig linkischen Formulierung gar gedroht: „Erwägen Sie nicht etwa eine wütende Geste zu machen und ein neues Buch schreiben zu wollen.“Der Verlag wusste vermutlich damals und weiß es offenbar bis heute nicht, dass Otto Görner eine ziemlich dubiose Figur war. Er hatte in Leipzig bei dem Nazi-Volkskundler André Jolles studiert, seine akademische Karriere war aber an der Habilitation gescheitert. Görner trat der SS bei und diente dem Regime unter anderem im Heimatwerk. Nach dem Krieg setzte er sich in den Westen ab und schlug sich mit freier Tätigkeit für Verlage durch.Die Landschaft als Projektionsraum des MenschlichenDer Antwortbrief zeigt den jungen Siegfried Lenz schon als den feinen Menschen, als der er zeitlebens wahrgenommen wurde. Er bedankt sich für die Bemühungen, weist aber die Unterstellungen Görners wie auch dessen Vorschläge zur Umarbeitung in sachlichem Ton entschieden zurück. An der Figur seines Helden habe er bereits zu viel geändert. Jedoch bezeichnet er den Text dann selbst als missglückt und schließt: „Vielleicht werde ich Ihnen in zwei oder drei Jahren ein neues Manuskript zeigen dürfen, ein Manuskript, das besser und ein wenig reifer ist.“ Das geschah nicht, jedoch hat Lenz den Text der überarbeiteten Fassung zeitlebens aufbewahrt. Er fand sich in den Materialien, die der Schriftsteller kurz vor seinem Tod 2014 dem Literaturarchiv in Marbach übergeben hatte.
über die letzten zwei oder eineinhalb Jahre des Krieges.Der junge Soldat Walter Proska kehrt zurück an die Front. Er lebt in Masuren, in Osten. Man hört schon die andere Seite, es wird nicht lange dauern, bis der Krieg zu Ende ist.Doch, jeder Tag zählt, jede Stunde, jede Minute oder Sekunde.Proska kommt nich zu seiner Einheit, er bleibt in den Sümpfen von Rokitno, steckt fest. Eine kleine Schar von Soldaten hält noch die Position. Jede Nacht muss man die Bahnstrecke überwachen, immer weniger werden es.Da kann der grobe Unteroffizier, eigentlich der Korporal, Willi Stehauf noch so viel schwadronieren, laut sein (nicht ungefährlich), seine Soldaten wollen einfach nicht mehr. Können es nicht.Der "Feind" ist überall, das sind die Einheimischen, die nicht zu verlieren haben.Proska macht zwar, was man ihm sagt, doch seit er Wanda gesehen hat (die zu de Partisanen gehört), hat er immer mehr Zweifel.Wenn er mit dem jungen Kollegen Wolfgang sprich, den alle nur "Milchbröchen" nennen, hört er Sympathie für die "andere Seite".Wenn der ältere Soldat Zwiczowsbirski (Zwicko), der schlecht Deutsch spricht, mit einem Hecht kämpft, ist das so real wie das Ersch*** eines jungen Zivilisten.Sie sind sowieso allein hier, in der Stadt gibt es keine Soldaten mehr. Als die Einheimische kommen, werden alle gefangengenommen. Wolfgang und Proska überleben, nein, sie unterschreiben, von nun an gehören sie zu den "Anderen".Der Krieg geht weiter. Sinnlos. Proska kommt zu dem Haus seiner Schwester Maria, ihr Mann Felix Rogolski wird erschossen.Der Krieg geht zu Ende. Proska wird ein "Beamter". Er lebt in einem Haus, jeden Tag erwartet er, dass die Eigentümer zurückkommen. Sie sind verschwunden, täglich veschwindenviele Menschen.Für die andere Seite ist es noch nicht zu Ende...nur kommt der Klassenkampf. Und Proska mittendrin, ein Mann, der keine Schulungen besucht, der Briefe an Wanda schreibt, eine Antwort bekommt er nicht.Ein Mann, der mit dem Oberst Swedrlow spricht, der jetzt weiß, für ihn gibt es hier nur einen Ausweg.FAZIT:Das Buch, eigentlich der zweite Roman von den Ausnahmeschriftsteller Siegfried Lenz, erschien erst nach seinem Tod. 1951/52 hat Lenz ihn geschrieben. Der Verlag meinte, es sei ein Werk, dass in diese Zeit nicht passt. Lenz bekommt das Geld, er sollte aus dem Roman eine Novelle "machen", stark überarbeiten. Er hat es NIE getan.Die Figur Walter Proska soll autobiographische Züge haben. Proska und Lenz stammen aus Sybba bei Lyck. Auch Lenz hat seine Einheit verlassen.Ein Überläufer? Wer war das in den letzten Monaten des Krieges? Proska hat sich der anderer Seite angeschlossen, weil er leben wollte (möglich), weil er mit Wanda zusammensein wollte (auch möglich), aus politischen Gründen (eher nicht...). Proska war/ist ein einfacher Mann mit Prinzipien, die er nach und nach verliert, verloren hat er längst eine Heimat, seine Verwandte, seine Ruhe. Er kann nicht schlafen, auch nach dem Krieg nicht. Die Toten sind zu laut!War er ein Verräter? Wenn man das Buch liest, erfährt man vieles, eine einfache Antwort bekommt man von Lenz nicht.War er ein aufrechter Mann? Auch das wird nur angedeutet.Er war ein Mann, der nicht mehr kämpfen will, sen Gewissen und die Pflicht sind/waren ihm beide im Wege.Er ist/war ein Mann, der lieben könnte, ein Kamerad, der treu sein könnte, ein Beamter, der seine Aufgaben eher schlecht als recht gemacht hat.Proska ist ein Soldat wie Tausende..., der sehr lange, zu lange an der Front war, der zu viel gesehen hat, der sich das Leben in Frieden nicht mehr vorstellen konnte.Erst nach Jahren hat er die Mut (ja, das wäre auch ein Wort/Begriff) etwas zu bewegen. Ein Neubeginn? Vielleicht?Unbedingt lesen, bitte, lässt ihre Fantasie freien Lauf. Es lohnt sich!Lenz ist einer, den ich immer mochte, seine Bücher (übersetzt oder auf Deustch) sind in meiner Nähe...ich kann sie lesen und entdecke etwas NEUES. Das Buch ist eine Entdeckung!