Für mich gehören die Briefe, die Rainer Maria Rilke 1903, 1904 und 1908 an Franz Xaver Kappus schrieb, mit zum Schönsten, was es an Weltliteratur in deutscher Sprache gibt. Der junge, literarisch begabte Offizier hatte sich ratsuchend an Rilke gewandt, und der erklärt ihm: "Sie fragen, ob Ihre Verse gut sind. Sie fragen mich. Sie haben vorher andere gefragt. Sie senden sie an Zeitschriften. Sie vergleichen sie mit anderen Gedichten, und Sie beunruhigen sich, wenn gewisse Redaktionen Ihre Versuche ablehnen. Nun (da Sie mir gestattet haben, Ihnen zu raten) bitte ich Sie, das alles aufzugeben. Sie sehen nach außen, und das vor allem dürfen Sie jetzt nicht tun. ... Es gibt nur ein einziges Mittel. Gehen Sie in sich." Schöner kann man einem jungen Menschen, ja eigentlich jedem Einzelnen jeden Alters, nicht raten, seinen eigenen Weg zu gehen.Kappus und Rilke tauschen sich auch über ihre jeweilige Lektüre aus. Was Kappus schreibt, wissen wir nicht, aber Rilke antwortet: "Suchen Sie die Tiefe der Dinge: dort steigt Ironie nie hinab. ... Von allen meinen Büchern sind mir nur wenige unentbehrlich, und zwei sind sogar immer unter meinen Dingen, wo ich auch bin. Sie sind auch hier um mich: die Bibel, und die Bücher des großen dänischen Dichters Jens Peter Jacobsen." Dann rät er dem angehenden Dichter: "Leben Sie eine Weile in diesen Büchern, lernen Sie davon, was Ihnen lernenswert erscheint, aber vor allem Lieben Sie sie."Das muss man sich in der heutigen Zeit einmal auf der Zunge zergehen lassen: man soll Bücher "lieben". Wer das einmal begriffen hat, merkt, was die Dinge im eigenen Bücherschrank oder in den Buchhandlungen wirklich wert sind. Bei Texten, die man nicht lieben kann, lohnt es sich nicht, ihnen Lebenszeit zu widmen. Diese zehn Briefe des Rainer Maria Rilke gehören - wie ich bemerkt habe - zu jenen Büchern, die ich liebe. In ihnen offenbart der Dichter seine Gedanken über die Arbeit des Künstlers, über Gott, über die Liebe, den Tod und andere Grundfragen des Lebens wie die Traurigkeit und die Einsamkeit. Weihnachen 1903 schickt Rilke dem jungen Mann einen Gruß und erklärt ihm noch einmal, wie wichtig die Einsamkeit ist, an der er so schwer zu tragen hat: "Aber wenn Sie dann merken, dass sie groß ist, so freuen Sie sich dessen; denn was (so fragen Sie sich) wäre eine Einsamkeit, welche nicht Größe hätte; es gibt nur eine Einsamkeit, und die ist groß und ist nicht leicht zu tragen, und es kommen fast allen Stunden, da sie sie gerne vertauschen möchten gegen irgendeine noch so banale und billige Gemeinsamkeit, gegen den Schein einer geringen Übereinstimmung mit dem Nächstbesten, dem Unwürdigsten. Aber vielleicht sind das gerade die Stunden, wo die Einsamkeit wächst..."Und wachsen soll sie, die Einsamkeit. Rilke: "Denken Sie, lieber Herr, an die Welt, die Sie in sich tragen. ... Nur der einzelne, der einsam ist, ist ein Ding, unter die tiefen Gesetze gestellt, und wenn einer hinausgeht in den Morgen, der anhebt, oder hinaus in den Abend schaut, der voll Ereignis ist, und wenn er fühlt, was da geschieht, so fällt aller Stand von ihm ab, wie von einem Toten, obwohl er mitten in lauter Leben steht."Das Büchlein umfasst keine hundert Seiten, man kann es also an einem Abend durchlesen. Man kann aber auch immer nur einen einzelnen der Briefe lesen. Immer wieder, immer wieder. Deswegen habe ich den schmalen Band in meine Handtasche gesteckt, um ihn immer bei mir zu haben. Wenn mich jemand geärgert oder verletzt hat, schlage ich es auf und genieße Rilkes weise Worte. Allein schon seine Sprache, die erhabene Art seiner Wortewahl, lohnt das Hineinschauen.
Rilke beschreibt seine eigenen Auffassungen über Aspekte des Lebens in seinen zehn Briefen an einen jungen Mann.In seiner besonders eindrücklich Sprache schreibt er über die Ernsthaftigkeit, die es im eigenen Schaffen Prozess braucht, über die Notwendigkeit, sich dem Schweren zu zuwenden, über das Schicksal, das man als Begebenheit in sich selbst aufnehmen kann, bevor es Wirklichkeit wird.