Rezension des Buches „Stalingrad“ von Theodor Plievier, erschienen in der Bibliothek des 20. Jahrhunderts, herausgegeben von Walter Jens und Marcel Reich-RanickiBald nach Beendigung des 2. Weltkrieges erschien 1945 im „Aufbau-Verlag“ der Roman „Stalingrad“ von dem späteren DDR-Autor Theodor Plievier. Er gehört zu den großen Werken der deutschen Nachkriegsliteratur. Und unterscheidet sich von den Werken westlicher Autoren über den Zweiten Weltkrieg dadurch, dass Plievier Ross und Reiter nennt und nicht das Versagen der Militärs verschweigt, die in der jungen Bundesrepublik tabuisiert worden waren, wie dies von literarischen Verdrängungskünstlern wie Hans Helmut Kirst, Heinz G. Konsalik u. a. jahrelang betrieben wurde.Theodor Plievier hatte sich bereits Ende der 1920erJahre einen Namen als Schriftsteller gemacht. Während der Nazizeit war er schon bald nach der Machtergreifung der Nazis 1933 nach Moskau ins Exil gegangen. Dort hatte er diesen ersten Kriegsroman über den militärischen Wendepunkt des Krieges geschrieben. Dies war eigentlich kein Nachkriegsroman, sondern Exilliteratur. 1945 nach seinem Erscheinen als erstes Buch im Aufbau-Verlag erschienen, wurde es zum Bestseller. Und diente Rowohlt später als einer seiner ersten Rotations-Romane.Für diesen Roman durfte Plievier, der kein Teilnehmer der Schlacht um Stalingrad war, monatelang gefangene deutsche Soldaten in Lagern bei Moskau befragen und erhielt Zugang zu sowjetischen Akten. Es war das erste Buch, welches das deutsche Volk über die Einzelheiten des Untergangs der 6. Armee in Stalingrad informierte. Das Buch wurde in 14 Sprachen übersetzt und war das erfolgreichste Buch Plieviers. Dieses Werk wurde später erfolgreich als Fernsehfilm und Theaterstück dramatisiert. Seine Triologie über den großen Krieg im Osten während des Zweiten Weltkrieges umfasst die Romane Stalingrad (1945), Moskau (1952) und Berlin (1954) (siehe auch: Wikipedia, Eintrag „Theodor Plievier“).Das Buch berichtet über die schrecklichen Kämpfe der deutschen Wehrmacht um „Stalingrad“. Zu Beginn des Buches hat ein Generalstabsoffizier aus der Deutschen Stalingradarmee das Wort, das er an Kriegsgefangene und Stalingradkämpfer hält. Er spricht von einer gewissenlosen Kriegsführung um Stalingrad. Dies wird einmal in der Kriegsgeschichte als Musterbeispiel dafür dienen, wie militärischer Dilettantismus und schonungslose Gewaltherrschaft eine Schlacht zum entscheidenden Endpunkt eines Krieges werden ließen und damit ein tapferes Volk dem sicheren Untergang zuführten. Eine ausreichende Versorgung zweier Armeen war nicht mehr zu erreichen. Die Vernichtung einer ganzen Armee war ein Verbrechen an der deutschen Nation. Hitler wagte es, eine Armee in den sicheren Tod zu schicken, statt ihnen die Gelegenheit zur Kapitulation zu geben. Und die Soldaten glaubten an Hitler, sie kämpften, sie froren, sie hungerten, sie rannten an, sie starben für Hitler. Die Kfz-Lage war schlecht. Winterkleidung und Winterausrüstung existierten nur in mangelhafter Menge.Nach einem von der deutschen Wehrmacht abgelehnten Kapitulationsangebot der sowjetischen Militärs ging die Sowjetarmee am 19. November 1942 zum Angriff über. Die 6. Armee wurde eingekesselt. Die Versorgungsbasen waren abgeschnitten. Der geringe Betriebsstoffvorrat schränkte die Versorgung durch Kfz auf ein Minimum ein. Frost und Schnee erschwerten den Transport durch Pferde. Die Zusage vom Hauptquartier, dass die Lufttransportflotte täglich 300 t Versorgungsgüter einfliegen würde, wurde nicht eingehalten. Dies wären 150 Einflüge am Tage gewesen. In Wirklichkeit belief sich die Lieferung pro Tag zuerst auf 120t bei 60 Einflügen als Maximum, später wurden es immer weniger. Zum Schluss seiner Rede ruft der Generalstabsoffizier den Kriegsgefangenen zu: „Vergesst nicht, vergesst nicht!“Dann berichtet der Autor von dem Kampf, von den dreckigen Löchern, von dem Gestank des Todes. Und von 16 Kubikmetern erschlagenen Menschenfleisches, von Artillerieangriffen, von den Trümmern von Infanteriedivisionen, die sich in der Schleife zwischen Don und Don, zwischen Kletskaja und Wertjatschi, nach Stunden absetzten. Er spricht von den Gesichtern von Stumpfsinn und Gelbsucht. „Ihr müsst kämpfen bis zur letzten Patrone!“, hatte der Führer Adolf Hitler seinen Soldaten zugerufen und hunderte Male wurden sie in den Angriff geschickt. Der Führer hatte ihnen gesagt, er werde alles tun, was in seiner Macht stünde, sie herauszuhauen, und sie hielten aus. Aber Hitler tat nichts. Es war die Hölle auf Erden.Es gab nicht viel an Verpflegung, auch die Versorgung mit Pferdefleisch klappte nicht mehr, das nicht ein Gramm Fett enthält; man war im Kessel von einem feuernden Halbkreis umgeben und in eine klammernde Faust genommen.Plievier schreibt über die Soldaten, die mehr als einmal vom Luftdruck an den Boden geschmettert wurden; die Knochen waren ihnen geprellt und die Haut zerschunden worden; es war vorgekommen, dass sie sich Fleischfetzen und Därme des Nachbarmannes aus dem Gesicht hatten wischen müssen, aber sie selbst waren heil geblieben.In Berlin sitzen zwei Offiziere beim OKH: Oberst Schuster, Adjutant des Chefs des Personalamtes beim OKH in Berlin, und Oberstleutnant Carras, der in der späten Abendstunde in seiner Wohnung angerufen und einbestellt worden war. Dem 48 jährigen Oberstleutnant Carras wurde von seinem Freund Schuster seine Versetzung zur 6. Armee vorgelesen, schon am nächsten Tag. Nominell zur Einarbeitung in die Geschäfte eines Artilleriekommandeurs, darüber hinaus aber betraut mit einer besonderen, einer besonders heiklen, ehrenvollen und ihm geradezu vom Führer anvertrauten Aufgabe. Diese Versetzung sei völlig sinnlos, sagte Carras seinem Freund. Dann wurde der Oberstleutnant Carras zum Obersten ernannt. Als er nach Hause kam zu seiner Frau, war er ein frisch gebackener Oberst. Sie wollten feiern und fuhren in das Zentrum von Berlin. Er wollte es noch nicht sagen, dass er nach „Stalingrad“ versetzt worden war, aber sie wusste es bereits. Am nächsten Morgen musste er losfliegen. Über Lemberg- Winniza – nach Mariupol. Und dann nach Stalingrad. Sie landeten auf dem Flugplatz Pitomnik. Hunderte von Verwundeten hatten die Ju umringt. Es war kaum möglich, das Gepäck hinauszuschaffen. Dann kam ein LKW, der Oberst Carras und seine Leute nach Gumrak und weiter nach Stalingrad bringen sollte. Zwei Hauptmänner waren dabei. Sie sollten der Kampfgruppe des Oberst Vilshofen zugeteilt werden. Immer wieder berichtet er über diesen Oberst Carras.Der Autor schreibt über die Ankunft eines Flugzeuges, einer JU 52 (bei der Junkers JU 52 handelte es sich ursprünglich um die Entwicklung eines einmotorigen Frachtflugzeuges, das zu militärischen Zwecken weiterentwickelt wurde; die "Tante JU" hatte damals Kultstatus). Schwerverwundete wurden von den Sanitätern auf das Rollfeld getragen. Hunderte von Soldaten humpelten und stolperten, so schnell sie konnten, von den Verwundetenzelten zum Flugplatz. Viele wurden überrannt und niedergetreten. Eine gierige Masse Mensch wollte in das Innere des Wundervogels und damit raus aus der Hölle. Und der Raum bot nur Platz für zwanzig Mann. Beim Starten einer zweiten JU gab es unter den Schwerverwundeten Tote. Er schreibt über einen Pfarrer, der Vikar im Corveyer Land, in Höxter an der Weser, gewesen war. Eines Tages blieb ihm nur noch die Wahl zwischen Konzentrationslager- und Wehrmachtspfarrer. Er hatte sich für die Wehrmacht entschieden und kümmert sich in Russland um die Sterbenden, denen er zuhört in ihren noch verbleibenden Minuten und dann die Augen schließt; um die, die noch eine Zigarette von ihm wollen; und auch um die, die nach einer Hostie verlangen, und er hat doch nur noch 5 Hostien. Aus dem Soldbuch bricht er das untere Teil der zu diesem Zweck perforierten Erkennungsmarke ab und nimmt sie an sich, tausendfach geübt. Er teilt allen seinen Segen aus. Protestanten, Katholiken, Heiden… Mit dem Hinweis „In der gleichen Stunde“ berichtet der Autor von verschiedenen Abschnitten an der Front, was sich um Stalingrad herum so tut. Oberst Vilshofen z. B. hat mit seiner Kampfgruppe Gutes geleistet. Er wird mit Wirkung vom 1.1.43 zum Generalmajor befördert.Nüchtern, ohne aufgebauschte Emotionen, berichtet der Autor über die unmenschlichen Ereignisse, denen die deutschen Soldaten ausgesetzt waren. Er sieht alles aus der Sicht der Deutschen. Teilweise schildert er die Ereignisse parallel an verschiedenen Orten.Gegen Schluss schreibt er über die Tausende und Abertausende von zerlumpten und heruntergekommenen Soldaten, die dann doch kapitulieren und deren erbärmlichen Züge durch die Stadt gehen. Und von einigen, die tatsächlich kämpfen wollen bis zur letzten Patrone und die damit ausgelöscht werden.Kurz sei der Autor zitiert. Zum Schluss seines Buches schreibt er. „Die Divisionen, Korps, Armeen, das (Oberkommando des Heeres) OKH, das (Oberkommando der Wehrmacht) OKW, der Führer, diese gigantische Pyramide ist nicht Ausdruck des Volkes. Armes deutsches Volk, du hast Städte gebaut, hast Dome gebaut, du hast einen freien Bauern auf freien Grund gestellt, hast auf dem Gebiete der Kunst, der Wissenschaft, des Rechts, der Sprache Höhen erreicht, du hast die Hanse, hast Zünfte, hast das freie Gewerbe, hast mannigfaltigen Ausdruck für deine Wesenheit gefunden und deine Militärorganisation kann allenfalls als ein Zug deines Gesichtes gelten, als ein Ressort deiner gesamten gesellschaftlichen Verfassung. Dieses Ressort hat sich aufgebläht, ist übermächtig geworden, hat alles in sich einbezogen. Es hat alle Dämme niedergerissen und ist über die Landesgrenzen weggeschwemmt und der Bauer hat von seinem Land, der Arbeiter von seiner Arbeit, der Priester von seiner Gemeinde, der Lehrer von seinen Hörern, die Jugend von ihrer Jugend, der Mann von seiner Frau lassen müssen und das Volk hat als Volk aufgehört und ist nichts als Brennstoff für den ungeheuren rauchenden Berg und der einzelne ist nichts als Holz, als Torf, als brennbares Fett und zuletzt eine ausgespiene schwarze Flocke.“Die Schuld für den Zusammenbruch der 6. Deutschen Armee sah Theodor Plievier bei den Offizieren mit ihrem Kadavergehorsam gegenüber Hitler. Er bezeichnete den Einsatz der Soldaten zum Schluss als Mord. Die militärischen Führer der Wehrmacht hatten auf Hitlers Befehl von ihren völlig entkräfteten Soldaten den Kampf bis zur letzten Patrone gefordert; sie selbst aber – bis zuletzt noch gut versorgt mit Cognac und Zigarren – kniffen, versuchten zu fliehen, begingen Selbsttötung oder ergaben sich wie der Oberbefehlshaber der 6. Armee Generalfeldmarschall Friedrich Paulus selbst schließlich doch den Russen – entgegen ihren eigenen Befehlen.Der Autor Theodor Plivier hat die Kämpfe um Stalingrad 1942/1943 aus der Sicht deutscher Soldaten genau geschildert. Sein nüchterner Stil macht das Buch spannend. Es ist erstaunlich, dass dieses Buch bereits 1945 veröffentlicht worden ist, kurz nach der Beendigung des Krieges. Es ist auch heute nach 70 Jahren noch lesbar. Ich halte dies Buch für gut. Der Wahnsinn des Krieges und des Tötens, Tag für Tag, das Versagen von militärischem Führungspersonal, das sich nicht vor seine Leute gestellt hat, wird eingehend und ungeschönt geschildert. Ich kann die Lektüre dieses Buches uneingeschränkt empfehlen.