Die Autorin, ebenfalls ein Kind von Kriegskindern, befasst sich in diesem Buch mit den Auswirkungen des 2. Weltkriegs auf diejenigen, deren Kindheit und frühe Jugend in diese Zeit fiel, aber auch mit der Generation von deren Eltern (nicht wenige ebenfalls Kriegskinder) und vor allem mit den Nachkriegsgeborenen, die überwiegend in den 1950ern und 1960ern zur Welt kamen. Diese Wirtschaftswunderkinder haben den Krieg nicht mehr erleiden müssen, aber sind sie ihm deshalb entkommen? Mit dieser Frage vor allem beschäftigt sich die Autorin, die ihr Augenmerk verstärkt auf die Kinder derjenigen lenkt, die Flüchtlings- und Vertriebenenkinder waren, die Hunger, Armut und oft auch Vertreibung erlebt hatten. Der Kreis schließt sich mit der Frage, wie wir in Deutschland mit den Kriegskindern, die in der Gegenwart aus den unterschiedlichsten Kriegsgebieten wie Strandgut in Europa anlanden, umgehen und welche Auswirkungen dies auf sie als die künftigen Erwachsenen haben könnte. Denn natürlich gab und gibt es zu allen Zeiten Kriegskinder und Nachkommen von Kriegskindern. Die Welt als Ganzes ist beileibe kein friedlicher Ort, auch wenn uns der ganz große Krieg, ein weiterer Weltkrieg, bisher erspart geblieben ist. Aber immerhin, man hat nach dem „großen“, der erst im Lauf des nächsten der „erste“ wurde, und den zweiten nicht den letzten genannt. Man hat angefangen, durchzunummerieren.Das Buch geht der Frage nach, wie Kriegskinder, die oft sehr jung selbst Eltern wurden und Partner mit ähnlicher Biografie wählten, mit den emotionalen Bedürfnissen ihrer Kinder umgingen, wo sie doch selbst keine unbeschwerte Kindheit kannten und früh erwachsen werden mussten. Dazu kam die kalte Erziehung im Sinne des Nationalsozialismus, die darauf zielte, vor allem kriegerische Soldaten und dienende Frauen zu produzieren. Abhärtung war das Gebot der Stunde, Hunger, Mangel an fast allem und die ständig vorhandene Bedrohung des eigenen physischen Untergangs und nicht zu vergessen, die abwesenden Väter, die im Feld standen, vielleicht schon gefallen oder Kriegsgefangene waren oder als Verfolgte des Regimes in Konzentrationslagern saßen und, wenn sie denn zurückkamen, traumatisiert und emotional kaum zugänglich waren und häufig nicht mehr in bürgerliche Leben zurückfanden. Nach dem Krieg galt es nach vorne zu schauen, neue Existenzen, oft genug aus dem Nichts, mussten aufgebaut werden, und nicht wenige Kinder dieser Kriegskinder wurden zwar physisch ordentlich versorgt, aber für ihre emotionalen Bedürfnisse war kaum Raum. Schulische und intellektuelle Förderung fand oft nicht statt, hatten die Kriegskinder doch selbst nur allzu oft keine ordentliche Schulbildung erfahren und die Zeiten waren so, dass man mit viel Fleiß auch so sein Auskommen fand. 1952, so die Autorin, fehlte trotz siebenjährigen Wiederaufbaus noch ein Viertel des Schulbestands von 1939, Lehrer gab es viel zu wenige und auch Lehrmittel waren knapp. Die Werte von Bildung oder eine berufliche Entwicklung nach Neigung der Kinder war kaum Thema. Bei den Mädchen kam noch die im Grunde zutiefst frauenverachtende Doktrin der Nazis hinzu, die nachwirkte. Die Frau hatte zu dienen, zu gebären und wenn sie nicht vorsichtig war, galt ihr individuelles Leid als den Endsieg gefährdendes Verhalten mit den bekannten Folgen. Mädchen brauchten keine besondere Ausbildung, das war noch für lange Nachkriegsjahre besonders in ländlichen Gebieten weitverbreiteter gesellschaftlicher Konsens. Die Verhältnisse haben sich mittlerweile grundlegend verändert, ohne eine gute Schulbildung bleiben aussichtsreiche Berufe verschlossen. Vielleicht sollte man sich dem Phänomen der heutigen „Helikopter-Eltern“, die so genannt werden, weil sie ständig über ihren Kindern kreisen, den Ranzen ins Klassenzimmer tragen und später selbst vor Hörsälen nicht Halt machen, auch unter dem Aspekt familiärer Strukturen über mehrere Generationen hinweg nähern. Der Verdacht liegt nahe, dass auch diese Eltern Kompensation betreiben.Doch zurück zu den Kriegskinder-Eltern, die in ihren frühen Erwachsenenjahren endlich Sicherheit für sich und ihre Kinder und lieber ein bescheidenes Leben in stabilen und überschaubar bescheidenen Grenzen wollten, als beispielsweise Kreativität und Selbstverwirklichung und anderen bedrohlichen Firlefanz. Verbote, Gebote und die Warnung vor dies und jenem und im Grunde vor allem gediehen in diesem Klima. Der Satz „Solange du deine Füße unter meinen Tisch streckst…“ hallte tausendfach durch die Wohnstuben und schlug jede Aussicht auf konstruktive Auseinandersetzung tot. Diesem Buch können wir entnehmen, dass in den ersten Nachkriegsjahren in Bayern 146.000 Flüchtlinge und Vertriebene unter fürchterlichen Bedingungen in Massenunterkünften lebten und in Mannheim 70% der Kinder angaben, dass die Eltern nichts zum Heizen hatten. In Fürth hatten gut 60% keine festen Schuhe und 40% keine Winterkleidung. Das Gespenst des Hungers ging immer noch um.Die Gesellschaft war gespalten in die, die ihre Heimat nicht verloren hatten und eine Menge „Dahergelaufener“, die Raum beanspruchten. Kein Wunder, dass diese Kinder sich mit aller Kraft aus diesen Umständen befreien wollten. Vielen gelang es im Lauf der 1950er und 1960er Jahre auch, sich eine tragfähige Existenz aufzubauen, eine enorme Leistung, die fast alle Kraft band. Die eigenen Kinder liefen mit, sie hatten zu spuren und dankbar zu sein, schließlich durften sie in Frieden aufwachsen und kannten Hunger, Not und Pein, wenn überhaupt, nur aus Erzählungen. Satt und sauber, das musste in vielen Fällen reichen. Die Kinder der Kriegskinder berichten auffallend oft, dass dem Ziel, ein eigenes Haus zu bauen, alle anderen Bedürfnisse untergeordnet wurden. Das eigene Dach übern Kopf wurde sich, durchaus auch im Sinne des Wortes, vom Mund abgespart. Von dem eigenen und von dem seiner Kinder. Besonders diejenigen, die ihre alte Heimat verloren hatten, wollten endlich wieder dazugehören, ankommen. Das gelang nach außen hin auch vielen, emotional sah es aber oft anders aus. Die Nachkriegskinder trugen diese Bürde mit, machten sie nur allzu oft zu ihrer eigenen und trugen den Verlust der Heimat, die niemals die ihre gewesen war, mit. Das Gefühl, im Grunde nicht dazuzugehören, wurde in gewisser Weise vererbt und verhinderte häufig die Entwicklung eines starken Selbstwertgefühls. Verstärkte Rebellion gab es erst später, als mit den 68ern auch die Gesinnung der Großeltern misstrauisch unter die Lupe genommen wurde. Der überaus größere Teil der Altersgenossen rebellierte aber nicht, hinterfragte auch nicht, um den Familienfrieden nicht zu stören.In den Familien wurde entweder unaufhörlich vom Krieg, Flucht und Vertreibung gesprochen oder es wurde anhaltend geschwiegen. Vergewaltigungen, Begleiterscheinungen aller Kriege, unterlagen grundsätzlich dem Schweigen. Auswirkung auf die Psyche der Kinder der Kriegskinder hatten beide Verhaltensweisen. In diesem Buch ist viel von Einzelschicksalen die Rede, empirische Erkenntnisse vermittelt es nicht. In den meisten der vorgestellten Fälle kommt zum Ausdruck, dass die Kinder sich extrem anzupassen versuchten und scheinbar freiwillig und stoisch freudlose Lebenswege einschlugen. Den Eltern, die so viel mitgemacht hatten, sollte nicht noch mehr zugemutet werden. Oft erlernten die Kinder ungeliebte Berufe, die ihnen zwar ein sicheres Auskommen boten, aber nicht wirklich ihren Neigungen entsprachen. Andere brachen mit ihren Eltern und gingen fortan eigene Wege, manche tatsächlich, andere zogen sich innerlich zurück und hielten fortan nur noch die Fassade aufrecht.Dass Erfahrungen, die wir in den frühen Jahren unseres Lebens machen, unsere emotionale Entwicklung am stärksten beeinflussen, gilt für jeden von uns und wird auch von der Autorin so gesehen. Gegen Ende des Buches geht sie darauf ein, dass unsere Widerstandsfähigkeit stark von unserer genetischen Disposition abhängt und dass sich daraus individuelle Vor- oder eben Nachteile ergeben. Dennoch ist nicht alles von vornherein festgelegt, der Mensch ist lernfähig und kann belastende Verhaltensmuster auch ändern. Dennoch bleibt es dabei, dass der Grundstein für Resilienz, also die Fähigkeit, trotz belastender Erfahrungen seelisch gesund zu bleiben, bereits in den frühen Jahren gelegt wird und zwingend mindestens eine verlässliche und positiv fördernde Bezugsperson voraussetzt. Im Idealfall sind das für das Kind die Eltern, die dazu fähig sind, so das Fazit dieses Buches, das beileibe kein wissenschaftliches Werk ist, Fiktion aber auch nicht.Kriege sind entsetzlich, wirken lange nach und sollten unter allen Umständen vermieden werden. Sieht man sich jedoch die Geschichte der Menschheit an und die Zustände, die in der Welt herrschen, wird das aber Utopie bleiben. Es wird immer brandgefährliche Zündler geben und Menschen, die in ihnen ihr Heil sehen oder wegsehen, in der Hoffnung, dass es schon nicht so schlimm kommen wird. Nur allzu oft kommt es aber schlimm. Es sind vor allem die Mitläufer, die Kriege möglich machen.Helga Kurz31. Dezember 2014