Alex Capus, 1961 in Frankreich geboren, ist Schweitzer. Er hat in Basel Geschichte und Philosophie studiert und war journalistisch tätig. Sein erster Roman „Munzinger Pascha“ portraitiert einen Abenteurer, Schweizer wie er, der auch in der vorliegenden Sammlung von Reportagen als Kumpan von Ferdinand Hassler Erwähnung findet. Capus Sache sind die unwahrscheinlichen Geschichten, Lebensläufe von zwar pfiffigen und immer unternehmend-neugierigen Menschen, denen aber ein solches Leben, wie es sich dann ergibt, an der Wiege nicht gesungen worden ist. Meistens sind es Menschen, die hinaus in die Welt gegangen sind , immer weiter gezogen manchmal über viele Kontinente, gewonnen und verloren haben, um irgendwann verarmt und vergessen oder begütert und ruhmvoll ihr Leben zu beenden. Vielleicht in der Schweiz. Dann aus der Schweiz kommen sie alle zumindest in diesem Buch. Die Schweiz mit ihren Schönheiten und ihrer Enge ist für nicht wenige Landsleute offenbar auf Dauer nicht auszuhalten, den überproportional viele junge Männer, aber auch Frauen, verlassen sie beizeiten und dienen der übrigen Welt als Lehrer, Soldaten, Ingenieure, Landvermesser, Sklavenhändler und Eroberer ferner Reiche. Deshalb mutmaßt Capus in seinem Vorwort, dass Christoph Kolumbus eigentlich Schweizer gewesen sein müsste, nur ganz sicher ist er sich nicht. Er war es bekannter Massen nicht, aber zum Ehren-Schweitzer hätte man ihn schon ernennen können. Alle zwölf Geschichten, die Lebensberichte sind, lesen sich gut und flüssig. Sie sind vermutlich sauber recherchiert, mit berechnendem Understatement erzählt und beziehen ihre Wirkung vorwiegend aus den schier unglaublichen Vorkommnissen und der Unverdrossenheit ihrer Protagonisten. Sie sind oft so schräg, dass sie der Realität entstammen müssen, den Fiktion wäre zu solchen Leistungen kaum fähig. Man sollte sie nicht hintereinander und am Stück lesen, denn das ermüdet wie ein dreistündiger Circus. Liest man sie aber einzeln mi Pausen, kann von Monotonie keine Rede sein. Capus bereichert die in groben Zügen uns bekannte Geschichte um Personenschicksale, Zivil- und Alltagsgeschichte wie sie bei der Abhandlung des großen politischen Spiels zu leicht in Vergessenheit gerät. Nicht nur viele Schweitzer haben aus ihr herausgedrängt. Überhaupt hat die Mobilität zumindest eines nicht unerheblichen Teils der Menschen ein kaum vorstellbares Maß gehabt und ist also keine neue Erfindung. Dass der Hochadel, hohe Militärs und große Künstler im 18.Jahrhundert polyglott und international unterwegs und in Diensten waren, ist uns noch geläufig. Dass aber auch ein Soldatenweib, später Generalsgattin, wie Regula Engel im Zuge der nach-revolutionären Wirren und napoleonischen Feldzüge um die halbe Welt gekommen ist, einundzwanzig Kinder geboren, die meisten verloren, teils weil sie mitgekämpft und gefallen sind, dabei dreiundachtzig geworden und ihre Memoiren geschrieben, um ihre karge Witwenrente aufzubessern, so etwas lässt man sich gern erzählen. Und so geht es weiter. Vielleicht nicht immer so spektakulär, aber doch mehr oder weniger. Capus komponiert das sehr gut zusammen. Natürlich besteht bei einer solchen Kompilation ein bisschen die Gefahr, ein Monstrositäten-Kabinett zusammenzustellen. Aber Capus meistert diese Gefahr recht gut. Er bedient keineswegs nur unsere Schau- und Sensationslust. Es ist eine literarische Erfahrung unserer existentiellen Situation im Brennspiegel einer Sicht auf vergangene, unbarmherzige Zeiten, die noch keine Selbstoptimierungs-Apps und Traumatherapien auf Krankenkasse kannten. Ein unterhaltsames Buch, das auch nachdenklich macht und tiefer reicht als auf den ersten Blick erkennbar.