Nur alle Jubeljahre gibt es ein Buch, dessen Protagonisten und Inhalt mir so ans Herz gehen wie dieses hier. Ich fürchtete schon das Schlimmste, als ich in anderen Rezensionen las, die Hauptfigur Mitzy oder sogar alle anderen wären total unsympathisch. Jetzt, wo ich das Buch beendet habe, kann ich das überhaupt nicht bestätigen. Im Gegenteil.Mitzy ist 14 und lebt mit ihrer Mutter Valentina in einem kleinen Dorf in Cornwall. Ihr beider Leben ist trist. Valentina ist eine halbe Zigeunerin und verkauft Zauber, Kräuter-Mittelchen und auch ihren Körper, um sie beide über die Runden zu bringen. Man erfährt nichts über Valentinas Vergangenheit, aber diese hat sie hart und unerbittlich gemacht.Die Beiden werden von den Dorfbewohnern so häufig aufgesucht, wie sie gehasst werden. Sie sind Sonderlinge und Aussätzige und Mitzy wird in der Schule nur gehänselt und gemobbt. Bis auf den Jungen Wilf Coulson hat sie keine Freunde. Bis Charles Aubrey mit seiner Familie 1937 zur Sommerfrische in den Ort kommt. Mit ihrem Auftauchen scheint sich das endlos-trübe Grau über Blacknowle zu heben. Sie sind faszinierend, vor allem für Mitzy. Charles und seine Geliebte Celeste sind nicht verheiratet, haben aber zwei Kinder im Alter von 7 und 12 Jahren miteinander. Und als wäre das nicht schon skandalös genug, ist Celeste auch noch eine Marokkanerin, die sich mit bunt schillernden Kaftanen und blitzendem Schmuck kleidet.Mitzy und die ältere Tochter Delphine werden schnell Freundinnen. Mitzy lernt zum ersten Mal wahre Zuneigung und ein herzliches Familienleben kennen. Und nicht nur das - Charles findet in ihr seine neue Muse, die er ständig zeichnet. Man erfährt nichts genaueres, doch gewisse Dialoge zwischen Celeste und Charles deuten an, dass Charles seine Modelle häufig nicht nur zeichnet, sondern auch Affairen mit ihnen hat, was regelmäßig Celestes Eifersucht weckt - auch wenn es grundlos ist. Noch ist Mitzy zu jung und kindlich, doch man spürt, wie diese Begegnung und Charles Aufmerksamkeit, seine Blicke beim Zeichnen, die Frau und eine leidenschaftliche Liebe in ihr wecken.Insgesamt drei Sommer verbringt die Familie in Blacknowle, doch kein Sommer ist mehr so harmonisch wie der erste. Celeste bemerkt Mitzys Schwärmerei und versucht langsam und allmählich, sie von der Familie abzudrängen. Doch stattdessen setzt Charles sogar durch, dass sie zu fünft nach Marokko reisen, wo es schließlich zum Eklat kommt. Mehr kann ich an dieser Stelle nicht sagen, sonst würde ich zu viel verraten.Parallel dazu läuft eine Geschichte in der Gegenwart, die, wie üblich bei Katherine Webb, die Geschehnisse der Vergangenheit aufdeckt. Der junge Kunsthändler Zach hat keinen Erfolg mit seiner Galerie, ist geschieden und bekommt sein Buch über den von ihm hoch verehrten Künstler Charles Aubrey, der 1940 im 2. Weltkrieg gefallen ist, nicht fertig. Als seine Exfrau mit ihrer kleinen Tochter nach Amerika auswandert, verliert er völlig den Boden unter den Füßen und weiß nicht mehr, wie es weitergehen soll. Da sein Verlag ihm Druck macht wegen des Buches, reist Zach nach Blacknowle, um Nachforschungen über Aubrey anzustellen. Er lernt dort die Bio-Schäferin Hannah kennen, die ihn trotz ihrer abweisenden Art fasziniert, und er stößt auf die fast 90jährige Mitzy, die noch immer in dem kleinen Häuschen ihrer Mutter lebt. Was für eine Quelle! Nur mit viel Überzeugungskraft und Gutmütigkeit schafft Zach es jedoch, dass Mitzy über die Vergangenheit spricht. Und ziemlich schnell merkt er, dass da vieles nicht im Reinen ist und dass sie ihm einiges verschweigt ...Ich war von der ersten Seite an total im Bann des Buches und habe jede verfügbare Minute zum Lesen genutzt. Es ist unglaublich spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Die scheinbar verwirrte (alte) Mitzy hat mich sofort fasziniert. Was sieht und hört sie da? Welche Frau sieht sie auf der Klippe stehen? Was ist geschehen? Als sich dann nach und nach ihre Geschichte vor mir ausbreitete, konnte ich mich ganz und gar in sie hineinversetzen. Bei jeder Szene mit ihrer lieblosen, völlig unberechenbaren Mutter schnürte sich mir vor Anspannung die Kehle zu. Das Gefühl, so allein zu sein und möglichst allen aus dem Weg zu gehen, um nicht wieder beschimpft oder mit Dingen beworfen zu werden, war für mich fast greifbar. Und dann natürlich - die logische Konsequenz - ihr Aufblühen, als sie die Aubreys kennenlernt und auf keinen Fall wieder verlieren will. Ihre gesamte Person und alles was sie tut, ist für mich in sich so stimmig, als wäre ich selbst Mitzy.Fasziniert war ich auch von Charles und den Bild-Beschreibungen. Ich konnte sie förmlich sehen, seine Gemälde und Zeichnungen. Ich habe sogar gegoogelt, ob es den Mann wirklich gegeben hat, denn anders konnte ich mir nicht erklären, wie die Autorin vor meinem geistigen Auge Bilder entstehen lassen konnte, die ich noch nie gesehen habe. (Und: Nein, es gab Charles Aubrey nicht und auch keines der Bilder.) Katherine Webb hat hier unglaubliche Arbeit geleistet mit ihrem Buch.Die einzige Person, die ich bis zum Schluss nicht mochte, war Hannah. Ich kann auch Zachs Faszination für sie überhaupt nicht nachvollziehen. Eine ewig schmutzige, nach Tieren stinkende, schroffe Frau, die gläserweise Bier in sich reinschüttet und in deren Haus es aussieht wie bei einem Messie - das ist beim besten Willen keine Traumfrau.Etwas schade finde ich es, dass der Verlust von Zachs Tochter - der ihn ja eigentlich in eine Depression stürzt - dann doch ziemlich schnell vergessen ist. Einmal wird sich noch aufgeregt wegen eines ausgefallenen Chats mit ihr, dann ist das Thema irgendwie abgehakt.Besonders gefiel mir, dass die beiden Epochen nicht klar durch Kapitel abgetrennt, sondern miteinander verwoben erzählt werden. Das machte die Geschichte noch dichter und greifbarer.In meinen Augen ist es bisher das beste Buch von Katherine Webb und es wird wohl schwer sein, dieses Level aufrecht zu erhalten in Zukunft. Doch wenn sie in Zukunft nicht völlig den Stil ändert und daneben haut, hat sie mit mir eine treue Leserin fürs Leben gefunden. Ich kann dieses Buch jedem, der sich für spannende Geschichten mit viel Tiefe begeistern kann, nur ans Herz legen.
Was macht uns zu den Menschen, die wir sind? Beeinflusst uns unsere Herkunft in unseren Entscheidungen? Lassen sich Liebe und Eifersucht unterdrücken und wann müssen wir loslassen? Oder wie weit sind wir bereit zu gehen?Der junge Zach steht in seiner Galerie und fragt sich, wann sein Leben begonnen hat, die falsche Wendung zu nehmen. Einziger Halt neben seiner kleinen Tochter sind drei Kunstwerke des berühmten Malers Charles Aubrey. In dem Vorhaben, sein Buch über den Künstler endlich zu vollenden und sein Leben zu ordnen, begibt sich Zach auf den Weg an die Küste Dorsets. Im beschaulichen Blacknowle trifft er auf Dimity Hatcher, eine frühere Muse Aubreys, die sich in schwärmerischer Liebe an den Maler erinnert - und Zach Stück für Stück Einblick in ihre schicksalshafte Vergangenheit gewährt.Katherine Webb entführt den Leser nach und nach in das kleinbürgerliche Blacknowle der 30er-Jahre, wo Dimity unter dem strengen Regiment ihrer Mutter Valentina ein klägliches Dasein fristet. Erst als sie mit Delphine, der Tochter Aubreys, eine echte Freundin findet, scheint ihr Leben mit Licht und Farbe erfüllt zu werden. Charles bringt sie zum Leidwesen seiner schönen Geliebten Celeste etliche Male auf Papier und weckt in ihr die Sehnsucht nach mehr. Bis etwas Unheilvolles geschieht…Der Roman folgt im Wesentlichen zwei Handlungssträngen: der - zugegebenermaßen interessanteren - Vergangenheit „Mitzys“ und der Gegenwart, in der wir ihr und Zach gleichermaßen begegnen. Webb hat diese Form des Erzählens bereits in ihren zwei Vorgängerromanen gewählt, die ich ebenfalls mit Genuss gelesen habe.Mit dem Werk „Das verborgene Lied“ schafft es die Autorin, mich komplett von ihr zu überzeugen. Ich habe das Buch förmlich verschlungen. Insbesondere die Tatsache, dass die Kunst hier eine eklatante Rolle spielt und man den Eindruck hat, die Bilder von Charles Aubrey vor sich zu sehen, hat mir imponiert. Ich fand es spannend, Einblicke in die Motivation eines Malers zu bekommen, die hinter jedem Bild steckt.Entgegen der Meinung anderer Rezensenten fand ich alle Figuren passend gezeichnet. Sicher, die Männer wirken blasser, aber sind sie nicht in dieser Geschichte das eindeutig schwache Geschlecht? Identifikationspotenzial hatte zwar keine Romanfigur im Ganzen, dafür aber jede im Detail. Ich hatte vor allem mit Mitzy, Valentina und Elodie (der Schwester Delphines) meine Startschwierigkeiten, konnte sie im Romanverlauf aber immer besser verstehen.Nicht zu vergessen: Gerade sprachlich (nicht zu sachlich, nicht zu lyrisch) weiß die Autorin zu begeistern. Ich habe mich förmlich nach England versetzt gefühlt. Inhaltlich verlief die Handlung nicht immer haargenau nach meinem Geschmack. Aber Geschichten sind nun mal kein Wunschkonzert. :)Alles in allem kann ich die Lektüre all jenen empfehlen, die spannende Familiengeschichten mögen und denen die Kunst am Herzen liegt! Fünf Sterne, weil Katherine Webb auf dem besten Weg ist, meine Lieblings(schmöker)autorin zu werden und ich den Roman einfach nicht mehr aus der Hand legen konnte.