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Fegefeuer | Sofi Oksanen | Buch | 395 S. | Deutsch | 2010 | Kiepenheuer & Witsch GmbH
Bewertungen & Erfahrungen
4,4 von 5,0
5 Bewertungen
5 ★2
4 ★3
3 ★0
2 ★0
1 ★0
Verteilung basiert auf 5 vorliegenden Einzelbewertungen.
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Redaktion22.05.2026
testmonster.de · Redaktion
Ein wirklich eindringliches und tiefgründiges Werk, das starke Emotionen anspricht, auch wenn der Inhalt sehr intensiv ist. Die Darstellung ist beeindruckend, allerdings empfinde ich die Darstellung als etwas zu explizit für manche Leser.
... aber doch fesselnd. Sofi Oksanen legt einen beeindruckenden Roman hin, der sowohl mit spannender Handlung als auch mit hoher literarischer Qualität aufwartet.Estland 1992, kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Aliide Truu, eine ältere Dame, die einsam und zurückgezogen (und mit einer großen Prise Menschenverachtung in sich) auf ihrem Hof lebt und dort den Alltag mit der Konservierung von Lebensmitteln verbringt, findet im Garten die stark mitgenommene und offensichtlich verwirrte Zara, an die vorerst kaum heranzukommen ist, Ganz gegen ihre Gewohnheit beginnt Aliide sich um das Mädchen zu kümmern, das sich in Lügen über ihre Vergangenheit verstrickt. Der Leser erfährt viel früher als Aliide, dass Zara auf der Flucht vor ihren Zuhältern bei Aliide gelandet ist und auch keineswegs zufällig ausgerechnet in ihrem Garten strandete. Nach und nach taucht der Leser in die jüngere Vergangenheit Zaras und die teilweise weit zurückliegende Vergangenheit Aliides ein, die sich im kommunistischen Estland der Kriegsjahre behaupten musste und unter anderem den Ehemann ihrer von den Kommunisten verschleppten Schwester versteckte. Dabei ist Aliide keineswegs frei von Schuld, wie sich herausstellt. Irgendwann wird auch klar, warum Zara Zuflucht bei ihr suchte, und die Ereignisse sowohl auf der gegenwärtigen als auch auf der vergangenen Handlungsebene nehmen Fahrt auf...Kunstvoll verwebt Oksanen die Handlungsebenen und Stränge, die auch die Perspektiven wechseln und somit nach und nach ein multiperspektivisches Bild der Ereignisse ergeben, das den Leser schnell erahnen lassen, dass allen Beteiligten Grauenvolles widerfahren ist. Sie schafft das, ohne dass eben diese Kunstfertigkeit einem ständig ins Auge springt und man das Gefühl von "bemühter" Literatur hat. Der Perspektivwechsel lässt einen immer atemloser in die Handlung eintauchen, man möchte unbedingt die Beweggründe der beiden Protagonistinnen erfahren.Neben der beeindruckenden Komposition beeindruckt auch Oksanens Sprache und Bildgewalt, die sich allerdings nie aufdrängt oder in metaphorischer Schwülstigkeit endet. Hier seien nur kurz das - auch auf dem Cover aufgedruckte - Leitmotiv der Fliege erwähnt, die immer wieder auftaucht und sowohl Aliides als auch Zaras Ekel vor dem Leben im Allgemeinen und vor Menschen im Besonderen symbolisiert. oder Aliides Leidenschaft für das Konsevieren von Lebensmitteln, das sie einst von ihrer Schwester übernahm und einen Großteil ihres Lebens und ihre Verstricktheit mit der Vergangenheit, ja ihr ausschließliches Leben in dieser, widerspiegelt.Ein großer Roman, melancholisch und zugleich lakonisch, bild- und sprachgewaltig, anspruchsvoll, ohne mit aufgezwängter Bildung oder unnötigen Exkursen überfrachtet zu sein, über ein Thema, über das wahrscheinlich nicht viele Menschen viel wissen und der allein deswegen schon sehr viel Beachtung verdient.
Als Aliide Tru, eine alte Frau, die allein in einem Bauernhaus auf dem estnischen Land lebt, ein Bündel in ihrem Garten findet, das sich als junge Frau entpuppt, schluckt sie ihre Skepsis und Menschenverachtung herunter und nimmt Zara in ihr Haus auf. Zara ist auf der Flucht vor ihren Zuhältern, die sie mit brutalster Gewalt zu Willfährigkeit gezwungen haben und ihr schon dicht auf den Fersen sind. Doch Zara sucht keineswegs so zufällig Unterschlupf bei Aliide, wie diese glaubt: Aliide könnte die Schwester ihrer Großmutter sein.Während Zara noch Beweise für die Verwandtschaft sucht und nach einer Möglichkeit, Estland zu verlassen, fühlt sich Aliide von der jungen Frau bedroht: Zu oft musste sie Leib und Seele, Hab und Gut vor Eindringlingen schützen.Raffiniert in Rückblenden aufgebaut, gelingt es Sofi Oksanen, geboren 1977, Tochter einer estnischen Mutter und eines finnischen Vaters, mit "Fegefeuer" ein Portrait zweier Frauen unterschiedlichen Jahrgangs aufzubauen, die unter ihrem politischen System gelitten haben. Die Familientragödie beschreibt, in einer unerhört fesselnden Sprache und mit schmerzhaften Bildern, das scheinbar zufällige Zusammentreffen der älteren Aliide mit der jüngeren Zara, die sich auf der Flucht befindet.In Rückblenden entsteht das immer schärfer werdende Bild einer Familientragödie, die fast fünfzig Jahre zuvor, als Estland von den Russen besetzt wurde, ihren Höhepunkt fand. Eindringlich wird die Brutalität der Männer gegenüber den Frauen dargestellt und eine mitreißende (weil sprachlich brillante) politisch-literarische Lehrstunde erteilt.Ein "*" Abzug gibt es für das etwas zügig abflachende Ende (nicht im Sinne von belanglos, eher wirkt es - im Vergleich zum restlichen Roman - etwas gehetzt). Zudem wirken die Dokumente am Ende ein wenig farblos (was sie ohne Zweifel einst auch waren, es kratzt aber ein wenig am sprachlich herausragenden Gesamteindruck dieses Werks).Unbedingte Empfehlung - es lohnt sich!
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Letzte Aktualisierung: 29.09.2026 14:05 Uhr.