Ein Buch, das bezaubert. Annie Proulx nimmt einen mit in einen Landstrich der USA, der wenig bekannt ist: nach Oklahoma. Der junge Held ist auf der Suche nach sich und einem anderen Amerika. Eigentümlich heimatlos - weil ohne Eltern aufgewachsen - bricht Bob Dollar auf, um für einen Schweinemastbetrieb neue Standorte zu suchen. Herrlich naiv am Anfang seines Aufenthalts in einem kleinen Städtchen in Oklahoma merkt er nach und nach wie moralisch zwielichtig sein Arbeitgeber ist. Ohne den Menschen, auch seiner Vermieterin La Von zu erzählen, für wen er wirklich arbeitet, fragt er sie über alte Farmen und mögliche Grundstücke aus. Daraus erwächst ein echtes Interesse Bob Dollars für das Panhandle Gebiet und eine Sympathie für die Menschen. Annie Proulx lässt durch Rückblenden und historische Einschübe (Bob Dollar liest ein kleines Geschichtsbuch über den Panhandle) die Prärie mit den Kämpfen zwischen Indianern und Siedlern, das harte Leben der Farmer lebendig werden. Die Mischung aus Rückblenden und Erleben von Bob Dollar wird elegant verwoben, ohne anstrengend für den Leser zu werden. Einfach nur fantastisch sind Beschreibungen von Annie Proulx wie auf S. 118: "Er war ein krummbeiniger knopfäugiger Halunke mit einem üppigen wenn auch buntscheckigem Bart". Oder auf S. 29 die Beschreibung des Mitbewohners seines Onkel Tams: "Redpoll mit wildem Blick und einer Visage wie aus Gummi". Solche Charakterisierungen sind einmalig und zeigen, dass Annie Proulx eine wunderbare Sprachkünstlerin ist.
Geschichten aus Amerika über Menschen, die sich durchschlagen! Die raftvolle Sprache und Beschreibung der Landschaften sowie die vielen eingebundenen Informationen über die Geschichte des Landes haben mir sehr gefallen. Ich habe mir alle Bücher von Annie Proulx besorgt, die ich finden konnte.
Amerika, du hast es besser. Im Herzen dieses weiten Landes ist die Luft noch rein, die Menschen sind anständig und die öffentlichen Lustbarkeiten von moralischer Sauberkeit durchtränkt. Annie Prouxl Roman "Mitten in Amerika" führt den Leser in eine solche Landschaft, doch was es dort in der fiktiven Gemeinde Wooleybucket zu erleben gibt, hat mit dem Stereotypen vom edlen Landleben wenig zu tun. Im Panhandle, dem Grenzgebiet von Texas und Oklahoma hat sich die Schweinemast breit gemacht, eine widernatürliche Nahrungsindustrie, die das Leben von Tieren und Menschen zerstört. "Die Haut von Fabrikschweinen ist so dünn, dass man durchschauen kann. Wenn man sie auf den Viehtransport laden will, bluten sie schon bei der geringsten Berührung. Und manche von ihnen sind so übergewichtig, dass ihre Beine unter ihnen wie Zündhölzer wegknicken. Die Ferkel zucken mit dem Kopf als hätten sie den Veitstanz und scheuern sich am Maschendraht blutig."(S. 468)Noch gibt es erst vereinzelte Schweinefabriken im Panhandle, doch wehe dem, der eine Farm in der Nähe einer solchen Mast besitzt. "Der Wind hatte sich gedreht und trug eine volle Ladung Schweinefarmluft heran, einen überwältigenden fauligen Gestank wie von zehntausend stinkenden Socken, verwesendem Fleisch, abgestandenem Urin und fauligem Sumpfgras, von saurem Erbrochenem und von Jauche, einen so ungeheuerlichen, greifbaren Gestank, das Bob würgen musste."(S. 198f) . Besagter Bob, der hier würgen muss, ist die Hauptfigur des vorliegenden Romans, eine ambivalente Gestalt, dessen Auftrag darin besteht, als verdeckter Grundstücksaufkäufer im Dienste seines Arbeitgebers Global Pork Rind das Elend des Pandhandle noch zu vergrößern. Im Old Dog Cafe von Wooleybucket macht er sich undercover mit der Geschichte des Panhandle bekannt, er lauscht den Erzählungen von Tornados, Katastrophen, Liebeshändeln und der Not der großen Depression. "Sheriff Hugh Dough war vierzig Jahre alt, ein kleiner Mann von einem Meter fünfundsechzig und sechzig Kilo Gewicht, voller Ticks und Macken aber trotz allem ein tierisch gefürchteter Sheriff. Er hatte eine scharfe Aztekennase, pflaumiges schwarzes Haar und schwarze Knopfaugen wie aus der Schublade eines Tierpräparators. Entzündete Pickel zogen sich in einem Winkel seines trichterförmigen Mundes bis zum Ohr. Sein Leben lang war er Bettnässer gewesen, inzwischen machte es ihm nichts mehr aus. Im Bett hatte er ein Gummituch und im angrenzenden Badezimmer eine Waschmaschine. Er hatte nie geheiratet, weil es für ihn unvorstellbar war, diese Situation zu erklären."(S. 79) Aber nicht nur der Sheriff ist eine Marke für sich - schier unüberschaubar ist das kauzige Personal von Wooleybucket, das der unscheinbare Bob Dollar bei seinen erfolglosen Ankaufversuchen im Panhandle kennen lernt. Ihre Biographien, aufgespalten und in immer wechselnden Kontexten neu erzählt, bilden den kunterbunt und üppig gestalteten eigentlichen Schwerpunkt des Romans,Aber handelt es sich auch um einen großen Roman? Wer die Dichte von "Brokeback Mountain" erwartet, wird von dem vorliegenden 500Seiten Werk enttäuscht sein. Wie schon in "Schiffsmeldungen" und "Das grüne Akkordeon" kommen manche Dialoge und Beschreibungen ein wenig langatmig daher. Die Stärke des Buches liegt eher im Anschaulichen, in einer geradezu mitreißenden Erfindungsgabe was die Skizzierung von Personen, Situationen und Landschaften betrifft. Dass diese Käuze vom Panhandle über den ganzen Roman hinweg immer wieder aufs Neue auftauchen und verschwinden, verwandelt das Buch fast in eine texanische Saga, und wer will darüber mosern, dass das Ende dieser Saga ein wenig märchenhaft klingt? Denn zum Schluss, so viel sei verraten, wird das Panhandle vor dem Zugriff der Schweinemastkonzerne gerettet, und der gescheiterte Bob Dollar verliert zwar seinen Job, gewinnt aber eine neue Heimat und neue Freunde "mitten in Amerika". Und wenn sie nicht gestorben sind, dann belauschen sie noch heute das wieder erwachsende Büffelgras des am Stadtrand von Wooleybucket.