Jeannette Walls wird 1960 in eine sehr ungewöhnliche Familie hineingeboren: Rex und Mary Rose Walls leben ein unstetes Nomadenleben und ziehen mit Jeannette und ihren Geschwistern Lori, Brian und Maureen von Arizona nach Kalifornien und von dort über Nevada nach West Virginia. Nirgendwo bleiben sie lange, ständig sind sie auf der Flucht vor Gläubigern und Krankenhausrechnungen. Die Familie wohnt in baufälligen Häusern, einem Wohnwagen, in Autos und irgendwann sogar auf der Straße.Während der Vater ein ambitionierter Träumer und hoffnungsloser Säufer ist, widmet sich die egomanische und arbeitsscheue Mutter vollkommen ihrer Malerei und lässt die Kinder verwahrlosen.Weitgehend auf sich selbst gestellt und von einer dürftigen Mahlzeit zur anderen lebend, erleben Jeannette und ihre Geschwister ihr unstetes Leben als ein einziges großes Abenteuer. Bis die Last des Außenseitertums und der bitteren Armut sie schließlich zu erdrücken droht.Meine Meinung:Nach “Ein ungezähmtes Leben”, dem biographischen Roman über ihre Großmutter, habe ich mit “Schloss aus Glas” nun endlich Jeannette Walls’ eigene Memoiren gelesen. Was Walls als Kind und Jugendliche erlebt hat, ist unbeschreiblich. Der illusorisch-verlotterte Lebensstil ihrer Eltern, die sich mit aller Macht gegen jede Form der modernen Gesellschaft sträuben, kann selbst die Kinder bald nicht mehr über die gravierenden Mängel hinwegtäuschen. Zwischen glorifizierter Naturverbundenheit und dem Leben nach den “wahren Werten” auf Art der “Indianer und Pioniere von damals” müssen die Geschwister barfuß und in löchrigen Kleidern herumlaufen, in Pappkartons statt in Betten schlafen und sich vor lauter Hunger aus Mülltonnen ernähren.Eindringlich und absolut fesselnd schildert Jeannette Walls ihre außergewöhnliche Kindheit. Dabei gelingt es ihr auf herausragende Weise, aus einer klaren und unverschleierten Sicht ihres jüngeren Ichs zu erzählen, voller Ehrlichkeit und niemals anklagend oder in geringster Weise Mitleid heischend. Sämtliche Personen sind für den Leser greifbar und selbst in ihren eigennützigesten Handlungen nachvollziehbar, was vor allem in der ambivalenten Figur von Jeannettes Vater zu Tage tritt, einem hochintelligenten Mann, der unfähig ist, sich in die Gesellschaft zu integrieren, der seine Kinder abgöttisch liebt, ihnen in seiner Trunksucht aber jedwede Lebensgrundlage entzieht.Walls erzählt voller Kraft und unerschöpflichem Lebensmut und dabei immer wieder durchblitzendem Humor. Sie macht das Beste aus den schwierigen Umständen, unter denen sie aufgewachsen ist und schafft es, selbst den schlimmsten Erfahrungen etwas Gutes abzugewinnen. Es ist ihre unerschrockene Art, die sie am Ende vielleicht sogar ihren Eltern zu verdanken hat.Fazit:Ein ganz erstaunliches Buch über eine außergewöhnliche Kindheit, das allen Widrigkeiten und negativen Erlebnissen zum Trotz durch und durch positiv ist.
Über den Inhalt ist ja in vielen Bewertungen schon hinreichend geschrieben worden. Habe das Buch heute früh in der Bahn beendet und stellte dabei erst entsetzt fest, dass es sich hier um eine echte Autobiographie handelt. Während des Lesens schwankte ich laufend zwischen Abscheu und Bewunderung für Jeannettes Eltern, die letztendlich nicht in der Lage sind, ihren Kindern emotionalen und materiellen Halt zu bieten da sie die Realität Ihres Lebens und ihrer Verhältnisse komplett negieren.Trotzdem meistern 3 ihrer 4 Kinder gestärkt - besser gestählt - ihr eigenes Leben, nachdem sie es endlich geschafft haben, sich aus dem für Würgegriff ihrer sozialen Lage zu befreien. "Was uns nicht tötet, macht uns hart!" Trotzdem handelt es sich hier nicht um eine kindliche Leidensgeschichte. Die Autorin schildert ihre unkonventionelle Kindheit anfangs naiv, fast begeistert, später dann kritisch und pragmatisch - behält dabei trotzdem immer einen liebevoll, besorgten Blick auf ihre Eltern. Etwas kleinlaut stelle ich mir als Leser, welcher in gutbürgerlichen Verhältnissen gross geworden ist, die Frage, welche Chancen im Leben ich schlicht aus Bequemlichkeit und Wohlstand habe ungenutzt verstreichen lassen....Der Autorin und ihren Geschwistern gilt meine volle Bewunderung!