Für die Fans hat Eco mal wieder was getan. Insbesondere dadurch, dass er mal wieder ausgiebig seine eigenen Werke zitiert. So findet man auch hier diese merkwürdige Verdoppelung des Protagonisten wie in "Die Insel des vorherigen Tages". Einige Männer entschließen sich, Texte über Verschwörungen herauszugeben, deren Glaubwürdigkeit dadurch verstärkt wird, dass deren Informationen immer schon irgendwo anders gedruckt sind ("Das Foucaultsche Pendel"). Und ein paar Reflektionen über das Älterwerden finden sich auch und erinnern ein wenig an "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana". Man kann sich nur darüber beschweren, dass der Schauplatz der Rahmenhandlung trotz eines verschlungenen Grundrisses eine eher etwas mickrige Version eines Labyrinths abgibt. Immerhin gibt es hier drei Ausgänge. Wieder darf es bei Eco etwas Geschichtsunterricht sein - und wie schon in "Der Name der Rose" muss man hier als Leser durch einige etwas längere Passagen einfach durch, auch wenn sie zur Dramatik der Handlung nicht unbedingt beitragen. Aber wie immer kann man die Geschichte, und die eigentlich spannenden Gedanken hinter dem ganzen Roman, nicht wirklich durchschauen, wenn man sich dann nicht doch mit diesen Texten beschäftigt. Denn natürlich geht es auch in diesem Buch mal wieder um etwas ganz wesentliches. Nämlich um den Ursprung des Bösen. Eco hat sich nichts weniger vorgenommen, als dem Ursprung von Antisemitismus, Faschismus und Totalitarismus nachzuspüren, die die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in ein einziges, schreckliches Blutbad verwandelt haben. Dickere Bretter kann man wohl nicht bohren.Im Gegensatz zu Norman Mailer, an dessen "Das Schloss im Wald" mich das Leseerlebnis von "Der Friedhof in Prag" öfters mal erinnert hat, sieht Eco die Quelle des Bösen weder im inzestuösen Niederösterreichischen Waldviertel noch im Wirken des Teufels auf Erden, sondern er sucht das Böse in der Gedankenwelt eines verquerten 19. Jahrhunderts, in dem sich Ideologien und Nationalismen ein Schlachtfeld liefern, in dem intellektuelle Wüste zurückbleibt, nachdem sich Revolutionäre, Reaktionäre, Selbstdarsteller, Geheimdienstler, Verschwörer, Gläubige und Atheisten ausgetobt hatten. Eco beschreibt dieses Jahrhundert als eine Zeit, in der Menschen auch den absurdesten Theorien zu folgen bereit waren, wenn sie denn nur gedruckt wurden, und er beschreibt auch die politischen und finanziellen Wirren, die das Drucken jeden Schunds erlaubten. Und noch besser, Eco beschreibt, wie sich Ideen verselbstständigen, ein Eigenleben entwickeln, wie sie selbst ihren eigenen Schöpfern irgendwie abhanden kommen und dadurch noch viel zerstörerischer werden, als sie ursprünglich gedacht waren. Am Ende des Buches folgt dann ein kleiner editorischer Hinweis von Eco, einige "Posthume Fakten". Es sind deren nur vier. 1905 erscheint das Ergebnis dieses merkwürdigen, hermeneutischen Prozesses, der im Buch geschildert wird, nämlich die Protokolle von Zion. 1921 werden diese als Fälschung entlarvt. 1925 zitiert Hitler die Protokolle in "Mein Kampf". Und 1939 bezeichnet sie ein französischer Historiker als das am meisten gelesene Buch nach der Bibel. Das alles ist leider so wahr, dass man sich über weite Passagen des Buches fragen kann, ob es sich hier wirklich noch um einen Roman handelt.Damit es aber doch noch so etwas wie eine Geschichte gibt, hat Eco zwischen die ganzen, gut recherchierten historischen Ereignisse eine Kunstfigur gesetzt, die sich zumindest zu Beginn des Buches selbst ein Rätsel ist. Und das will dann gelöst werden, allerdings wird diesmal nicht ein Geschöpf von Arthur Conan Doyle zur Lösung herangezogen sondern Sigmund Freud. Auch das passt zur Zeit, um die es hier geht, sorgt aber dafür, dass die Geschichte dieses Simone Simonini sich eben weniger spannend liest, als man es aus anderen Romanen gewohnt ist. Das mag zu der gemischten Aufnahme des neuen Werkes bei Lesern und Feuilleton beigetragen haben, die ich hier aber ausdrücklich nicht teilen will. Der Lesespaß ist nämlich dennoch da, zumindest für mich. Es ist ein extrem geistreiches, ja manchmal witziges Buch geworden, dessen Pointen aber nicht immer offen liegen. Das Simon natürlich ein jüdischer Name mit einer bestimmten Bedeutung ist, mag hier als eines der leichter zu erkennenden Beispiele dienen. Die im Text des Buches mal mehr mal weniger versteckten, großartigen Bonmots sind ein weiteres. Es lohnt sich also, wenn man beim Lesen Zeit und eigenes Denken investiert, und gelegentlich auch mal irgendwo nachschlägt, so wie es auch der Autor beim Schreiben dieses Buches getan haben wird.Für mich gehört "Der Friedhof in Prag" daher zu den drei besten Romanen von Eco. Und da die zwei anderen schon eine Weile her sind, kann ich mich über dieses Buch nur freuen.
„Postfaktisch“ heißt in Deutschland das Wort des Jahres 2016. Das Buch von Eco, bereits 2010 auf italienisch und 2011 auf deutsch erschienen, passt genau dazu und war damit seiner Zeit offensichtlich sogar ein wenig voraus. In Wikipedia erfährt man, dass in der postfaktischen Politik „die Wahrheit einer Aussage hinter den Effekt der Aussage auf die eigene Klientel zurücktritt“. Liest man dieses Buch von Eco über die Fälschung der „Protokolle der Weisen von Zion“, wird deutlich, dass postfaktische Politik kein neues Phänomen darstellt, sondern bereits im 19.Jahrhundert gepflegt wurde. Und das Schlimme dabei ist, dass auf dieser Basis von Fälschungen erfolgreich Stimmung gegen die Juden gemacht und das unfassbare Verbrechen der „Endlösung“ vorbereitet wurde.„Der Friedhof von Prag“ ist das erste Buch von Eco, das ich gelesen habe. Insofern kann ich es nicht mit seinen anderen Büchern vergleichen, wie es andere Rezensenten getan haben. Es stimmt, das Buch ist lang und verwickelt. Aber für mich war es aufgrund seiner aktuellen Bezüge überaus spannend zu lesen. Es leidet ein bisschen an seiner Zwitterstellung zwischen Sachbuch und Roman. In einen Roman sind lange Zitate und Zusammenfassungen von Büchern und Zeitschriftenartikel stets nur schwer zu integrieren. Das ist Eco, so finde ich, noch besser gelungen als manch einer anderen Autorin (siehe dazu beispielsweise meine Rezension über das Buch „Scham“ von Taslima Nasrin). Andererseits macht Umberto Eco (1932-2016) dadurch deutlich, dass er wahrscheinlich sein halbes Leben lang über die hier behandelten Themen recherchiert hat.Ich kann die Lektüre nur empfehlen und sich auch durch die interessante, aber schwierige Konstruktion nicht abschrecken zu lassen, dass Eco seine teils fiktiven, teils aber auch realen „Enthüllungen“ über den Fälschungsprozess in die Form eines Tagebuchs gepackt hat, wobei das Tagebuch von einem Mann mit gespaltener Persönlichkeit geführt wird. Dieser Mann und Hauptprotagonist in dem Roman ist Capitaine Simone Simonini. Im Gegensatz zu den meisten anderen Figuren in dem Roman, die historisch verbürgt sind, ist der Hauptprotagonist eine erfundene Figur, die im Laufe ihres Lebens (1830-1898) einen "Aufstieg vom kleinen Spitzel zum international gefragten Spion" (S.336) erfährt. Er ist durch und durch böse und schreckt auch vor Mord nicht zurück. Den „besseren“ Teil seiner Persönlichkeit hat er als Alter Ego von sich abgespalten. Dieses Alter Ego tritt als Abbé Dalla Piccola in Erscheinung und ist als Kirchenmann leider auch nur graduell besser als der Fälscher und Mörder Simonini, wie in dem Roman deutlich wird.Der Roman ist keineswegs handlungsarm, es wimmelt nur so von Intrigen, Verschwörungen, Attentaten, Spionage und Gegenspionage. Geboren in Turin, 1860 im Gefolge Garibaldis nach Sizilien geschleust, ist Simonini durch seine Agententätigkeit in Italien untragbar geworden und muss 1861 ins Exil nach Paris. Dort erlebt er beispielsweise die Pariser Kommune und die Dreyfus-Affäre und mischt immer eifrig mit. Man erfährt vieles aus den unterschiedlichen Milieus der Jesuiten, Freimaurer, Carbonari, Republikaner, Okkultisten und Satanisten, vor allem aber der Antisemiten, die sich gegen Ende des Jahrhunderts immer stärker formieren.Auch die Frauen- und Sexualfeindschaft Simoninis und des ganzen Milieus, in dem er sich aufhält, wird nicht ausgespart. Unter den Hauptakteuren gibt es nur eine einzige Frau, Diana, die mehr Projektionsfläche ist als dass sie eigene Charakterzüge aufweist. Sogar Sigmund Freud hat einen Auftritt, sein Name wird allerdings „Doktor Froïde“ geschrieben.Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Bedürfnis, den Roman zur Seite zu legen. Manchmal war ich angeekelt von der Sprache und Denkweise so mancher Akteure. Man sollte die Lektüre aber möglichst nicht unterbrechen, weil es sonst wahrscheinlich schwierig ist, wieder rein zu kommen. Nebenaspekte, die ich noch erwähnen möchte, sind die gute Kenntnis Ecos vom Stadtplan von Paris im 19.Jahrhunderts und von den Speisen, die ein Gourmand damals verspeisen konnte, und von seiner Liebe zum Detail, was die „richtigen“ Zutaten beim Bombenbau betrifft.Ich bewerte das Buch mit 4 Sternen.