Mit seinem Abenteuerroman »Donoso Cortés« schließt Carl Schmitt an vergleichbare Romane von Karl May an, etwa »Durchs wilde Kurdistan« oder »Im Reich des silbernen Löwen«, die er in seiner Jugend verschlungen hat. Donoso Cortés ist eine Art Zorro, als dessen Peitsche seine scharfe Zunge dient. Er taucht überall auf, wo der Welt nach seiner Meinung Gefahr droht und versucht die Leute mit seiner messerscharfen Rede wieder auf den rechten Pfad zu bringen, welches aber tragischerwiese oder glücklichweise, je nach Standpunkt des Lesers, scheitert.Spanien, Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Wie ganz Europa steht auch die iberische Halbinsel unter dem Schock der Achtundvierziger-Umtriebe, bei denen Idealisten und selbsternannte Freiheitskämpfer, aber auch hergelaufener Pöbel, Räuber und Mörder das Volk in Angst und Schrecken versetzten. Ähnlich wie sein Vorbild Karl May versteht es Carl Schmitt überzeugend, vom ersten Satz an eine katastrophische Atmosphäre zu erzeugen, welche die Handlung sofort rasant in Fahrt bringt. Während Karl May in seinen Romanen mit einem humorigen Untergrund arbeitet, muß es bei Carl Schmitt immerzu eine künstliche Hochspannung sein. Außerhalb katastrophischer Antinomien fühlt sich dieser Autor nicht wohl. Mit der Dämmerschoppengemütlichkeit eines imaginären Abends am Lagerfeuer, wie wir ihn bei Karl May ebensogern erleben wie bei Reinhard Mey, kann Carl Schmitt nichts anfangen. Er langweilt sich schnell, wenn es nicht um Letzte Dinge geht. Während Karl May in der Sekurität des neunzehnten Jahrhunderts aufwuchs, haben wir in Carl Schmitt einen vom Weltkrieg traumatisierten Autor vor uns. Er wird nie wieder zur Ruhe finden.Dabei will er auch noch liebgehabt werden. Während Karl May in Old Shatterhand ein Bild von dem Mann zeichnet, der er gern gewesen wäre, und in den er sich nun spiegelt, einen Faust-, Maulhelden und Draufgänger, (oft ist man auch an einen Pfadfinderjungen erinnert, der sein erstes Romänchen schreibt), verhält sich die Sache bei Carl Schmitt leider etwas komplizierter und tragischer. Einerseits läßt Schmitt seinen Helden Donoso Cortés durchaus martialisch auftreten, andererseits verlangt er für ihn und für sich selbst zärtliche Ehrfurcht und schreckt sogar vor Wehleidigkeit nicht zurück. Wenn man Passagen wie die folgende liest, darf man nicht vergessen, daß der Autor nicht nur von seinem Protagonisten, sondern vor allem von sich selbst spricht:»Aber der furchtbare, oft teuflische Haß, der sich gegen diesen gütigen und zartfühlenden Menschen auch heute noch richtet, hat offenbar tiefere metaphysische Gründe. Er hängt gerade mit der Rationalität seines Wesens zusammen. Dem Geschmack der Zeit hätte es mehr entsprochen, wenn die erschütternden Dinge, die der Spanier zu sagen hatte, aus dem Munde eines Romantikers und eines Irrationalen gekommen würden.«In dieser Textpassage aus dem Juni 1950 kommt Carl Schmitts weinerliche Art dieser Zeit besonders peinlich zum Durchbruch. Jahrzehntelang hat er seine Leser intellektuell und bildungsmäßig überfordert, und nun wundert er sich, daß sie ihn aus dem Wissenschaftsbetrieb hinausgeschmissen haben.Leider verfügen die anderen vier Textteile der obskuren Ausgabe, die einem in die Hände gefallen ist, nicht über eine Datierung, obgleich diese für das Verständnis des Romans unabdingbar wäre. Meine Ausgabe ist etwas größer als ein Reclam-Heft, feldgrau, und der Verlag nennt sich Peiran Verlag, Plettenberg; von diesem Verlag findet sich nur noch ein einziges Büchl im Internet, Schmitts weinerliche Autobiographie Ex Captivitate Salus. Die ganze aus zwei Büchln bestehende Reihe nennt sich ziemlich großspurig: Dokumente der Konterrevolution, aber wie das mit der Konterrevolution in Deutschland eben so ist, sie wird hin und wieder einmal angekündigt, findet aber nie statt. So soll es sich ja auch mit der von Helmut Kohl angekündigten »Wende« Anfang der achtziger Jahre verhalten haben.Karl May nennt seine Winnetou-Romane jeweils »Eine Reiseerzählung«, und dies wäre auch eine passende Gattungsbezeichnung für Schmitts Roman vom tragischen Helden Donoso Cortés. Wie es sich für einen Abenteurroman gehört, fängt die Geschichte in Spanien an. Bald aber schon wird dem Romancier die iberische Halbinsel zu eng, und er begleitet seinen Protagonisten an den Hof des französischen Bald-Kaisers Napoléon III. und seiner schönen Frau Eugénie, die ja ebenfalls aus Spanien kommt. Richtig spannend für uns deutsche Leser wird es aber erst, als Schmitt auf die Idee kommt, Donoso Cortés nach Berlin reisen zu lassen. Hier zeigt er sich wiederum als echter Nachfahre von Karl May, der seinen Winnetou ja ebenfalls auf Deutschland-Tournee schickt.Leser, die den Rest der Welt allzu gern als erratischen rechten Block sehen, vorzugsweise unter der Bezeichnung »Faschismus«, lernen im Kapitel über Cortés Berlin-Aufenthalt, daß die Wirklichkeit sehr viel differenzierter ist, als sie sich gedacht haben. Wie zu erwarten, gefällt es dem feurigen Spanier in der preußischen Hauptstadt ganz und gar nicht. »Der katholische Royalismus romanischer Art, das dynastische Gefühl evangelischer Preußen, die Verbindung russischer Orthodoxie mit dem Zarismus waren drei religiös und national verschiedenartige konservative Mächte, welche niemals eine so homogene Einheit bilden konnten wie die internationale Revolution, deren Rationalismus die traditionellen Hemmungen mit mechanischer Einfachheit vernichtete.«Obwohl Donoso Cortés keinen echten Glauben mehr aufzubringen vermag, empfiehlt er die katholische Diktatur, weil er weiß, daß alles andere nur viel schlimmer sein kann.Kein Wunder, daß Donoso Cortés der Idee einer deutschen Einheit mit Ablehnung und Grauen gegenübersteht. Daß sich die inhumane und mechanistische Gleichschaltung, die von Deutschland ausgehend Europa zerstören sollte, nicht im Gewandt einer, wie von Cortés befürchtet, proletarischen Revolution, sondern als liberalistische Wirtschaftsvergottung abspielen sollte, hätte für ihn, der die linke Bewegung ebenso bekämpfte wie den Liberalismus, keinen Unterschied gemacht.