Warum wird Verständnis zwischen den Menschen in Zukunft wichtig werden? Weil die virtuelle Welt überhand nimmt. Das ist die Botschaft dieses Buches.Ausgehend von den derzeitigen Veränderungen und dem Status Quo unserer Welt, der sehr genau und wissenschaftlich beschrieben wird, wobei große Zusammenhänge auf hohem Niveau hergestellt werden, unternimmt Frau Gebeshuber den Versuch, die Zukunft bis ins 22. Jahrhundert vorherzusagen. Wie werden die Menschen zusammenleben, welche Berücksichtigung bzw. welche Abstriche werden gegenüber Umwelt und Natur, gegenüber dem Klimawandel und der stark virtualisierten, singulären, von Maschinen besetzten Welt gemacht. Der Körperkontakt wird immer mehr zweitrangig gegenüber Vernetzungen und Kommunikation im Netz werden. Wichtig wird sein, dass die Menschen nicht mehr ein starres Wissen erlernen, wie in der Schule, sondern die richtigen Zusammenhänge aus den unzähligen Informationen, die im Netz sofort abrufbar sind, herstellen. Wissen ist abrufbar, richtiges, zusammenhängendes Wissen muss sich der Mensch erst schaffen. In Zukunft muss der Mensch acht darauf geben, nicht selbst maschinenhaft, also emotionslos zu werden. Sich die Menschlichkeit zu bewahren wird bedeuten, in Liebe, Achtung und Zusammenarbeit neue Werte zu schaffen. Es wird drei Bevölkerungsgruppen geben, die Unterschicht, die Mittelschicht und die Oberschicht, wobei nur noch die Oberschicht zum Privileg der Realitätserfahrung kommt, die Unterschicht wird nur mehr in der virtuellen Welt leben und träumen, weil das unterm Strich billiger ist.Interessant waren in der ersten Hälfte die genauen Informationen über die Situation von Wasser, Rohstoffen und Nahrung in der Gegenwart, um zu zeigen, wie die Ressourcen schön langsam zu Ende gehen und wir uns eine andere Lebensart angewöhnen müssen, wenn wir diesen Planet und unser Leben erhalten wollen. Interessant war auch die treffende Aussage, dass der Mensch immer isolierter leben wird, wobei er sich im Netz jenen Gruppen anschließen wird, die ihm entsprechen, sodass Politik zum Beispiel, völlig ihren Wert verliert und sich die Menschen virtuell organisieren werden, was bis zur Geldwirtschaft reicht, die nur mehr eine virtuelle Währung kennen wird. Mensch und Werkzeug werden verschmelzen, das heißt die Menschen werden zu Hybriden.Insgesamt, vor allem in der ersten Hälfte des Buches, wo es um realistische Szenarien der Gegenwart und Zukunft geht, ist der Inhalt leider relativ negativ. Dass Frau Gebeshuber es schließlich gelingt, diese negative Version unserer realen und virtuellen Welt in etwas Positives zu verwandeln, hängt damit zusammen, dass sie an den Menschen glaubt, an seine Kreativität, an seine Güte und an das Leben an sich, das sich, wie im Falle der Natur, ihr Recht zurückholt.Zwei Bücher sind mir beim Lesen eingefallen, die eine ähnliche Thematik haben: Das erste ist „Das Handbuch für den Neustart der Welt“ von Lewis Dartnell. Darin geht es um die Zeit nach der Apokalypse, wenn eine neue Zivilisation gegründet werden muss nach einer globalen Katastrophe. Und wie dies vonstatten gehen soll. Anleitungen zum Selbstanbau von Lebensmitteln bis zur Konstruktion neuer Häuser sind darin enthalten, aber es wird auch beschrieben, wie die Natur sich ausbreiten wird, nachdem der Mensch nicht mehr darin eingreift.Das zweite Buch, das leider nur auf Italienisch existiert, heißt „Il labirinto“ und wurde von einem italienischen Journalisten, Schriftsteller und Politiker namens Eugenio Scalfari geschrieben. Darin geht es um eine Großfamilie in einer riesengroßen Villa, die von einem Patriarchen regiert wird. Als er stirbt will der Enkel endlich die Freiheit bzw. die richtige Welt kennenlernen und verlässt das große Haus, in dem er sich, wie in einem Labyrinth, ständig in seinem Geist verirrte, da ihn die Isolation in den vielen Räumen, Stiegen und Gängen zum phantasieren brachten. Die Welt draußen ist jedoch nicht so, wie er sich es vorgestellt hatte, frei, sondern im Gegenteil, unterliegt der gänzlichen Kontrolle durch eine einzige riesige Maschine, deren der Mensch zur Gänze unterworfen ist, sodass er von einem Gefängnis in ein noch größeres Gefängnis gelangt, wo er nicht einmal seiner Phantasie freien Lauf lassen kann ohne Hungers zu sterben.Fazit im Buch von Frau Gebeshuber, wie im Buch von Scalfari ist, alles was wir Menschen an Freiheit besitzen, ist in unserem Kopf, in unserem Geist und in unserem Herzen, im Menschen selbst enthalten also. Die Welt wird von uns Menschen erschaffen und je kreativer, naturverbundener und gütiger wir zu uns und zu anderen sind, desto mehr werden wir einen Planeten erhalten können, auf dem es sich auch gut leben lässt.Abschließend und zusammenfassend sei noch ein Zitat aus dem Buch herausgegriffen:Die hier vorgestellte Vision der Zukunft sieht homogene Entwicklung hin zu einer inhomogenen Welt voraus. Gerade die Möglichkeit der Kontrolle der Sinne der Individuen wird den Menschen in gewissem Rahmen die Freiheit geben, sich so zu entwickeln, wie sie es sich vorstellen. Während, wie vorab beschrieben, ein Teil der Menschheit relativ rasch höhere technische Standards erreichen können wird, wird ein Großteil der Weltbevölkerung eine langsamere Entwicklung durchlaufen. Vor allem die Kosten der Implantate, die möglichst früh in den menschlichen Körper werden integriert werden müssen, werden vielen die Teilnahme an der vollen Illusion verwehren. Substitute, also Spezialbrillen, -kopfhörer und -mikrofone, die über die Körperenergie angetrieben werden, werden aber weit verbreitet sein. Langfristig werden diese Implantate aber viel kleiner und teilweise sogar selbstanpassend werden, was zu einer weiteren Zunahme des Anteils der Menschen führen wird, die eine fast perfekte Simulation der maschinellen Träume erleben können.Dadurch wird ein Auseinanderdriften der verschiedenen Gruppen in der Zukunft unvermeidlich. Der unterschiedliche Realitätsbezug und die zusätzliche Aufsplitterung in verschiedene Parallelebenen wird die Kommunikation zusätzlich erschweren. Die Welt wird – obwohl die Sprachbarriere durch die digitale Zwischenebene beseitigt sein wird – zu einem Labyrinth werden, das die Menschen daran hindern wird, einander näher zu kommen. Die unterschiedliche Sicht der Welt, mit ihren Millionen von individuellen Wahrheiten, wird die Bildung einer Weltgemeinschaft nahezu unmöglich machen. Dies vor allem, weil die gemeinsamen Bezugspunkte mangels einer gemeinsamen Kultur nicht mehr gegeben sind und das Individuum schon heute nur ca. 3% seiner Umgebung genauso wahrnimmt wie seine Mitmenschen.
Ille C. Gebeshuber ist Professorin für Physik an der Technischen Universität Wien. In diesem Buch beleuchtet die gläubige Wissenschaftlerin das gespannte Verhältnis der Menschheit zur Natur.In drei Teile bringt sie uns ihre Gedanken zur Zukunft näher. Der Mittelteil „Die Zukunft - Verstehen“ ist in viele Unterkapitel geteilt.Gebeshuber zeigt bereits bekannte Möglichkeiten, die Zukunft lebenswerter zu gestalten auf. Dazu zählt der Einkauf regionaler und saisonaler Produkte. Oder die Einsicht, dass „Menschen nicht die Herrscher der Natur sind, sondern ein Teil von ihr. Ein Teil, der sich nahezu unlösbaren Problemen gegenübersieht, der aber noch eine gute Chance hat, die Dinge zum Positiven zu verändern.“ (S. 8).Richtig erkannt hat sie, dass „Ein Problem der politischen Entscheidungsträger ist ihr Fokus auf die kurzen Perioden, für die ihnen die Bürger ihre Stimme geben. Sie können in der kurzen Regierungszeit keine wirklich effektiven Schritte anstoßen, da in deren Folge die Belastungen der Staatsbürger zunehmen würden und ein weiterer Wahlsieg unwahrscheinlich erscheint. Vor allem auf der globalen Ebene und dem Verhältnis zu den ärmeren Staaten und der Natur tut sich hier ein Dilemma auf.“ (S. 227)Doch gerade das von der Covid-19-Pandemie gebeutelte Jahr 2020 und die Einsamkeit durch die Isolation, birgt auch zusätzliche Gefahren:„Unsere derzeitige Isolation macht es den professionellen Meinungsbildnern sehr leicht, uns zu beeinflussen und vor allem unsere Träume zu beschränken.“Dennoch keimt verhaltene Hoffnung auf, dass sich die Menschen eines Besseren belehren lassen. Aus einer Stimme gegen ungerechte Verteilung der Ressourcen müss(t)en nur viele Stimmen werden.„Die Welt hat genug Reichtum für alle Menschen, und es ist möglich, dass wir alle im Einklang mit der Natur leben können. Es bedarf nur eines gemeinsamen Wollens und des Hintanstellens der so kurzsichtigen Egoismen.“Ob das wenigstens in kleinem Rahmen gelingen kann?Fazit:Eine interessante Vision, die Stoff zum Nachdenken bietet. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.