„Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ ist eine wunderbare Entfaltung Nietzsches über die griechische Götterwelt und ihren Einfluss auf ihn, auf die Menschheit aus seiner Sicht und in Folge auf das Denken. Nietzsche beginnt sein Werk mit einem „Versuch einer Selbstkritik“. Nietzsches Abhandlung ist in gewisser Weise dreigeteilt. Er stellt zu Beginn das Apollionische, das Dionysische, jene beiden griechischen Götter in den Vordergrund und beleuchtet von diesen ausgehend deren Einfluss auf die Menschen.. Bisher konnte man die beiden Seinsweisen (apollinisch vs. dionysisch) als reines Gegenüber im Wettbewerb begreifen und vor allem konnte man Nietzsche als dem reinen Zugewandten des Dionysischen zuordnen. Doch fest steht spätestens mit dieser Schrift, dass die Grenzen des Dionysischen im Apollonischen liegen, ja dass das Apollinische vielmehr in seiner Gesamtheit das Dionysische erst ermöglicht. Es ist eine centaurische Geburt, wie Nietzsche selbst formuliert in dem er sagt, dass eine höhere Kultur dem Menschen ein Doppelhirn geben muss, einmal um Wissenschaft, sodann Nicht-Wissenschaft zu empfinden. Gefühl und Denken sind dem Menschen eigen, Rausch und Traum, damit Ich-Grenzen gesprengt werden aber dennoch ohne das Dasein unter dem Gesetz von Maß, Grenze und schöner Gestalt zu verklären. Ergänzend sei gesagt, dass beide Seiten eine zeitliche Orientierung haben, jedes Ich ist ein im Moment gültiges Ich in der dann zeitlich definierten Gefühls- oder Denklage. Das Apollinische definiert die Grenzen, damit der Mensch an der dionysischen Wahrheit nicht zu Grunde geht. (vgl. Safranski: Wieviel Wahrheit braucht der Mensch?) Aber nicht allein dieses ist zu beachten, nein, Nietzsche sieht hier den Beginn der griechischen Tragödie. Und das Ende der griechischen Tragödie, über die Trennung von der Götterwelt des Apollo und Dionysos kommt Nietzsche zu den Fragen der Philosophie eines Sokrates, der nicht die Ambivalenz des oben genannten und dessen ständigen Machtkampf verkörpert, sondern mit Sokrates steigt die reine Vernunft in den Ringkampf und scheint damit das volle Lebens zu verdrängen. Das Ende der Tragödie naht, Sokrates möge nur Musik machen, Musik, ein Bestandteil des Lebens, der Tragödie; der Chor, ein Instrument, Zuschauer und Schausteller zu verbinden, Euripides sollte sich an die höhere Form der Tragödie wieder anpassen und sich weniger der Sokratesschen Ratio verbürgen. Nietzsches Sokrateskritik ist einmalig. Musik ist das Thema des dritten Teils. Wie schafft die deutsche Idee die Tragödie im Geiste der griechischen Tradition wieder herzustellen? Musik im Sinne Wagners ist gefragt und damit mündet für Nietzsche alles gemäß der o. a. Vorbereitung in dieser Abhandlung hin zu dem Wunsche, seinem Freund und Zeitgenossen Richard Wagner zu huldigen, weil dieser ihm Halt gab in einem oszillierendem Leben zwischen dem Apollinischen und dem Dionysischen. Und in der konsequenten Fortführung gelangt man zum Willen zur Macht, der aber nichts anderes ist, als der Bedarf nach einem selbstbewussten Leben, welches unter furchtbaren Selbstopfern der Wertschöpfung dient und sich mangels Anerkennung selbst verkündet. (vgl.: Der konsequente Wille, Roger Kunert; Der Denker auf der Bühne, Peter Sloterdijk)Dennoch! Da wo Nietzsche optimistisch über Abgründe geht, macht er vor, was es heißt, Zeitgenosse zu sein. Er bejaht den Weltlauf, der ihn zu erdrücken droht und schafft damit Raum für die Bejahung seines Selbst. Er ist Zeuge für das Glück derer, die ohne Hoffnung sind. Nichts anderes ist im Jahre 2006 oder eben in diesem Jahrtausend von Bedeutung.Insgesamt ist dieses Erstlingswerk ein wunderbarer Einstieg in die Nietzsche Welt. Ein- und Ansichten werden bestens vermittelt, ein Wissen und Denken, welches man nicht teilen muss, welches aber dennoch bereichert.