Ein schlagfertiges, ruppiges, intelligentes Buch, so wird DIE ZEIT auf dem Klappentext zitiert. Dieses Urteil finde ich weitgehend zutreffend.Ich bin der Meinung, dass jede Handlung, auch wenn sie aus sich heraus sogar langweilig sein mag, zu einem lesenswerten Buch werden kann, wenn die Sprache gut ist.Zehs Sprache ist toll, außerordentlich und auffällig in ihrer Perfektion. Allerdings gereicht sie dem Buch auch phasenweise zum Nachteil, nämlich immer dann, wenn die Pferde mit ihr durchgehen. Z.B: Die gleiche Botschaft, wie sie auch in den Spiralmustern entstehender Schlagsahne unter dem Rührgerät, in der Anordnung von Satellitenschüsseln an Häuserfronten und in Stadtplänen europäischer Großstädte zu lesen ist. (S. 81) Oder: Hinter ihrem Rücken befindet sich das Eckhaus, in dem der Dichter geboren wurde, oder, weil hier Wien ist, wahrscheinlich starb, und ich fand schon immer, dass sich im Erdgeschoss eines solchen Hauses ein kleines Ladencafe befinden müsste, und bin wieder überrascht, dass dort nichts dergleichen ist. (S 207/208) Oder: Die Schuppentür klingt wie ein ganzer Frühlingswald voller Vögel. Drei Wochen lang hat niemand sie in den Angeln bewegt, jetzt mache ich sie nur zum Spaß ein paar Mal auf und zu und lausche dem Gezwitscher, wobei ich hellgrünes Gras vor mir sehe und leicht bewegte Wasserflächen im Sonnenlicht, aus tausend Silberplättchen zusammengesetzt. (S. 347). Das Buch ist voll von solchen Metaphern und Beschreibungen, manche davon sind schön zu lesen, passen, wie letztere, auch zum Permanentrausch des Erzählers, aber es sind auch Stellen dabei, die das Buch unnötig in die Länge ziehen und die Handlung nicht vorantreiben. Manchmal wirkt das so, als ob die Autorin sich in überbordender Sprachfantasie zwischen mehreren guten Formulierungen nicht entscheiden konnte und dann alle aneinandergereiht hat.Zur Handlung: Max will sich zu Tode koksen, weil er meint, ohne Jessie, magersüchtig und krank an der Seele, nicht leben zu können, dabei konnte er das zwölf Jahre lang, und mit ihr funktionierte es nicht. Erst konnte er Jessie nicht helfen, und nun sich selbst nicht. Clara möchte seine Geschichte für ihre Diplomarbeit und wartet dabei auf den ultimativen Wendepunkt, der alles erklären soll leider vergebens. Dabei bringt sie sich fast um, indem sie Jessie in ihrem körperlichen Zustand zu kopieren versucht, um Max näher zu kommen. Der Überbau des Ganzen ist die europäische Osterweiterung und groß angelegter Drogenhandel auf dem Balkan, mit dem die dortigen Kriege finanziert werden.Was hier so kurz zusammengefasst ist, wird, vor allem im zweiten Teil, vermeintlich recht langatmig erzählt. Doch gerade diese Nicht-Handlung macht die Geschichte aus. Das kann natürlich nicht gut ausgehen. Insofern gesellt man sich zu den Protagonisten, wenn wann lesend darauf wartet, dass etwas geschieht. Das rechtfertigt dann doch wieder die vermeintliche Langatmigkeit in der Sprache, die dieses Nichts transportieren muss.Identifizieren kann man sich mit den Figuren nicht, aber das ist kein Manko, ich glaube nicht, dass die Autorin dies im Sinn hatte. Man steht eher fassungslos beobachtend neben der Handlung und würde manchmal gerne eingreifen und Max oder Clara aufwecken aus ihrer seltsamen Trance, die wie ein böser Traum anmutet.Ein Buch, dass den Leser derart fesselt, dass er einschreiten und den Fortgang der Handlung beeinflussen möchte, verdient hohes Lob.