Nachdem ich nun alle fünf Bücher gelesen habe, kann ich nur sagen es wäre schön, wenn es mehr Schriftsteller gäbe, die in einem so guten Stil, einer so gute Sprache schrieben, ohne langweilig zu sein. Sowohl die Charaktere werden genauestens ausgearbeitet, wie auch Umstände oder Umgebungen. Diese fünf Bücher waren für mich eine große Freude.
Sussex und London, 1956 – 1958: Kenner*innen der Reihe begleiten die großbürgerliche britische Holzhändlerfamilie Cazalet schon seit vielen Jahren. Die Geschichte um Brig, seine Frau Duchy und ihre zahlreichen Nachkommen hat im Jahr 1937 begonnen. Da war der Stammbaum noch vergleichsweise übersichtlich. In den vorigen Bänden haben wir miterlebt, wie sich der Zweite Weltkrieg auf Soldaten, Zivilisten und die Firma ausgewirkt und wie sich die Gesellschaft verändert hat.Im fünften und letzten Band sind wir im Jahr 1956 angekommen. Wer als Leser jetzt erst in die Reihe einsteigt, hat schlechte Karten: Viele in der Großfamilie sind zum zweiten Mal verheiratet. Es gibt „meine, deine, unsere“ Kinder und solche außerhalb der Ehe. Freunde, Bedienstete, Geliebte, Schwäger*innen, Cousins und Cousinen sowie eine unüberschaubare Anzahl von (Ur-)Enkel*innen bevölkern den Roman. Auch wer die Reihe von Anfang an verfolgt hat, muss öfter mal im Stammbaum nachsehen, welche Nebenfigur zu wem gehört. Den „Hauptcast“ – die vier Cazalet-Geschwister sowie die drei Cousinen Louise, Polly und Clary hat man noch im Griff, aber darüber hinaus wird’s schwierig.DIE SÖHNE UND DIE TOCHTER* HUGH CAZALET (geb. 1896), der älteste Bruder, ist jetzt der Firmenchef, verwitwet und in zweiter Ehe mit der patenten Jemima verheiratet. Eigentlich ist er kein Geschäftsmann, er ist in diese Rolle hineingezwungen worden. Weil er nicht genau weiß, was er tut, macht er sicherheitshalber alles so wie sein Vater früher. Dass man etwas ändern muss, um konkurrenzfähig zu bleiben, ist ihm nicht bewusst und er ist leider völlig beratungsresistent.* EDWARD CAZALET (geb. 1897), geschieden von Viola, verheiratet mit Diana, versucht vergeblich, seinem Bruder einen Firmenverkauf oder die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft schmackhaft zu machen. Ihm ist klar, dass sie auf den Bankrott zusteuern, wenn sie nicht mit der Zeit gehen. Leider ist Edward eine feige Socke und knickt bei den ersten Widerworten ein. Hugh ist ohnehin nicht gut auf ihn zu sprechen. Er verübelt ihm die Scheidung von Viola und die Heirat mit der vulgären Diana. (...)DIE ENKELGENERATION* LOUISE (geb. 1923), geschieden und als Schauspielerin gescheitert, verplempert ihr Leben mit schlecht bezahlten Fotomodell-Jobs und den falschen Männern. Ein Jammer! Die Frau ist so klug, aber nichts, was macht, hat Zukunft. (...)Auch der Rest der Sippe kriegt weder Liebesleben noch Finanzen zufriedenstellend geregelt. Bei manchen fragt man sich, ob sie abgebrüht sind, naiv oder nur den Schuss nicht gehört haben. Neville und Juliet mögen, genau wie die Leserschaft, den Überblick über den Stammbaum verloren haben, in dem Onkeln und Tanten jünger sind als Neffen und Nichten und sich alle in einer Altersklasse der Einfachheit halber als Cousins und Cousinen bezeichnen – aber in welcher Welt wäre eine Ehe zwischen ihnen beiden legal? Die Reaktionen der Familie auf dieses Ansinnen fallen überraschend lauwarm aus ...Während sich die älteren Cazalets im Glanz vergangener Zeiten sonnen und verdrängen, dass sich seit dem Krieg vieles geändert hat, bricht ihr Firmenimperium zusammen Nein, in diesen Zeiten reicht es nicht mehr, in privilegierte Verhältnisse hineingeboren worden zu sein. Wenn man alles schleifen lässt und nicht für schlechte Zeiten vorsorgt, steht man irgendwann da im kurzen Hemd. Tja. Und in der Krise zeigt sich dann der Charakter ...Ich hatte das Gefühl, dass es für die Firma besser gewesen wäre, wenn nicht die Brüder sie geleitet hätten, sondern ihre Frauen. Aber die Zeiten waren nicht danach. Ob’s die folgenden Generationen besser hinkriegen? Hm ... sieht irgendwie nicht danach aus.DIE NEUE ZEIT ist nicht mehr ganz so packend wie die vorigen Bände. Es ist das Alterswerk der Autorin. Sie war hochbetagt, als sie es schrieb. Und sie stand vor der Herausforderung, all die offenen Handlungsstränge zu einem zufriedenstellenden Abschluss zu bringen. Bei dieser Fülle an Romanfiguren ist das fast nicht zu machen. Was aus der einen oder anderen Nebenfigur geworden ist, hätte mich schon interessiert.Den einen hätte ich mehr Glück gegönnt, den anderen einen noch kräftigeren Dämpfer, und bei manchen hatte ich das Gefühl, sie handeln in diesem Band völlig uncharakteristisch. Aber das Gemecker kennen wir ja von GAME OF THRONES. Wann immer eine beliebte Serie zu Ende geht, bleibt Publikum zurück, das manches lieber anders gehabt hätte. Wie dem auch sei: Die Handlung der Reihe war nicht immer spektakulär, aber ich habe stets gern bei den Cazalets über den Gartenzaun geschaut.