Johannes Paul II. - Vermächtnis und Hypothek eines Pontifikats (Katholizismus im Umbruch, Band 12)
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Johannes Paul II. - Vermächtnis und Hypothek eines Pontifikats (Katholizismus im Umbruch, Band 12)

Hersteller: Herder  ·  MPN: 9783451387234
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Produktbeschreibung

Johannes Paul II. - Vermächtnis und Hypothek eines Pontifikats | Magnus Striet (u. a.) | Taschenbuch

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Hans-Peter Kroll H- P Kr. 28.09.2023 amazon.de
Anlässlich des 100. Geburtstags des polnischen Papstes Johannes Pauls II. veröffentlichte der Herder-Verlag einen Band mit 6 Beiträgen von einem promovierten Journalisten (Theologie) und fünf theologischen Wissenschaftlern. Im Vorwort betonen die Herausgeber die historische Größe dieses Papstes und die Intention der Beiträge, sein Pontifikat (1978 bis 2005) philosophisch und theologisch zu deuten. Bis auf den letzten Beitrag sind die Autoren kritisch eingestellt. Schon im Vorwort bezeichnen die Herausgeber als große Hypothek des Pontifikats, dass die Amtsführung des Papstes zu einer Erstarrung der Glaubensverkündigung und einer ahistorischen Fesselung der Kirche geführt habe.Der Journalist Daniel Deckers geht auf die polnischen Wurzeln und das dadurch geprägte, historisch bedingte Glaubensverständnis dieses Papstes ein, um seine Persönlichkeit verständlich zu machen. Der Katholizismus war in der wechselvollen Geschichte Polens die nationale Klammer, insbesondere unter den faschistischen Diktaturen des Nationalsozialismus und des bolschewistischen Kommunismus, denen der Papst in seiner Jugend unter großen Gefahren engagiert Widerstand leistete. Dieser katholische Konservatismus und der Widerstand gegen den Kommunismus prägten ihn bis zum Lebensende. Deckers würdigt die Bemühungen des Papstes um den Frieden in der Welt sowie die Verständigung und Versöhnung zwischen den verschiedenen Konfessionen und Religionen. Den größten Teil des Essays nehmen die Schattenseiten des Pontifikats in Anspruch. Deckers thematisiert das nach wie vor aktuelle Problem des Missbrauchs durch den katholischen Klerus und das Versagen des Papstes, dagegen mit allen ihm als Pontifex zur Verfügung stehenden Mitteln vorzugehen. Neben anderen Themen, die derzeit in der katholischen Kirche Deutschlands diskutiert werden und auf die Deckers kurz eingeht, befasst er sich ausführlicher mit der autoritären Amtsführung des Papstes. Als Beispiele nennt Deckers die überwiegende Besetzung von Bischofsstühlen mit papstergebenen Männern, unabhängig von ihren Fähigkeiten und ihrer moralischen Integrität (z. B. causa Kardinal Groer), die schikanöse Maßregelung namhafter Theologen wie Küng und Schillenbeeckx, die Neufassung des Codex Iuris Canonici und den Weltkatechismus als Machtinstrumente eines von seiner Unfehlbarkeit überzeugten Papstes, der Kampf gegen Homosexualität und das engagierte Eintreten für eine rigide Sexualmoral.Deckers resümiert, dass von dem zweitlängsten Pontifikat in der Kirchengeschichte viel Licht, aber auch die längsten Schatten ausgegangen sind.Magnus Striet, Professor für Fundamentaltheologie und philosophische Anthropologie, befasst sich mit der theologischen Denkweise Johannes Pauls II., deren Einfluss auf lehramtliche Verlautbarungen, Gesetzgebung, Katechese und die Realität der Gläubigen. Er konstatiert, dass sich die katholische Kirche in einer Übergangszeit befindet, und äußert den Verdacht, dass sich das mit unbedingter Lehr- und Jurisdiktionsgewalt aufgeladene Papstamt schon vor dem Amtsantritt Johannes Pauls II. in einer Glaubwürdigkeits- und Legitimationskrise befunden hat. Als einen Meilenstein der Emanzipation vieler Katholiken von der rigiden Sexualmoral des Lehramtes wertet Striet die Enzyklika Humanae Vitae. Nach Striet steht die theologische, vom Naturrecht geprägte Denkweise des Papstes in Widerspruch zu dem von Kant vertretenen Vernunftrecht.Striet kommt zu dem Ergebnis, dass es für jeden Amtsnachfolger sehr schwierig sein wird, die von Johannes Paul II. hinterlassene Hypothek abzutragen. Gleichwohl hält er angesichts der autonomen Tendenzen in der katholischen Kirche die Lehramtsepoche Johannes Pauls II. für beendet.Stephan Goertz, Professor für Moraltheologie, erörtert das Verständnis Johannes Pauls II. von Freiheit. Philosophisch ist der Papst im christlichen Personalismus verwurzelt. Nach Johannes Paul II. gelangt der Mensch zur Freiheit und humanen Existenzerfüllung, wenn er auf die Wahrheit Christi zugeht. Dabei spielt das Lehramt der katholischen Kirche die entscheidende Rolle. Der Papst ist davon überzeugt, dass das päpstliche Lehramt der Schlüssel zur Glaubensgewissheit ist. Erst durch die Gabe der Unfehlbarkeit des Lehramts bleibt die Kirche in der Wahrheit der Glaubens- und Sittenlehre. In der Praxis bedeutete das die absolute Verbindlichkeit der in der Enzyklika Humanae Vitae festgeschriebenen Grundsätze zur Empfängnisverhütung, die Kardinal Karol Wojtyla (später Johannes Paul II.) unter dem Pontifikat Pauls VI. maßgeblich ausgearbeitet hatte. Goertz geht auf die Gegenposition der dieser Philosophie widersprechenden Theologen und die repressive Reaktion des Papstes ein. Er bilanziert, dass für den Papst eine eigenständige sittliche Autonomie mit dem christlichen Glauben unvereinbar war. Er sieht den Papst in der Tradition des 19. Jahrhunderts ( Stichworte: Ultramontanismus, Antimodernismus, Antiliberalismus, Unfehlbarkeitsdogma). Man fragt sich, ob Johannes Paul II. - entgegen der Meinung eines Rezensenten - nicht doch einer Belehrung bedurft hätte, was in einem demokratischen Staat wie Deutschland unter Freiheit zu verstehen ist. Abschließend vertritt Goertz die Meinung, dass sich für die katholische Kirche die Aufgabe stellt, sich von der "atemberaubenden Selbstsicherheit" Johannes Pauls II. bei der Verkündigung der von ihm definierten Wahrheiten zu emanzipieren, um im Inneren ein größeres Maß an Freiheit zu gewinnen.Eberhard Schockenhoff, Professor für Moraltheologie, untersucht den vom Lehramt der katholischen Kirche verwendeten Begriff "Theologie des Leibes" im Kontext mit der Enzyklika Humanae Vitae, insbesondere den Verboten künstlicher Empfängnisverhütung, vorehelicher Sexualität und nicht lehramtskonformen sexuellen Orientierungen. Der Rigorismus, mit dem Johannes Paul II. diese Verbote habe durchsetzen wollen, führte unter anderem dazu, kritische Gegenstimmen durch disziplinäre Maßnahmen zu unterdrücken. Schockenhoff erläutert die auf dem deutschen Philosophen Max Scheler, einem Vertreter des philosophischen Personalismus, und dem Scholastiker Thomas von Aquin basierende Auffassung des Papstes von der Theologie des Leibes und setzt sich kritisch mit der von ihm dadurch geprägten lehramtlichen Sexualmoral auseinander. Dem Autor geht es nicht darum, die lehramtliche Theologie des Leibes generell als abwegig zu entlarven. Vielmehr möchte er die logischen, ethischen und praktischen Grenzen aufzeigen. Nach eingehender Darstellung der philosophisch-personalistischen Begründung des Verbots künstlicher Empfängnisverhütung in verschiedenen Verlautbarungen des Papstes geht Schockenhoff auf die seiner Meinung nach unhaltbaren Konsequenzen ein. Abschließend befasst sich der Autor mit dem Spannungsverhältnis zwischen der vom Papst verstandenen Theologie des Leibes und der Anthropologie der Geschlechter. Für den Papst, der sich auf die Zweigeschlechtlichkeit des Alten Testaments berief, gab es - entgegen gesicherter humanwissenschaftlicher Erkenntnisse - für sexuell bipolares Verhalten kein Verständnis.Schockenhoff bilanziert, dass es Johannes Paul II. nicht gelungen ist, durch seine Theologie des Leibes eine überzeugende Lösung aller konkreten Probleme im Bereich von Liebe, Sexualität sowie Partnerschaft und Ehe zu liefern.Gerhard Kruip, Professor für christliche Anthropologie und Sozialethik, deutet schon in der Überschrift seines Essays an, dass Johannes Paul II. die Befreiungstheologie in den Mittel- und südamerikanischen Staaten nicht verstanden hatte. Gleich zu Anfang stellt er zwei wesentliche Ursachen für dieses Unverständnis heraus, zum einen die negative Erfahrungen mit dem kirchenfeindlichen Sowjetkommunismus, zum anderen sein rigides Verständnis von innerkirchlicher Disziplin und Rechtgläubigkeit. Kruip erörtert zunächst die Konfliktlage der katholischen Kirche in Mittel- und Südamerika. Auf der einen Seite standen die mehrheitlich konservativen Kräfte, die mit diktatorischen und autoritären Machthabern kooperierten, die von den USA unterstützt wurden. Auf der anderen Seite standen die progressiven, durch das II. Vatikanische Konzil (Enzyklika Populorum) ermutigten Kräfte, die eine stärkere Einbeziehung der Laien forderten und sich teilweise mit den kommunistisch orientierten Befreiungsbewegungen solidarisierten, die gegen Armut, Ungerechtigkeit und staatliche Repression opponierten. Schon die Eröffnungsrede des Papstes bei seinem erste Besuch in Mexiko Ende 1978 ließ seine Abneigung gegen die Befreiungstheologie erkennen. Zum radikalen Bruch kam es nach dem für ihn enttäuschenden Besuch in Nicaragua im Jahre 1978. In seinem Kampf gegen die Befreiungstheologie, welche die Ächtung eines ihrer engagiertesten Vertreter Leonardo Boff zur Folge hatte, wurde der Papst maßgeblich durch den Vorsitzenden der Glaubenskongregation Joseph Ratzinger (später Benedikt XVI.) unterstützt. Konsequenz der durch seine Erfahrung mit dem Sowjetkommunismus verengten Sichtweise waren die überwiegende Ernennung konservativer Bischöfe und die Unterstützung neuer, romergebener Bewegungen, wie Opus Dei, Sodalitium Christianae Vitae und Legionäre Christi, die mit regierenden Diktatoren zusammenarbeiteten und in Missbrauchsskandale verstrickt waren, von denen sowohl der Papst als auch Joseph Ratzinger Kenntnis hatten.Kruip kommt zu dem Ergebnis, dass Johannes Paul II., Joseph Ratzinger und der überwiegend konservative Episkopat Mittel- und Südamerikas Repräsentanten einer Kirche waren, der es primär um Zentralismus und Macht ging.Johanna Rahner, Professorin für Dogmatik, Dogmengeschichte und Ökumenische Theologie, setzt sich mit dem religionstheologischen Erbe Johannes Pauls II. als Versöhner zwischen den Konfessionen und Religionen auseinander. Schwerpunktmäßig würdigt sie den engagierten und auf Augenhöhe geführten Dialog des Papstes mit religiösen Vertretern des Judentums. In seine Gesprächen, öffentlichen Auftritten und Begegnungen sowie anderen Verlautbarungen ging es dem Papst einerseits um die Überwindung der historisch bedingten Diskriminierung des Judentums durch die katholische Kirche, ihre Mitverantwortung an der Entstehung des Antisemitismus, der Schuld und der Schuld an Vergehen gegen Juden, andererseits um die theologische Bedeutung des Judentums für das Christentum. Rahner stellt weiter fest, dass Johannes Paul II., wie kein anderer Papst vor und nach ihm, der Beziehung zwischen Christen und Muslimen Aufmerksamkeit schenkte. Ohne die religiösen Differenzen zu leugnen, betonte der den Islam respektierende Papst die gemeinsamen Glaubensüberzeugungen. Als einen interreligiösen Höhepunkt des Pontifikats beschäftigt sich Rahner abschließend mit den Friedensgebeten in Assisi im Oktober 1986, zu denen der Papst zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Kirchen und Religionen eingeladen hatte. Trotz massiver innerkirchlicher Kritik hielt der Papst an der zentralen Idee der Friedensgebete fest, nämlich die universale Einheit der Menschen als Teil der Schöpfung und Erlösung zu vergegenwärtigen und zu stärken.Dem Beitrag lässt sich als Erbe Johannes Pauls II. die Verpflichtung der katholischen Kirche entnehmen, trotz aller konfessionellen und religiösen Unterschiede anderen Glaubensüberzeugungen mit Respekt zu begegnen und die Bereitschaft zum Dialog aufrecht zu erhalten.Nach der Lektüre des Buches fragt man sich, warum Johannes Paul II. durch den von ihm protegierten Benedikt XVI. im Jahre 2011 so schnell selig- und im Jahre 2014 durch Franziskus I. heiliggesprochen wurde und Stimmen laut geworden sind, ihm Ehrentitel wie "Kirchenvater" oder "der Große" zu verleihen. Aber in der auf Rom fixierten Amtskirche ist so manches möglich.Für diejenigen, die sich für Kirchengeschichte und Theologie interessieren, ist das anspruchsvolle Buch sehr zu empfehlen. Es enthält keine einseitigen Schönfärbereien, wie sie in Biographien über diesen Papst und seine Nachfolger anzutreffen sind. Die Kritik an Johannes Paul II. ist sachlich und gut begründet.H.-P. Kroll
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