Von den ersten sechs Reacher-Romanen (mehr habe ich noch nicht gelesen) des (inzwischen in den USA lebenden) Briten Lee Child ist dieser (Nr. 5) der beste! Trotz des ruhigen Erzählstils des Autors wird man von der ersten Seite an in eine packende, aber auch atmosphärisch dichte Handlung geworfen, die einen bis zum Ende nicht mehr loslässt - mit einem Mix aus Wendungen, Überraschungen und erfüllten Erwartungshaltungen.(Übrigens: Natürlich muss man die in sich vollkommen abgeschlossenen Reacher-Romane nicht in der chronologischen Reihenfolge lesen, es macht aber Spaß, da sich der Autor - und ein bisschen auch der Protagonist - weiterentwickeln).Dieser Thriller setzt den coolen Tramp und Ex-Militärpolizisten Jack Reacher, einen für die heutige Zeit ungewöhnlichen Helden, da in seiner gradlinigen, von klaren, aber toleranten Wertmaßstäben geprägten unneurotischen, knallharten, aber hilfsbereiten Art eher ein Old-Fashion-Guy (Gary Cooper trifft Charles Bronson trifft Sherlock Holmes) in einen Plot, der den Finger in die offene Wunde gesellschaftlicher Probleme im Süden der USA (Texas wird wirklich lebendig) legt. Rassenvorurteile gegenüber Mexikanern, unterdrückte Frauen, eine Welt voller Machismo und Selbstgefälligkeit. Und ein Gespinst an Lügen, das Reacher, der einer misshandelten Frau helfen will, entwirren muss. Wer noch nie einen Reacher-Roman gelesen hat, muss sich die Reihe so vorstellen, als wenn die unrealistisch ritterliche Figur eines harten Mickey-Spillane-Typs (Mike Hammer ohne Frauen-, Alkohol- und Kommunistenproblem) mit dem detektivischen Spürsinn eines Sherlock Holmes und dem selbstsicheren Auftreten eines netteren John Wayne in eine realistischere, komplexe, moderne Welt gestellt wird. Ein Roman, an den man sich schon wegen des atmosphärischen Ambientes und der gut gestalteten Figuren noch lange erinnern kann, obwohl man ihn (trotz seines Detailreichtums nicht nur in den Landschaftsbeschreibungen) wahrscheinlich in kurzer Zeit verschlungen hat.